Keine weiteren Fragen von und mit Christian Ehring

Zeitung lesen mit Christian Ehring

Am 2. und 3. November 2018 ist Christian Ehring mit seiner Show Keine weiteren Fragen, einem Kabarett mit Musik, zu Gast im BKA Theater in Berlin. Er nimmt darin die Deutschen zwischen Willkommenskultur, Authentizität, Gentrifizierung und Gutmenschentum aufs Korn.

Die euphemistisch als „angespannt“ zu bezeichnende politische und soziale Klima entnimmt Ehring in gewohnt lässig kommentierender Art der Tageszeitung und bettet sie ins Privatleben (s)einer Mittelstandsfamilie ein. Wie geht umgehen mit den Unwägbarkeiten unserer Zeit, wenn man selbst in seiner Wohlstands- und Sicherheitsblase im Cappuccino-Gürtel einer Deutschen Großstadt mit Frau und Filius im Eigenheim das private Glück zelebriert? Der Einkauf im Bioladen, das obligatorische freiwillige Jahr im Slum von Buenos Aires, die Ausbildung zum Yogalehrer, die pathetische verbale Anteilnahme am Schicksal aller, denen es nicht so gut geht, wie einem selbst, die Aura der Hilfsbereitschaft: Gutmenschentum, Bürgerpflicht, Verantwortungsbewusstsein oder moralischer Ablasshandel? Christian Ehring kommt den Scheinheiligen auf die Spur.

Highlights sind die musikalischen Happen, die Ehring singend am Klavier serviert. Seine Liedtexte sind klug und leicht, witzig und würzig zugleich. Sie sind als Kondensat seiner Kritik ein präziser Kommentar zu seinen Monologen.

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Foto: Stephan Wieland

Keine weiteren Fragen ist ein sehr lustiger Abend, an dem sich Ehrings assoziativer Monolog über Politik, Moral und Verantwortung zwischen einer etwas länglichen Makro-Gesellschafts-Satire biodeutscher, urbaner Mittelständler und z.T. durchaus übers Ziel hinaus geschossener Politik-Satire einpendelt.

Natürlich: Satire ist Zuspitzung, aber manchmal geht diese Vereinfachung zu weit. So etwa, wenn Christian Ehring sagt, die AfD sei wie Hämorrhoiden-Salbe: Ist sie einmal aus der Tube, geht sie so leicht nicht mehr zurück, tut aber den Arschlöchern gut. Es ist unvermeidlich, Sie an dieser Stelle um die Pointe zu bringen, um zu fragen: Ist es nicht zu leicht, die AfD-Wähler als Arschlöcher abzutun? Bringen wir uns damit nicht um die Chance, ihnen nahe zu kommen, zu begegnen, uns mit ihrem Standpunkt auseinander zu setzen und sie umzustimmen bzw. die Verhältnisse, die dazu führen, dass Menschen sich von Rechtspopulisten angezogen fühlen, zu verbessern? Sind die Motive für Menschen, der AfD ihre Stimme zu geben, nicht vielfältiger als schlicht ein übler Charakter? Spielen nicht vielleicht Angst, Druck und Orientierungslosigkeit eine Rolle? Sicher: Münden solche Gefühle in der Unterstützung rechtsradikaler Ansichten, ist das gefährlich.

Der Satiriker zieht alle durch den Kakao – je oller, je doller. Gleichwohl ist bei Christian Ehring, der nicht nur durch die Spende des Verkaufserlöses aus seinen CDs an Organisationen, die Geflüchteten helfen, Flagge zeigt, das Anliegen zu erkennen, sein Publikum mit Humor zu mehr Respekt, Toleranz und Offenheit zu bringen. Mit der AfD-Arschloch-Pointe erreicht er die, die er erreichen möchte, aber garantiert nicht: Für sie ist diese Provokation nur Wasser auf ihre Mühlen.

Bestechend ist eigentlich Ehrings allmähliches Hineingleiten in ein Milieu. Durch Witz nimmt er dem Publikum die Berührungsängste (und Vorurteile) und bringt es so unmerklich ganz nah an die Überzeugungen und die Lebenswirklichkeit einzelner Milieus. So finden wir uns mitten in einer kleinen Neubau-Siedlung wieder, in der sich vorgeblich linke Ärzte und Rechtsanwälte im angeblich sozial und ökologisch verträglichen Glück ihres bescheidenen Vorortdaseins sonnen, auf dem Rasen, auf dem bis vor einem Jahr noch Häuser mit Sozialwohnungen standen. Es ist gerade Ehrings Empathie-Vermögen, dass es ermöglicht, uns schmerzhaft, aber lustig bewusst zu machen, wie privilegiert/überheblich/eindimensional/inkonsequent wir oft sind. Hier entfaltet sich die transformative Kraft seiner Kunst.

Empathie mit denen zu haben, die politisch am weitesten von einem selbst entfernt stehen, ist vermutlich so schwer wie es wirkungsvoll sein kann, wenn man diese Empathie wie Ehring nutzt, um dem Gegenüber aus der Nähe mit einem Lächeln im Gesicht ans Ego zu fassen und es einmal kräftig zu drücken.

Am stärksten ist Christian Ehring als Kommentator des Geschehens auf der (großen) politischen Bühne. Der Ausflug ins Private sollte kein Rückzug werden. Christian Ehring wird zu Recht gefeiert für seinen Biss, seine Unverfrorenheit, seinen Mut – gepaart mit großem Können.

Magdalena Sporkmann

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