„Auerhaus“ nach dem Roman von Bov Bjerg

Barfuß im echten Leben stehen

Schulabschluss, Leistungsdruck, die Frage, wie es danach weitergehen soll, die Vorstellungen der Eltern und die eigenen Sehnsüchte – oftmals grundverschieden –, das alles kann einem schon ganz schön Angst machen. Und den Moment, an dem man aus Mühle mal raus will, um sich klar darüber zu werden, welche Sehnsüchte so groß sind, dass man ihnen nachspüren möchte, hat wohl jeder schon erlebt. Um sich jedoch nicht ganz allein in dieses Abenteuer zu wagen, weiß man gern Gleichgesinnte an seiner Seite – das Modell WG ist bei vielen im Augenblick des Erwachsenwerdens deshalb sehr beliebt.

Eine nicht ganz gewöhnliche WG-Konstellation stellt Bov Bjerg in seinem Roman Auerhaus vor. Nora Schlocker und Birgit Lengers haben die Geschichte um diese sechs ganz besonderen Jugendlichen, die für kurze Zeit ihre idealistische Vorstellung von Gemeinschaft leben dürfen, nun für die Bühne des Deutschen Theaters Berlin adaptiert. Die bejubelte Uraufführung fand am 21. Mai 2017 statt. Weiterlesen

„Phädra“ von Jean Racine

Wer liebt, hat schon verloren

Das Deutsche Theater Berlin bringt mit Phädra von Racine in der Inszenierung von Stephan Kimmig eine klassische Tragödie par excellence auf die Bühne und beweist, was schon Alfred Kerr befand: Phädra „bleibt schlichtweg ein spannendes, wundervoll gebundenes Meisterwerk [voll] kultivierter Leidenschaft. Treibhäuslicher Tragik. Alles wächst auf Beeten. Jeder Ausbruch bemessen, gerundet …“ Die Premiere fand am 12. Mai 2017 statt. Weiterlesen

„Glückliche Tage“ von Samuel Beckett

Zeit für ein Lied

Samuel Beckett war der Dichter des Schweigens, der Poet des Nicht-Gesagten. – Verglichen mit anderen Inszenierungen, die derzeit Premiere feiern und ein Themenspektrum von Patriarchat über Nationalismus, Homosexualität, Klassenkampf und romantische Liebe bis hin zur Umweltzerstörung (wohlgemerkt gleichzeitig!!) abhandeln, geschieht in Glückliche Tage nahezu nichts. Und doch, man spürt es deutlich, geht es in der Inszenierung, die am Deutschen Theater Berlin unter Regie von Christian Schwochow am 22. April 2017 Premiere feierte, um alles, was das menschliche Sein ausmacht. Weiterlesen

„Die Welt in uns“ – eine Stückentwicklung von Turbo Pascal und Berliner Schülern

Weltbürgertum. Ein Spiel

Zu einem Zeitpunkt, an dem nationalistische Strömungen eine erschreckende Kraft und Popularität entwickeln, erinnert das Deutsche Theater Berlin mit der Stückentwicklung Die Welt in uns des Berliner Theater- und Performancekollektivs Turbo Pascal an die nahezu vergessene Weltbürgerbewegung, die 1948 von Garry Davis angestoßen wurde. Die Uraufführung fand am 23. April 2017 statt. Weiterlesen

Katzelmacher von Rainer Werner Fassbinder

Wer zahlt, darf bleiben

Auf den Dächern einer deutschen Provinzstadt ist genug Raum für neun Jugendliche und ihre Alltagsdramen. Sie saufen dort zusammen, streiten sich, teilen ihre Geheimnisse, haben Sex – und öden sich an.

Mit Talent und Hingabe ist es dem Jungen DT unter Regie von Jessica Glause gelungen, diese große Langeweile von Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher auf der Bühne des Deutschen Theaters berührend und aufrüttelnd zu gestalten. Premiere war am 6. Februar 2017. Weiterlesen

Wenn Farah weint

Eine Form finden

Es ist eine Sysiphos-Arbeit: Ankommen, sich etwas aufbauen, das, noch bevor es fertig ist, immer wieder einstürzt. Einen besseren Ort suchen, von Vorn beginnen. – Unermüdlich schichten die Darsteller in Wenn Farah weint Treibhölzer übereinander, bis Gebilde entstehen, die an Häuser – oder vielmehr Behausungen – erinnert. Immer wieder fallen einzelne Hölzchen herab oder stürzt das gesamte Konstrukt ein. Dieses Bild: Vielmehr braucht es nicht, um zu erahnen, wie es Farah ergeht, der jungen syrischen Frau, die einen neuen, eigenen Platz jenseits von familiären, gesellschaftlichen und patriarchalen Zwängen sucht. Weiterlesen

„BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida)“ von Fritz Kater

Alles ist möglich

»Utopie, Phantasie, Instinkt, Liebe und Tod, Sorge: In BUCH. Berlin skizziert der Gegenwarts- und Erinnerungsautor Fritz Kater fünf mögliche Zutaten des Lebens«, so die Ankündigung des Deutschen Theaters Berlin für die Inszenierung von Tilman Köhler, die am 24. September 2016 Premiere hatte. Hier offenbart sich bereits die größte Schwäche des Stücks: Es handelt von möglichen Zutaten des Lebens. Statt der Offenheit, die der Autor damit suggeriert, verzettelt er sich jedoch in einer Beliebigkeit, die jeden Zusammenhang, jede Aussage verweigert. Tilman Köhler hat diese Unentschiedenheit, dieses Nebeneinander von Möglichkeiten, immerhin unterhaltsam inszeniert, doch zurück bleibt der Eindruck, nahezu drei Stunden lang durch ein Labyrinth von Geschichten geschickt zu werden, an dessen Ausgang lediglich die Erleichterung wartet, dass der Vorhang endlich fällt. Weiterlesen