Medea. Stimmen von Christa Wolf

Die ewige Fremde

Knöcheltief im Wasser steht Maren Eggert zweieinhalb Stunden lang als Medea auf der Bühne des Deutschen Theater Berlin. Mit Jason kam Medea übers Meer als „Flüchtling“ aus Kolchis nach Korinth. Diese Fluchtgeschichte lässt sie niemals los, immer wird sie eine Fremde in Korinth sein. In ihrem Roman Medea. Stimmen hat Christa Wolf gezeigt, wie Medea ihr Fremdsein zum Verhängnis wird, weil der Fremde den sogenannten Einheimischen unheimlich ist, vor allem, wenn er sich, wie Medea, der Anpassung widersetzt. Regisseur Tilman Köhler greift mit Medea. Stimmen einen Stoff auf, der heute so aktuell wie 1996 ist. Die Premiere fand am 5. April 2018 statt. Weiterlesen

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Das Theater Vorpommern erhalten

„Theater muss sein“, hieß es bei uns Zuhause schon als ich noch ein kleines Kind war. Ich bin in einem Bundesland aufgewachsen, bei dessen Nennung einem vermutlich nicht zuerst die Kultur in den Sinn kommt, sondern ihr Gegenteil: Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch hieß es: „Theater muss sein!“ – Mein Vater besprach als Kritiker die Inszenierungen des Theater Vorpommern und ich durfte an seiner Seite schon sehr früh Theaterluft schnuppern: hinter den Kulissen, bei Proben, in der Kantine inmitten der Schauspieler, Musiker oder Techniker. Und selbstverständlich besuchten meine Eltern mit mir jedes Theaterstück und jedes Konzert für Kinder. Im Theater Vorpommern wurde meine Leidenschaft für das Theater geweckt, die ich heute in meinem Beruf pflege.

Seit Jahren und mittlerweile immer drängender kämpfen Kulturschaffende und Bürger in Vorpommern jedoch Weiterlesen

Klassenbuch nach dem Roman von John von Düffel

Analoge Langeweile

Falls Sie kein digital native sind und erfahren wollen, wie es sich anfühlt, die „digitale Adoleszenz“ zu durchleben, bietet Ihnen das Deutsche Theater Berlin in Kristo Šagors Inszenierung des Romans Klassenbuch von John von Düffel dazu eine eindrucksvolle Gelegenheit. Wortgewandt hat von Düffel zwölf Jugendlichen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die Stimmen gegeben, um über ihre Erfahrungen auf der Grenze nicht nur zwischen Kind- und Erwachsensein, sondern auch zwischen digitaler und analoger Welt zu sprechen. Leider vermögen es weder die Poesie dieses Textes noch die ästhetisch sehr reizvolle Inszenierung von Kristo Šagor, darüber hinweg zu täuschen, dass eineinhalb Stunden lang vollendete Trivialität herrscht. – Analoge Langeweile. Die Uraufführung fand am 12. Februar 2018 statt. Weiterlesen

Meteorit von und mit Anna Schimrigk

Wider die Geschichten

Elektra hat es satt, immer wieder dieselbe Geschichte zu erzählen, die Geschichte ihrer Familie, die eine blutige und untrennbar mit ihr verbunden ist. – Ihre Mutter hat ihren Vater ermordet, woraufhin Elektra mit ihrem Bruder die Mutter hinrichtete. Ihre Geschichte von Hass, Liebe und Trauer ist zum Mythos geworden. Von Seneca bis Sartre erzählten und erzählen die Dichter sie immer wieder neu.

Auch Anna Schimrigk konnte der Anziehung dieser Figur nicht widerstehen und hat einen ganz eigenen Zugang zu ihr gesucht. Die Elektra, die Anna Schimrigk selbst geschrieben und in Eigenregie (Regieassistenz: Antonia Ruhl) als Ein-Frau-Stück im Theater im Kino auf die Bühne bringt, fragt sich, was sie als Mensch, jenseits der Mythologisierung ihrer Person, ausmacht. Schimrigks Elektra sucht darum das Vergessen im Weltall, das sie fortan als Meteorit durchstreift. Im luftleeren Raum kann sich der Schall nicht fortpflanzen und so hofft sie, dort die Stimmen nicht mehr zu hören, die nicht müde werden, ihre Geschichte zu erzählen. Meteorit feierte am 12. Januar 2018 im Theater im Kino Premiere. Weiterlesen

The Who And The What von Ayad Akhtar

Blasphemie oder Kulturvermittlung?

