Medea. Stimmen von Christa Wolf

Die ewige Fremde

Knöcheltief im Wasser steht Maren Eggert zweieinhalb Stunden lang als Medea auf der Bühne des Deutschen Theater Berlin. Mit Jason kam Medea übers Meer als „Flüchtling“ aus Kolchis nach Korinth. Diese Fluchtgeschichte lässt sie niemals los, immer wird sie eine Fremde in Korinth sein. In ihrem Roman Medea. Stimmen hat Christa Wolf gezeigt, wie Medea ihr Fremdsein zum Verhängnis wird, weil der Fremde den sogenannten Einheimischen unheimlich ist, vor allem, wenn er sich, wie Medea, der Anpassung widersetzt. Regisseur Tilman Köhler greift mit Medea. Stimmen einen Stoff auf, der heute so aktuell wie 1996 ist. Die Premiere fand am 5. April 2018 statt.

Christa Wolf führt in Medea. Stimmen die durchaus plausible Erklärung ins Feld, dass Medea, die als Mörderin ihres Bruders und ihrer Kinder in die Geschichte eingegangen ist, erst von der Geschichtsschreibung selbst zu dieser Mörderin gemacht wurde. So habe Euripides in seinem Drama als Erster der Medea den Kindsmord zugeschrieben. Zuvor seien im Gegenteil Rettungsversuche Medeas für die Kinder geschildert worden. So lässt Christa Wolf Medea und andere „Stimmen“ zu Wort kommen, aus deren Berichten deutlich wird, wie und warum Medea der Mord an ihren Kindern und ihrem Bruder angehängt worden ist.

Maren Eggert füllt mit ihrer großen, aufrechten Statur die Rolle der stolzen, eindrucksvollen Medea physisch bereits bestens aus. In ihrer Interpretation der Figur ist sie betont ruhig, ohne jedoch gefühlskalt zu wirken. So distanziert sie Medea deutlich von dem Bild der hysterischen Frau oder bösen Zauberin und zeigt sie als starke, selbstbestimmte Frau und angesehene Heilerin, die unbeirrt tut, was sie für richtig hält und damit schließlich ihr Leben riskiert. Sie entdeckt ein furchtbares Verbrechen um die verschollene Königstochter Iphinoe, auf das sich die Macht König Kreons, der ihr in Korinth Asyl gewährt, gründet. Sie setzt – anders als die Korinther – nicht auf Vergessen und Verdrängung, sondern bringt das düstere Geheimnis ans Licht. Damit ruft sie Schuldgefühle bei Tätern und Mitwissern hervor und macht sich zum Störenfried der etablierten Ordnung. Die Anerkennung, die sie für ihre Heilkünste erfährt kann nicht aufwiegen, dass sie in ihrer Wahrheitsliebe die Grundfesten der Gesellschaft, in deren Mitte sie lebt, ohne Teil von ihr zu sein, erschüttert. Das Geheimnis, dem sie auf die Spur gekommen ist, ist aber so schrecklich, dass man Medea ihre Spionage nicht öffentlich zum Vorwurf machen kann. Der Ausbruch der Pest liefert den Korinthern schließlich einen willkommenen Vorwand, um Medea loszuwerden. Kurzerhand wird ihren Kräften die tödliche Krankheit als böser Zauber zugesprochen. Sie wird aus der Stadt vertrieben und ihre Kinder werden von den Korinthern ermordet, damit sie als Erben Jasons, der die korinthische Königstochter Glauke heiratet, nie als Thronfolger infrage kommen. Den Mord an den Kindern aber legt man Medea zu Lasten und verbannt sie damit nachhaltig aus der Stadt und als Kindsmörderin in eine Ecke des kollektiven Gedächtnisses, aus der sie sich bis heute nicht befreien konnte.

Christa Wolfs dichter Text, eine Komposition aus Monologen, ist wie geschaffen für die Bühne und enthüllt in den zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer spannend wie ein Krimi die verwobenen Dynamiken, die aus Medea einen Sündenbock machen, um die Macht des herrschenden Systems zu erhalten. Das Wasser, das die ganze Bühne (Karoly Risz) ausfüllt, ist der Ort, an dem die Figuren die Begegnung mit Medea suchen. Jason, von Edgar Eckert als feigen und orientierungslosen Mann gezeigt, offenbart in seinen Erzählungen unwillkürlich, dass er der Held, als der er für die Erringung des Goldenen Vlieses gefeiert wird, nur durch Medeas Hilfe hatte werden können. Opportunistisch sucht er die Gunst des Königs Kreon von Korinth zu erringen, indem er sich von Medea abwendet und sich um Glauke, die von epileptischen Anfällen behinderte Königstochter, bemüht. Kathleen Morgeneyer bekommt verdientermaßen viel Beifall für Ihre Darstellung der Glauke, einer jungen Frau, die durch ihre Krankheit und die Abwendung ihrer Eltern von ihr als Kranker gebrochen ist. Es erweist sich aber, dass noch ein Keim von Lebensfreude und Weiblichkeit in Glauke steckte, dessen Wachsen durch die Begegnung mit Medea und die Zuwendung Jasons angeregt wird. Kathleen Morgeneyer zeigt momenthaft die Verwandlung eines ängstlich zusammengesunkenen Mädchens in eine anmutige, hoffnungsvolle Frau. Eine gänzlich andere Frauenfigur zeigt Lisa Hrdina als Agameda, eine ehemalige Schülerin Medeas. Sie hoffte in Medea nicht nur eine Lehrerin, sondern auch einen Mutterersatz zu finden, doch Medea verweigerte ihr diese Zuwendung, um sie nicht über ihre anderen Schülerinnen zu bevorzugen. In der enttäuschten Agameda wächst ein Hass gegen Medea, der sie schließlich mit den Korinthern gegen diese vereint. Während Agameda sich in Korinth von Medea abwendet, bleibt Lyssa, Medeas Ziehschwester und Gefährtin, ihr treu. Johanna Kolberg belebt in der eher zurückhaltenden Rolle der Lyssa zudem verschiedene Puppen, in deren Gestalt Medeas toter Bruder, ihre Kinder und die verschollene Königstochter Iphinoe in Erscheinung treten.

Auf der Bühne, im Spiegel des Wassers, durch das Medea nach Korinth kam, entsteht im Zusammenklang der Stimmen ein Chor, der mit Medeas Geschichte von der erprobten Strategie des Abendlandes erzählt, Fremdes nicht zu integrieren, sondern im Gegenteil sich gegen dessen Einflüsse zu schützen, um eine vermeintliche Reinheit (und darin Überlegenheit) der eigenen Kultur zu erhalten. Die Dynamik, die Christa Wolf in Medea. Stimmen zeigt, ist gefährlich: Was oder wer nicht gleich gemacht werden kann, muss vernichtet werden. Tilman Köhler ist es gelungen, diese Warnung in seiner Inszenierung deutlich auszusprechen.

Magdalena Sporkmann

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