status quo von Maja Zade

Dominanz und Unterwerfung

Flo heißt eigentlich Florian. Doch die Verniedlichung seines Namens ist nur der Anfang seines Schrumpfens. In einer Welt, in der die Frauen an der Macht sind und in der der Mann das Objekt der Begierde und auch der Diskriminierung – im Häuslichen wie Beruflichen – ist, wird Florian um einiges zurechtgestutzt.

Diese Welt der verkehrten Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen hat Maja Zade in ihrem Stück status quo geschaffen, das am 18. Januar 2019 an der Schaubühne Berlin unter Regie von Marius von Mayenburg uraufgeführt wurde.

In status quo werden parallel drei Geschichten erzählt: von drei Berufsanfängern, die alle „Flo“ heißen. Sie spielen in unterschiedlichen Milieus: in einem Maklerbüro, in einem Drogeriemarkt und in einem Theater. Überall wird „der junge, hübsche Flo“ Opfer der Geringschätzung und Willkür, sowie sexueller Objektifizierung und Übergriffe durch seine weiblichen Vorgesetzten. Er wird von der Filialleiterin im Lager der Drogerie begrapscht, im Maklerbüro von den Kolleginnen wie ein Dummchen behandelt und im Theater als leidenschaftliches Sexhäschen besetzt. Zuhause ergeht es ihm nicht besser. Seine Frau fordert von ihm, sämtliche Haushaltsdienste in Demut und Dankbarkeit gegenüber ihr als Hauptverdienerin zu verrichten und so bald als möglich für Nachwuchs zu sorgen. Und sein Freund nimmt Flos Beschwerden über die sexuelle Nötigung durch seine Chefin nicht einmal ernst.

Doch die Unterwerfung geht auch von Flo selbst aus, der sich um Fleiß und Höflichkeit bemüht, der Frau und Chefin immer alles recht und nie „eine Szene“ machen will. Flo akzeptiert die Spielregeln, wenn er sich einen Vorteil beim Vorsprechen am Theater erhofft, indem er sich dabei entblößt. Und er bejaht die Machtverhältnisse, wenn er, aus Angst, seinen Job zu verlieren, seine Freundin davon abhält, die sexuell übergriffige Chefin in ihre Schranken zu weisen.

Eher als Bestätigung der Regel, denn als Ausnahme gibt es auch diese eine Frau, die anders ist, nicht so machtbesessen und hart wie die anderen. Eine Softie, sozusagen. Sie ist eine Männer-Versteherin, eine Verteidigerin der männlichen Rechte und eine Bewunderin von Flos Mut.

Die Verkehrung der Verhältnisse, die Maja Zade sprachlich wie dramaturgisch konsequent verwirklicht hat, stellt die Absurditäten in der Beziehungen zwischen Männern und Frauen aus. Die ironische und selbstironische Haltung, mit der Autorin und Schauspieler*innen in diese Szenen gehen, macht die originelle Gesellschaftsanalyse zur Komödie. Zuweilen mag man oder frau aber auch Trauer und Wut empfinden, wenn Darsteller Moritz Gottwald jammernd und fluchend um Flos Würde ringt.

Foto: Arno Declair

Jeder Zentimeter seiner langen, schlanken Glieder gehorcht der emotionalen Spannung in seinem Inneren. Moritz Gottwald gelingt es zuverlässig, die richtigen Töne auf dieser Klaviatur zwischen Schüchternheit, Mut, Scham und Hoffnung zu treffen. Seine Flos sind nicht einfach Männer, die sich wie Frauen verhalten, denn so einfach ist es ja nicht. Es sind aber Männer, die Erfahrungen sammeln, die in der Realität wohl allermeistens Frauen machen. Und Gottwalds Flo reagiert darauf, wie die meisten Menschen – nicht Männer oder Frauen – es täten: Mit Verunsicherung, Wut, Angst und auch mal Koketterie.

Die richtigen Töne trifft Moritz Gottwald auch bei seinen mal komischen, mal dramatischen oder melancholischen Gesangseinlagen und überrascht dabei mit ungeahnter Stimmkraft.

Jule Böwe, Marie Burchard und Jenny König in den Rollen der Frauen bleiben hingegen blass, was jedoch kaum an ihren darstellerischen Fähigkeiten, sondern vielmehr an dem eher oberflächlichen und meist stereotypen Entwurf ihrer Figuren liegt. Nahezu alle Frauenfiguren in status quo gehen breitbeinig, rülpsend und immer leicht besoffen durchs Leben. Das ist ein harter Schlag gegen ihr Vorbild, unsere Männer, aber um die scheint es in status quo eher weniger zu gehen. Vielmehr mag es Maja Zades Anliegen sein, ein weibliches Erleben und Erleiden in der Verkehrung ins Gegenteil deutlich und nachfühlbar zu machen.

Das ist ein origineller Ansatz, der sicher die ein oder andere Betroffenheit erzielt – ganz ohne Larmoyanz wohlgemerkt. Noch interessanter und wünschenswert wäre es allerdings, zu diesem Bild der Unterwerfung des Mannes auch ein glaubwürdiges Bild weiblicher Dominanz auf die Bühne zu bringen, statt die weiblichen Figuren lediglich mit stereotypen männlichen Merkmalen auszustatten.

Magdalena Sporkmann

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