The Encounter von Complicité/Simon McBurney

Erzähle ihnen, dass wir wirklich existieren.“

The Encounter ist die von Complicité/Simon McBurney inszenierte Begegnung mit dem Stamm der Mayoruna im Amazonasdelta. Die Koproduktion von Complicité mit dem Edinburgh International Festival, dem Barbican London, dem Onassis Cultural Centre Athen, der Schaubühne Berlin, dem Théâtre Vidy Lausanne und dem Warwick Arts Centre feierte am 17. Mai 2018 in der Schaubühne Berlin seine Deutschlandpremiere und verführte das Publikum zu Standing Ovations.

Der britische Schauspieler und Regisseur Simon McBurney führt das Publikum in lässigem Plauderton unmerklich in die unglaubliche Geschichte, die er ihm in den darauffolgenden zwei Stunden – basierend auf dem Roman Amazon Beaming von Petru Popescu – erzählen wird. Gemeinsam werden die Kopfhörer ausprobiert, die an jedem Sitzplatz bereit liegen. So ausgestattet darf sich das Publikum einer Theatervorstellung hingeben, die technisch ihresgleichen sucht. Ermöglicht wird das besondere Erlebnis durch ein Mikrofon in Form eines stilisierten menschlichen Kopfes, das in der Mitte der Bühne aufgestellt ist. Spricht McBurney ins „linke Ohr“ dieses Mikrofons, erhält der Zuhörer den Eindruck, McBurney stünde geradewegs neben ihm und würde ihm ins Ohr flüstern. Die Illusion ist so vollkommen, dass sie physisch erlebbar ist: man bekommt Gänsehaut und meint den Atem des Sprechers zu spüren. In einer energetischen Solo-Performance schöpft McBurney die technischen Möglichkeiten dieser Einrichtung vollkommen aus. Seine eindringliche und wortgewaltige Erzählung illustriert er, indem er die Geräusche des Urwalds, eines Feuers, des Amazonas-Wassers, von Flugzeugen, die über dem Regenwald kreisen akustisch nachahmt, live aufzeichnet und in Schleifen übereinander legt. Gareth Fry und Pete Malkin unterstützen ihn bei dieser brillanten Show am Ton. Paul Anderson ergänzt dies mit einem minimalistischen aber umso wirkungsvolleren Lichteinsatz. – Die rückwärtige Bühnenwand ist mit einem plastischen Geflecht aus Lichtfeldern verkleidet. Mal streicht ein atmosphärischer Farbschleier darüber, mal lassen die Lichter die Wand wie Feuer lodern, dann wieder wird sie zur Wasserfläche, in der sich die Wellen eines hineingeworfenen Steines kreisförmig ausbreiten.

Foto: Robbie Jack

Die Geschichte, die dem Publikum so synästhetisch dargeboten wird, ist nicht minder erstaunlich: 1969 begibt sich Loren McIntyre, ein Fotojournalist des National Geographic-Magazins, auf eine Reise, die ihn auf dem Amazonas zur brasilianisch-peruanischen Grenze führt. Er ist auf der Suche nach den Mayoruna, den „Katzen-Menschen“, einem von der Zivilisation abgeschnittenen, halb-nomadischen Stamm, der tief im Dschungel des einsam gelegenen Javari-Tals lebt. Der Aufenthalt bei den Mayoruna, die keine Trennung zwischen Mensch und Natur machen und die Zeit als kreisförmig statt fortlaufend betrachten, verändert seine Sicht auf die Welt grundlegend. Sechzehn Jahre später, in Manaus, kommt er dem Wunsch der Mayoruna – „Erzähle ihnen, dass wir wirklich existieren.“ – nach, und erzählt die Geschichte dem rumänischen Autor Petru Popescu, der sie in seinem Buch Amazon Beaming aufschreibt.

Mit The Encounter ist Simon McBurney und seinem Team eine sowohl schauspielerisch als auch technisch eindrucksvolle Darbietung gelungen. Scheinbar in promptu entsteht die immer komplexer werdende Erzählung und deren Re-Enactment auf der Bühne und entfaltet eine philosophische Weltanschauung, die in ihrer fremdartigen Logik einen bestrickenden Zauber innehat. Mühelos und fasziniert folgt man sogar psychedelisch-verstörenden Textpassagen, so fest hat der Erzähler sein Publikum an der Hand bzw. am Ohr. Selten wird Technik – wohlgemerkt selbst weitaus weniger komplexe – so sinn- und wirkungsvoll im Theater eingesetzt wie diese neuartige Technologie, die sich McBurney in einem jahrelangen Arbeitsprozess zu eigen gemacht hat(2015 präsentierte er bereits eine Arbeitsfassung von The Encounter unter dem Arbeitstitel Amazon Beaming bei FIND in der Schaubühne Berlin). The Encounter ist ein bezauberndes und inspirierendes Erlebnis.

Magdalena Sporkmann

Regie: Simon McBurney
Co-Regie: Kirsty Housley
Mitarbeit Regie: Jemima James
Bühne und Kostüme: Michael Levine
Ton: Gareth Fry und Pete Malkin
Licht: Paul Anderson
Video: Will Duke

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