Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams

In Elysischen Gefilden

Zwischen hochsymbolischen Orten wie ihrem Zuhause namens Belle Rêve und einem Ort, der sich sarkastisch „Elysische Gefilde“ nennt, und irgendwo kurz vor der Endstation Sehnsucht und dem Friedhof liegt, entfaltet sich der unaufhaltsame Abstieg der Blanche DuBois. Michael Thalheimer inszeniert ihn am Berliner Ensemble in Endstation Sehnsucht als das Anfliegen eines zarten weißen Schmetterlings gegen einen Orkan, der ihn unweigerlich irgendwann gegen die Wand drücken wird. Dieses viel gespielte Stück von Tennessee Williams über zerstörerische und selbstzerstörerische Tendenzen, kondensiert in Thalheimers Inszenierung zu einem Strom eindringlicher Dramatik. Die Premiere fand am 21. April 2018 statt. Weiterlesen

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Draufgängerinnen. All Adventurous Women Do von Tanja Šljivar

Sieben auf einen Streich

Fünf Tage hat die Klassenfahrt nur gedauert, aber sieben Mädchen kehren schwanger von ihr zurück. So geschehen 2014 in Bosnien und Herzegowina. Infolgedessen ging ein Aufschrei von Eltern und Erziehern durch die Medien, denn Teenager-Schwangerschaften waren längst keine Seltenheit mehr. Es wurde über Sexualkunde in der Schule und Aufklärung Zuhause gesprochen. Über die sieben Mädchen, die schwanger von ihrer Klassenfahrt zurückkehrten, wurde vor allem gemutmaßt und geurteilt. Sie selbst kamen jedoch nicht zu Wort.

Die Autorin Tanja Šljivar gibt ihnen in Draufgängerinnen. All Adventurous Women Do eine Stimme. Das Stück wurde am 15. April 2018 im Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Salome Dastmalchi uraufgeführt. Die sieben Darstellerinnen und Darsteller des Jungen DT lassen dabei einen vielstimmigen Chor erklingen, der vehement das Recht auf Selbstbestimmung einfordert und die Kraft dafür aus der Gemeinschaft, einer Gemeinschaft der Ungehörten, zieht. Weiterlesen

Medea. Stimmen von Christa Wolf

Die ewige Fremde

Knöcheltief im Wasser steht Maren Eggert zweieinhalb Stunden lang als Medea auf der Bühne des Deutschen Theater Berlin. Mit Jason kam Medea übers Meer als „Flüchtling“ aus Kolchis nach Korinth. Diese Fluchtgeschichte lässt sie niemals los, immer wird sie eine Fremde in Korinth sein. In ihrem Roman Medea. Stimmen hat Christa Wolf gezeigt, wie Medea ihr Fremdsein zum Verhängnis wird, weil der Fremde den sogenannten Einheimischen unheimlich ist, vor allem, wenn er sich, wie Medea, der Anpassung widersetzt. Regisseur Tilman Köhler greift mit Medea. Stimmen einen Stoff auf, der heute so aktuell wie 1996 ist. Die Premiere fand am 5. April 2018 statt. Weiterlesen

Das Theater Vorpommern erhalten

„Theater muss sein“, hieß es bei uns Zuhause schon als ich noch ein kleines Kind war. Ich bin in einem Bundesland aufgewachsen, bei dessen Nennung einem vermutlich nicht zuerst die Kultur in den Sinn kommt, sondern ihr Gegenteil: Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch hieß es: „Theater muss sein!“ – Mein Vater besprach als Kritiker die Inszenierungen des Theater Vorpommern und ich durfte an seiner Seite schon sehr früh Theaterluft schnuppern: hinter den Kulissen, bei Proben, in der Kantine inmitten der Schauspieler, Musiker oder Techniker. Und selbstverständlich besuchten meine Eltern mit mir jedes Theaterstück und jedes Konzert für Kinder. Im Theater Vorpommern wurde meine Leidenschaft für das Theater geweckt, die ich heute in meinem Beruf pflege.

Seit Jahren und mittlerweile immer drängender kämpfen Kulturschaffende und Bürger in Vorpommern jedoch Weiterlesen

Klassenbuch nach dem Roman von John von Düffel

Analoge Langeweile

Falls Sie kein digital native sind und erfahren wollen, wie es sich anfühlt, die „digitale Adoleszenz“ zu durchleben, bietet Ihnen das Deutsche Theater Berlin in Kristo Šagors Inszenierung des Romans Klassenbuch von John von Düffel dazu eine eindrucksvolle Gelegenheit. Wortgewandt hat von Düffel zwölf Jugendlichen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die Stimmen gegeben, um über ihre Erfahrungen auf der Grenze nicht nur zwischen Kind- und Erwachsensein, sondern auch zwischen digitaler und analoger Welt zu sprechen. Leider vermögen es weder die Poesie dieses Textes noch die ästhetisch sehr reizvolle Inszenierung von Kristo Šagor, darüber hinweg zu täuschen, dass eineinhalb Stunden lang vollendete Trivialität herrscht. – Analoge Langeweile. Die Uraufführung fand am 12. Februar 2018 statt. Weiterlesen

Meteorit von und mit Anna Schimrigk

Wider die Geschichten

Elektra hat es satt, immer wieder dieselbe Geschichte zu erzählen, die Geschichte ihrer Familie, die eine blutige und untrennbar mit ihr verbunden ist. – Ihre Mutter hat ihren Vater ermordet, woraufhin Elektra mit ihrem Bruder die Mutter hinrichtete. Ihre Geschichte von Hass, Liebe und Trauer ist zum Mythos geworden. Von Seneca bis Sartre erzählten und erzählen die Dichter sie immer wieder neu.

Auch Anna Schimrigk konnte der Anziehung dieser Figur nicht widerstehen und hat einen ganz eigenen Zugang zu ihr gesucht. Die Elektra, die Anna Schimrigk selbst geschrieben und in Eigenregie (Regieassistenz: Antonia Ruhl) als Ein-Frau-Stück im Theater im Kino auf die Bühne bringt, fragt sich, was sie als Mensch, jenseits der Mythologisierung ihrer Person, ausmacht. Schimrigks Elektra sucht darum das Vergessen im Weltall, das sie fortan als Meteorit durchstreift. Im luftleeren Raum kann sich der Schall nicht fortpflanzen und so hofft sie, dort die Stimmen nicht mehr zu hören, die nicht müde werden, ihre Geschichte zu erzählen. Meteorit feierte am 12. Januar 2018 im Theater im Kino Premiere. Weiterlesen

The Who And The What von Ayad Akhtar

Blasphemie oder Kulturvermittlung?

Mit The Who And The What ist in einer Inszenierung von Bettina Rehm das jüngste Stück des Pulitzer-Preisträgers Ayad Akhtar auf der Vaganten Bühne zu sehen. Entlang einer spannenden Familiengeschichte versucht sich das Ensemble darin an einer humorvollen Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen Männern und Frauen im Islam. Die Premiere fand am 9. Februar 2018 statt. Weiterlesen