Die Wiederholung von Milo Rau

Die Gewalt des Zuschauers

„Was ist das Extremste, das du je auf der Bühne getan hast?“, wird ein Schauspieler im Casting gefragt. Er antwortet auf diese Frage mit einer Geschichte, die ihn beeindruckt hat: Ein Schauspieler betritt die Bühne mit einem Stuhl. Diesen platziert er unter eine Schlinge, die von der Decke hängt. Dann steigt er auf den Stuhl und legt sich die Schlinge um den Hals. Er werde jetzt den Stuhl wegstoßen und sich dann an dem Seil festhalten, damit es ihn nicht erdrosselt, erklärt er dem Publikum und fügt hinzu, in der Probe habe er es höchstens 20 Sekunden lang geschafft, sich festzuhalten. Dann stößt er den Stuhl um … und übergibt damit dem Publikum die Entscheidung über sein Leben und seinen Tod. Wird es einfach sitzen bleiben und zuschauen, wie er stirbt oder wird es aktiv werden und ihn retten?

Milo Rau stellt sich in Die Wiederholung der Frage nach der Rolle, die der Akt des Zuschauens im Theater spielt, vor allem, wenn es um die Darstellung von Gewalt auf der Bühne geht. Damit eröffnet er die Reihe »Histoire(s) du théâtre«, eine spielerische Langzeituntersuchung der ältesten Kunstform der Menschheit. Die Wiederholung feierte am 1. September 2018 in der Schaubühne seine Deutschlandpremiere.

Die Inszenierung wird dramaturgisch von einem Mordfall zusammengehalten. – In einer Nacht im April 2012 spricht Ihsane Jarfi an einer Straßenecke von Liège vor einer Schwulenbar mit einer Gruppe junger Männer in einem grauen VW Polo. Zwei Wochen später findet man ihn tot am Rand eines Waldes in der Umgebung. Er wurde stundenlang gefoltert und brutal ermordet. Das Verbrechen erschüttert und verstört die ganze Stadt, die durch hohe Arbeitslosigkeit nach Schließung vieler Industriebetriebe und soziale Spannungen geprägt ist.

Milo Rau nimmt dieses traumatisierende Ereignis zum Anlass, eine Re-Inszenierung der Geschichte mit einem Kollektiv von Profi- und Laien-Schauspielern aus Liège auf die Bühne zu bringen.

Dabei zeigt er auch Szenen aus dem Casting, die eine Auseinandersetzung mit der Frage ermöglichen, was es für die Schauspieler bedeutet, Gewalt auf der Bühne darzustellen: Anfangs wehrt sich Fabien Leenders, der einen der Entführer Ihsanes spielen soll, dagegen, jemanden auf der Bühne zu schlagen. Seine Bühnenpartnerin Sara de Bosschere bringt ihm eine Technik bei, mittels der sein Schlag auf der Bühne echt aussieht, ihr aber nicht weh tut. Als sie beim Üben dramatisch in die Knie geht, nachdem Fabien seinen Schlag angedeutet hat, ist er selbst erstaunt und schockiert von der Wirkung der Geste. Sein Spielpartner Sébastien Foucault, der Ihsanes Mörder spielen soll, perfektioniert diese Technik. In der Probenszene auf der Bühne ist seine Folter Ihsanes (Tom Adjibi) für das Publikum eine schwer auszuhaltende Tortur: Minutenlang drischt und tritt er auf den am Boden Liegenden ein, bespuckt und bepisst ihn und lässt ihn schließlich nackt und geschunden zurück. Kaum Erleichterung bringt die Geste, in der Johan Leysen, der den Regisseur darstellt, Tom Adjibi vom Boden auf- und in einen Bademantel hineinhilft.

