The Who And The What von Ayad Akhtar

Blasphemie oder Kulturvermittlung?

Mit The Who And The What ist in einer Inszenierung von Bettina Rehm das jüngste Stück des Pulitzer-Preisträgers Ayad Akhtar auf der Vaganten Bühne zu sehen. Entlang einer spannenden Familiengeschichte versucht sich das Ensemble darin an einer humorvollen Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen Männern und Frauen im Islam. Die Premiere fand am 9. Februar 2018 statt.

Afzal (Jürgen Haug), pakistanisch-stämmiger Einwanderer in den USA, ist ein traditionsbewusster Muslim und Besitzer von einem Drittel der Taxis in Atlanta. Vor allem aber ist Afzal seinen zwei Töchtern Zarina (Natalie Mukherjee) und Mahwish (Sabrina Amali) seit dem Tod ihrer Mutter ein liebender und beschützender Vater. Jürgen Haug gibt ihn solide und überzeugend als selbstgefälligen Patriarchen mit einem weichen Kern aus Liebe zu seinen Töchtern. Afzals Fürsorge geht sogar so weit, dass er in Zarinas Namen heimlich ein Dating-Profil auf muslimlove.com anlegt und sich mit den potentiellen Heiratskandidaten trifft. Afzal will seine Töchter versorgt wissen. Ihm zuliebe trifft sich Zarina, von Natalie Mukherjee als aufgeklärte, intellektuelle junge Frau gespielt, mit dem vielversprechendsten Kandidaten, Eli (Björn Bonn), einem jungen Konvertiten. Björn Bonn schießt in seiner Darstellung Elis, eines begeisterten und engagierten jungen Muslim, der es bereits bis zum Imam gebracht hat, leider regelmäßig übers Ziel hinaus und macht ihn zu einem lächerlichen, fremdgesteuerten Softie.

Dabei zeigt sich, dass Afzal tatsächlich einen Mann ausgesucht hat, der seiner Tochter intellektuell gewachsen ist und mit dem sie sich wohl fühlt, denn Eli hat Verständnis für Zarinas kritische Haltung dem Islam gegenüber und hegt Interesse und Bewunderung für ihr Romanprojekt, in dem sie den Propheten Mohammed als facettenreichen und widersprüchlichen Mann darstellt, um sich der menschlichen Seite dieser mythischen Figur zu nähern. Vor ihrem eher konservativen Vater und ihrer gläubigen Schwester hält Zarina geheim, woran sie schreibt. Elis Offenheit aber betört sie und sie wird seine Frau.

Endlich darf nun auch die jüngere Mahwish ihren Verlobten heiraten. Ihn hatte sie bereits mit neun Jahren kennengelernt und dieses Alter als gutes Omen ausgelegt, denn auch die Lieblingsfrau des Propheten Mohammed war neun, als sie ihn kennenlernte. Sabrina Amali gelingt es mit ihrer unaufgeregten Leichtigkeit, die kindliche Naivität dieser Figur widerzuspiegeln. Damit Mahwish bei der Hochzeit noch Jungfrau ist, und weil ihr Verlobter als Mann nun mal gewisse Triebe hat, hält sie ihn mit Analsex bei der Stange. Ihre Sorgen über die Sündhaftigkeit dieser Praxis teilt sie mit Zarina, deren Meinung zu religiösen Belangen sie sehr schätzt.

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Foto: Manuel Graubner

Als jedoch Zarina endlich ihren Roman beendet und Eli zu lesen gibt, meldet dieser ernste Bedenken an, das kritische Werk könne von den Gläubigen falsch verstanden werden. Darüber hinaus fürchtet er um seine Position als Imam, sollte der Roman seiner Frau als Blasphemie aufgefasst werden. Als das Manuskript versehentlich in Afzals Hände fällt, und dieser Zarina dafür aufs Heftigste verurteilt, verteidigt Eli seine Frau aber als mutige, kluge und fähige Autorin.

Parallel zu der Autorfigur Zarina scheint dem Dramatiker Ayad Akhtar daran gelegen, die menschliche Auseinandersetzung mit der immerhin menschengemachten aber zum Diktat gewachsenen Religion zu zeigen. Humorvolle Dialoge und eine kurzweilige Inszenierung spielen mit den Vorurteilen des vermutlich mehrheitlich nicht-muslimischen Publikums. Die zum Teil recht finsteren Witze, besonders über die religiös motivierte Unterdrückung der Frau, werden vom Publikum mit zynischen Gelächter honoriert, vielleicht gerade weil sie sich aus einer Lebenswirklichkeit speisen, die den wenigsten Zuschauern vertraut ist. Die Vielschichtigkeit der Figuren vermag aber, Stereotype zu überwinden und den Blick des Zuschauers auf Konfliktfelder zu richten, die dem modernen westlichen Städter fremd geworden, wenngleich seiner eigenen Kultur in jüngerer Vergangenheit nicht unbekannt sein mögen: Familiensinn, Glaube, Loyalität und Traditionsbewusstsein.

Magdalena Sporkmann

 

Regie: Bettina Rehm

Dramaturgie: Valeska Graffé

Ausstattung: Lars Georg Vogel

Regieassistenz: Alexander Schatte

Technische Leitung: Benjamin Laber

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