Meteorit von und mit Anna Schimrigk

Wider die Geschichten

Elektra hat es satt, immer wieder dieselbe Geschichte zu erzählen, die Geschichte ihrer Familie, die eine blutige und untrennbar mit ihr verbunden ist. – Ihre Mutter hat ihren Vater ermordet, woraufhin Elektra mit ihrem Bruder die Mutter hinrichtete. Ihre Geschichte von Hass, Liebe und Trauer ist zum Mythos geworden. Von Seneca bis Sartre erzählten und erzählen die Dichter sie immer wieder neu.

Auch Anna Schimrigk konnte der Anziehung dieser Figur nicht widerstehen und hat einen ganz eigenen Zugang zu ihr gesucht. Die Elektra, die Anna Schimrigk selbst geschrieben und in Eigenregie (Regieassistenz: Antonia Ruhl) als Ein-Frau-Stück im Theater im Kino auf die Bühne bringt, fragt sich, was sie als Mensch, jenseits der Mythologisierung ihrer Person, ausmacht. Schimrigks Elektra sucht darum das Vergessen im Weltall, das sie fortan als Meteorit durchstreift. Im luftleeren Raum kann sich der Schall nicht fortpflanzen und so hofft sie, dort die Stimmen nicht mehr zu hören, die nicht müde werden, ihre Geschichte zu erzählen. Meteorit feierte am 12. Januar 2018 im Theater im Kino Premiere.

In einem Jogginganzug, auf dem die Nebel und Sternen ferner Galaxien leuchten, und mit blauem Schopf steht Anna Schimrigk als Elektra auf einem Barhocker und deklamiert unter einer ganz irdischen Diskokugel, was die Weltliteratur über sie zu sagen hat. Ihre präzise und getragene Vortragsweise verrät Schimrigks fundierte Technik. Genauso überzeugend gelingt ihr jedoch auch der Bruch mit dem Text, wenn sie mit dem Publikum darüber in einen Dialog tritt. Da zeigt sie Elektra von ihrer menschlichen Seite, der Geschichte überdrüssig und ratlos, was bleibt, wenn sie sie ablegt. Mutig macht sie sich ans Werk und zieht sich buchstäblich den roten Faden ihres eigenen Mythosʼ aus dem Gedächtnis. Als schließlich die Bande gelöst sind, ist da zunächst Leere. Eine Leere, in der Elektra Einsamkeit und Langeweile verspürt. Hier legt Anna Schimrigk für Augenblicke die Rolle des Meteoriten, der Elektra war, ab und thematisiert ihre Position als Schauspielerin: „Ich fühle mich manchmal so allein hier vorne.“ Doch sie weiß sich zu helfen und sucht die Gesellschaft des Publikums, das eingeladen ist, den Bühnenraum mit ihr zu teilen und zu entdecken. Snacks und Sekt werden serviert, Musiker Andreas Werner spielt Loungemusik ein und es darf geraucht werden. Anna Schimrigk gibt eine Führung durch die Theaterräume mit spontaner Gesangseinlage zur Klavierbegleitung von Andreas Werner. Hier fasert das Stück aus in die träge Dynamik einer Publikumsperformance und auch bei Elektra macht sich Langeweile breit. Das Lamento dieser Langweile trägt zurück in die Auseinandersetzung der Figur mit sich selbst, oder besser gesagt, ihrem zum Meteoriten kondensierten menschlichen Kern. Doch auch Suche nach sich selbst und dem Sinn ihres Lebens, langweilt Elektra zutiefst, denn sie scheint im Nichts zu münden. Ihre Frustration bricht sich in einer Beschimpfung des Publikums Bahn und richtet sich schließlich gegen sich selbst. Ihr ist sterbenslangweilig und zugleich zum Sterben zu langweilig. Da nähert sich der Meteorit, der sie ist, plötzlich in rasender Geschwindigkeit der Erde: „So wird es also zu Ende gehen mit mir und keine Angst. (…) Angst ist ja doch nichts anderes als die Befürchtung zu sterben. So unnötig. Denn: Leben ist Tod und Tod ist Leben.“ Paradoxerweise bringt die Erlösung von der Angst vor der eigenen Endlichkeit die Erlösung von der eigenen Geschichte mit sich. – In der Erkenntnis, dass das Nichts, das zunächst Einsamkeit bedeutete, dann Langeweile, auch die Freiheit von der eigenen Geschichte ist, verabschiedet sich die Darstellerin von dem unsterblichen Traumbild Elektra und erwartet das Ende im Aufprall des Meteoriten. – Ein pessimistischer, aber konsequenter Ausweg, wenn man bedenkt, was Elektra bis zu diesem Punkt erdulden musste: „Unsterblich hat man mich gemacht als die Gescheiterte. (…) Wissen Sie eigentlich wie anstrengend das ist? Unsterblich scheitern? Und davor dieser Hass. Oder die Liebe. Oder Trauer. Immer so große Gefühle. Das bin ich. Bin ich das? Ich bin geschrieben und überschrieben worden.“

Mit Meteorit beweist Anna Schimrikg nicht nur ihr vielfältiges Schauspieltalent, das sie eindringlich und präzise bemessen sowohl in der Komik als auch im Drama zu nutzen weiß. Sie offenbart auch ein umfassendes Reflexionsvermögen über ihren Beruf und einen Begriff von der Macht des Geschichtenerzählens. Ihr gelingt in Meteorit die kritische und höchst unterhaltsame Auseinandersetzung mit einer der prägnantesten Geschichten des Theaters, weil sie vermag, sich in durchdringender Weise in die Figur der Elektra einzufühlen. Indem sie das Publikum in ihr Spiel einbezieht, rührt sie an den Erwartungen, die dieses an Elektra, aber auch an die Schauspielerin selbst hegen mag. Sie bricht mit dem Bestreben, einer vorgefertigten Geschichte zu entsprechen und gibt der Figur die Macht über ihre eigene Geschichte zurück.

Magdalena Sporkmann

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