Foto: Michiel Devijver

Auf allen Ebenen verflechtet Milo Rau in Die Wiederholung Realität und Theater und problematisiert dabei immer wieder die Darstellbarkeit von Realität auf der Bühne. – Der inszenierte Mord ist eben keine Wiederholung und die körperliche Gewalt, die auf der Bühne gezeigt wird, verursacht keinen physischen Schmerz. – Wenngleich die Illusion perfekt ist: Mit hohem technischen Aufwand lässt Milo Rau stark atmosphärische Bilder auf der Bühne entstehen. Die kalte und regnerische Aprilnacht, in der Ihsane zu Tode gefoltert wurde, wird erlebbar, genauso wie die intime Geborgenheit des Studios, in dem die Schauspieler beim Casting von ihren Bühnenerfahrungen, ihrem Alltag und ihren Erinnerungen an die mediale Darstellung des Mordes an Ihsane erzählen. Bühnenbild, Video, Licht und Sound sorgen in Die Wiederholung für stimmungsvolle Bilder, die von den Darstellern mit Hingebung belebt werden.

Allen voran ist hier die Textrezitation Johan Leysens zu nennen, der zu Demonstrationsszwecken ein paar Shakespeare-Verse aus dem Ärmel schüttelt, die vom Publikum mit Szenenapplaus honoriert werden und genauso wahr und wirklich klingen wie die einfühlsamen Fragen, die er als Regisseur den Schauspielern stellt. Als Laien-Darsteller liefert Fabien Leenders eine beeindruckende Performance ab, in der er Witz und dramatische Tiefe auf das Sympathischste vereint. Suzy Cocco, ebenfalls Laiin, bleibt mit ihrer zurückhaltenden Spielweise neben ihm etwas blass. Als solide kann Tom Adjibis Verkörperung Ihsanes bezeichnet werden. Und Sara de Bosschere wird ihrem Einsatz als Springerin zwischen verschiedenen Rollen gerecht. Sébastien Foucault hingegen beeindruckt in zwei ganz gegensätzlichen Rollen. Als Mörder Ihsanes gelingt ihm die gefährliche Mischung aus Dummheit und Brutalität, die seine Tat so schwer zu begreifen machen. Besonders eindrucksvoll werden Hilflosigkeit und Unverständnis angesichts der so sinnlosen wie barbarischen Tat von Ihsanes Exfreund zur Sprache gebracht. Auch diese Figur interpretiert Sébastien Foucault auf berührende Weise.

Im Laufe dieses Theaterabends macht das Publikum eine erstaunliche Entdeckung: Wenngleich die Illusion, die auf der Bühne so überzeugend geschaffen wird, eine Ahnung von der Wirklichkeit, die sie abbilden möchte, erzeugt, bleibt sie doch nur eine Repräsentation. Real aber ist der Akt des Zuschauens. Und der Akt des Zuschauens, so spürt man, ist auch das eigentlich Gewaltsame, das an diesem Abend geschieht. Vielleicht war man sich der Brutalität des Zuschauens, der Gewalt, die der Zuschauer durch den vermeintlich passiven Akt des Zusehens erzeugt, noch nie zuvor so bewusst wie an diesem Abend.

Magdalena Sporkmann

 

 

Konzept und Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Video: Maxime Jennes, Dimitri Petrovic
Recherche und Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy
Dramaturgische Mitarbeit: Stefan Bläske, Carmen Hornbostel
Licht: Jurgen Kolb
Sounddesign: Jens Baudisch
Kamera: Maxime Jennes, Moritz von Dungern
Produktion: Mascha Euchner-Martinez, Eva-Karen Tittmann

Mit: Tom Adjibi, Suzy Cocco, Sara de Bosschere, Sébastien Foucault, Fabian Leenders, Johan Leysen

Die Wiederholung ist eine Produktion des International Institute of Political Murder (IIPM), Création Studio Théâtre National Wallonie-Bruxelles. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds Berlin, Pro Helvetia und Ernst-Göhner-Stiftung. In Koproduktion mit Kunstenfestivaldesarts, NTGent, Schaubühne Berlin, Théâtre Vidy-Lausanne, Théâtre Nanterre-Amandiers, Tandem Scène Nationale Arras Douai, Théâtre de Liège, Münchner Kammerspiele, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt a. M., Theater Chur, Gessnerallee Zürich, Romaeuropa Festival.

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