Mit The Who And The What ist in einer Inszenierung von Bettina Rehm das jüngste Stück des Pulitzer-Preisträgers Ayad Akhtar auf der Vaganten Bühne zu sehen. Entlang einer spannenden Familiengeschichte versucht sich das Ensemble darin an einer humorvollen Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen Männern und Frauen im Islam. Die Premiere fand am 9. Februar 2018 statt. Weiterlesen

„Tigermilch“ von Stefanie de Velasco

Zwischen Sandkasten und Straßenstrich

Es ist Sommer und die Ferien haben gerade begonnen. Die Freundinnen Nini und Jameelah aus einer Berliner Hochhaussiedlung schmieden Pläne für diesen scheinbar endlosen Ozean aus Zeit. Schnell wird klar, welcher Wunsch keinen Aufschub mehr duldet: die Entjungferung.

In ihrem Roman Tigermilch hat Stefanie de Velasco den ganzen Wahnsinn der Pubertät ausgebreitet. Regisseur Wojtek Klemm und Dramaturgin Birgit Lengers haben Nini, Jameelah und ihre Freunde nun auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht. Die Inszenierung feierte am 10. Januar 2018 Premiere und überzeugte durch ihren besonders starken Jahrgang jugendlicher Laiendarsteller des Jungen DT. Weiterlesen

„Caligula“ von Albert Camus

Wenn die Liebe genügte, wäre alles anders.“

„Liebe ist Nichts“, klagt der römische Kaiser Caligula nach dem Tod seiner Geliebten Drusilla. Auch seine Liebe vermochte sie nicht am Leben zu erhalten. Zugleich wird ihm bewusst: „Die Menschen sterben und sind nicht glücklich.“ Diese Erkenntnis und der unüberwindbare Schmerz über seinen Verlust führen ihn zu einer Verneinung des Lebens schlechthin. Ein Menschenleben ist ihm nichts mehr wert und so beginnt er, seine Untertanen willkürlich zu ermorden, einfach, weil er die Macht dazu hat. In Caligulas absoluter Herrschaft bleibt natürlich auch kein Raum für Götter. So ersetzt er diese kurzerhand durch seine eigene Person. Doch als wäre dies nicht absurd genug, äußert er auch den bescheidenen Wunsch, den Mond zu besitzen, und sein verängstigter Diener setzt alles daran, ihm diesen zu beschaffen, denn wenn „das Unmögliche endlich auf Erden“, so Caligula, und „der Mond in meiner Hand –, dann werde vielleicht ich selbst verwandelt sein und die Welt mit mir. Dann endlich werden die Menschen nicht mehr sterben und glücklich sein.“ Doch so weit kommt es nicht, wenngleich Caligulas Diener den Mond herbeischafft.

Albert Camus‘ kompromisslos grausamer Herrscher Caligula verwandelt sich nicht. Und er lässt sich auch nicht durch seine Ermordung vernichten. Vielmehr lebt er als Prinzip fort: „Nein, Caligula ist nicht tot. Er ist da, und da. Er ist in einem jeden von euch.“ Camus selbst wird von der Wahrhaftigkeit seiner Schöpfung eingeholt. – Er schrieb die erste Fassung von Caligula 1938, fasziniert von dem Gedankenexperiment eines aktiven Nihilismus. Angesichts der realen Bedrohung und Vernichtung des Menschen im Nationalsozialismus veränderte Camus Caligula jedoch dahingehend, dass die Revolte gegen den Totalitarismus mehr Gewicht gewann. Die Revolte besteht in dem schlichten, aber ganz menschlichen Wunsch, zu leben und glücklich zu sein, einfach, weil das der einzige Sinn des menschlichen Lebens zu sein scheint.

Nichtsdestotrotz ist die Zerstörungskraft Caligulas, die sich in seiner absoluten Macht entfaltet, das prägende Erlebnis, mit dem der Zuschauer dieses Dramas konfrontiert ist. Die Inszenierung von Antú Romero Nunes am Berliner Ensemble (Premiere 21. September 2017) schöpft die Faszination, die in dieser Dreistigkeit der willkürlichen Mordens liegt, voll aus. Nunes‘ Caligula ist ein kompromissloses Splatterstück. Weiterlesen