„It can’t happen here“ nach dem Roman von Sinclair Lewis

Die Pflicht, sich einzumischen

Wer am Tag vor der anstehenden Bundestagswahl noch mal Unterricht in politischer Bildung nehmen möchte, kann dies im Deutschen Theater Berlin tun. Gepaukt wird der Romanstoff It can’t happen here des Literaturnobelpreisträgers Sinclair Lewis. Regisseur Christopher Rüping und Dramaturg John von Düffel haben diesen fast vergessenen Text zur richtigen Stunde für die Bühne adaptiert: Diese Dystopie des Faschismus in Amerika entstand 1935 unter dem Eindruck der Machtergreifung Adolf Hitlers. Damals meldete die US-Presse: „Das kann hier nicht geschehen!“ Unter veränderten Vorzeichen finden wir uns heute in einer ähnlichen Situation wieder: Über die Wahl des aktuellen US-Präsidenten wird aus vermeintlicher geistiger Überlegenheit heraus gespottet, doch auch hierzulande verzeichnen die rechten Kräfte einen dramatischen Aufschwung. It can’t happen here ist der Aufruf, dieser Entwicklung nicht mit Gleichgültigkeit zu begegnen.

In einem Interview für die Sendung MONITOR fragte kürzlich Journalist Georg Restle die Holocaust-Überlebenden Ágnes Heller, für wie gefährlich sie die AfD und die Haltung der Deutschen zu dieser Partei halte. Ágnes Hellers Antwort ist eindeutig: „Die größte Gefahr ist Gleichgültigkeit.“ (MONITOR vom 14.09.2017 http://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/agnes-heller-104.html)

Die Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit der Andersdenkenden sind es, die dem Rechtspopulisten Buzz Windrip (Felix Goeser) in It can’t happen here den Wahlsieg ermöglichen. Vergeblich versucht der kritische Journalist Doremus Jessup (Camill Jammal) das Publikum in seiner Rolle als Wähler zu animieren: „Wir müssen auf die Straße gehen!“ – Dort brüllen die Rechtsextremen „Wir sind das Volk!“, aber die Gegenstimmen bleiben leise. Was zunächst schockiert, gehört bald schon zur Normalität. Jessup wird schnell vom Redepult verdrängt. Dort steht ab jetzt Buzz Windrip und liefert einen Feelgod-Wahlkampf mit Hollywood-Showqualitäten ab. Im frisch besetzten Präsidentschaftsamt geht die Party weiter (Musik: Christoph Hart): Buzz feiert sich selbst und seine Anhänger. Er ist der Präsident der Ängstlichen, der Abgehängten, der Faulen und Gierigen. Migranten und politische Gegner lässt er „beiseite schaffen“. Er ruft den Notstand aus und setzt die Gewaltenteilung aus. Den Vorwurf den Faschismus fegt er mit einer neuen Uniform vom Tisch: Der Präsident (des schlechten Geschmacks) gewandet sich und seine Jünger in Animal Print (großartige Kostüme von Lene Schwind) und findet diesen Schachzug „humorvoll“.

Buzz Windrip, von Felix Goeser treffend und vertraut als dumm-dreister Proll dargestellt, verheimlicht weder seine geringe Bildung – „Ich lese keine Bücher.“ – , noch seine Machtbesessenheit. Schnell wird die Frage, warum eigentlich niemand diesen empörenden, peinlichen und vor allem gefährlichen Präsidenten erschießt, laut. Doch Pazifisten wie Journalist Jessup halten an der Macht der Worte fest, auch wenn sie selbst schon kaum noch daran glauben, dass die „Feder schärfer ist als eine Klinge“. Skrupellos genug, um den Präsidenten zu ermorden sind nur jene, die noch gewalttätiger, noch machtgeiler sind als dieser. Windrups Berater Lee Sarason (Michael Goldberg) und Oberst Haik (Benjamin Lillie) drängen an die Spitze des „Mutterlandes der Demokratie“ und verwandeln dieses in Nullkommanichts in eine rassistisch geprägte Militärdiktatur, getragen von einst „kleinen Leuten“ wie Shad Ledue (Matze Pröllochs), Jessups Gärtner, deren Frust Zündstoff genug für brutale militärische Aktionen ist. Matze Pröllochs bringt diesen infernalischen Zorn an Licht, der sich in blindem Gehorsam und ungebremst durch moralische oder intellektuelle Barrieren Bahn bricht.

Immer wieder wenden sich die politischen Führer an das Publikum und verhöhnen es geradezu für seine Trägheit und Feigheit den haarsträubenden Parolen zu widersprechen. Sie spielen ihre Machtübernahme und grausame Diktatur offen als Provokation gegen das Publikum – das Volk – aus. Sie drohen nicht nur mit Folter, Freiheitsberaubung und Missbrauch. All dies geschieht, teilweise unerträglich anzusehen, auf der Bühne. „Was muss ich noch sagen, was muss ich noch tun, bis endlich einer von euch mich erschießt?“, fragt Militärdiktator Haik.

– Die größte Gefahr ist Gleichgültigkeit. Doch selbst jene, die der rechten Radikalisierung nicht gleichgültig gegenüberstehen und wie Journalist Jessup dagegen ihre Stimme erheben, dagegen anschreiben, versuchen, ihre Mitbürger dazu zu bewegen, ebenfalls ihre Meinung lautstark zu vertreten, selbst jene können den Buzz Windrips dieser Welt nichts anhaben, denn diese lassen ihren Worten Taten folgen und „Taten machen Ihren blasierten Intellektualismus obsolet.“ Jessups Tochter Sissy (Wiebke Mollenhauer) ist überzeugt: Mit Worten kann man gegen Windrip nichts ausrichten; Gewalt kann man nur mit Gewalt bekämpfen. Wiebke Mollenhauer versieht Sissy mit einer berührenden Mischung aus Mut, Kampfgeist und Offenherzigkeit. Die kleinen Siege, die sie im Kampf gegen ihre Unterdrücker erringt, sind ein schwacher Trost in dieser düsteren und allzu vorstellbaren Geschichte.

Zuweilen schießt Regisseur Christopher Rüping in seinem Bemühen um Unterhaltung übers Ziel hinaus. Die Witze werden flach und flacher und das Verteilen von Gratis-Hotdogs zur Feier des Wahlsiegs gerät zu einer zähen Publikumsnummer. Im Ganzen gelingt es ihm aber, den Entertainmentcharakter, den politische Akteure heute ihrem Handeln und Auftreten verleihen, treffend zu karikieren und als Analogie zu TV-Unterhaltungsformaten zu entlarven. Scharf beobachtet und umgesetzt ist auch der Versuch der Rechtsextremen, sich mit widersprüchlichen Aussagen der Stigmatisierung zu entziehen und gleichzeitig gemäßigt konservative Wähler anzusprechen. Am Ende, gibt General Haik zu, ist es „Text, alles nur Text“ und weist damit kritisch auf sämtliche politische Rhetorik, gleich welcher Richtung.

It can’t happen here ist eine sehenswerte und wichtige Inszenierung, die dem Publikum seine Verantwortung für die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen seines Landes vor Augen führt. Im Mindesten wäre sie auch ein Appell, dem Wunsch nach einer demokratischen, weltoffenen Gesellschaft durch die Abgabe seiner Stimme am kommenden Wahl-Sonntag Ausdruck zu verleihen.

Premiere war am 20. September 2017.

Magdalena Sporkmann

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