„Der Untertan“ nach dem Roman von Heinrich Mann

Windelvoll und mordsgefährlich

Zwischen Schwänen aus Wagners Lohengrin, dem Reichsadler und der Kaiserkrone führt die Inszenierung Der Untertan an der Vaganten Bühne Berlin ins Herz eines Deutschtums, das noch immer schlägt.

Premiere war am 7. September 2017. Lars Georg Vogel hat den Romanstoff von Heinrich Mann für die Bühne bearbeitet.

Diederich Heßling lernt früh, ein Untertan zu sein: Die Schläge vom Vater erduldet er gern – sie adeln ihn geradezu, denn es schlägt ihn ja der Mann, der sein größtes Vorbild ist. – Gleich nach dem Kaiser selbstverständlich. Diesem hängt Diederich windelvoll, dümmlich und mit infantiler Begeisterung an. Schließlich selbst erwachsen, gilt Diederich die Unterwerfung noch immer als größte Tugend: Er buckelt nach oben und tritt nach unten. Angst, Obrigkeitshörigkeit und Gier leiten ihn unter dem Deckmantel von christlicher Strebsamkeit, Disziplin und Männlichkeit. Im Klima der wilhelminischen Epoche gedeiht seine Mentalität bestens und Diederich Heßling kommt zu (lokal)politischem Einfluss und Macht.

Joachim Villegas durchdringt in seiner Darstellung des Diederich Heßling die Psychologie dieser Figur mitsamt ihrer widersprüchlichen Äußerungen präzise. Er weckt im Zuschauer mal Geringschätzung für den Duckmäuser, mal Ekel vor dem Macho, mal Beklemmung angesichts seiner Skrupellosigkeit.

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Foto: Vaganten Bühne

Auch vor dem Hintergrund der überzeugenden Ensembleleistung gelingt es so, die komplexen Machtverhältnisse, wie sie Heinrich Mann in Der Untertan gezeichnet hat, darzustellen und Parallelen zu heutigen gesellschaftlichen und politischen Tendenzen zu ziehen. Bühnenbild und Requisite kehren plakativ die „Deutsche Seele“ mit reichlich Bier und raumfüllenden Tüchern in den heutigen (!) Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold nach außen.

Auf die Vehemenz dieses Stoffes hätte Regisseur Lars Georg Vogel ruhig vertrauen und auf künstliche Unterhaltungseinfälle wie den ständigen Wechsel des Spielorts (und Zuschauerraums) verzichten dürfen. Seine Bühnenfassung dieses Romanstoffs bringt spannend und prägnant zur Sprache, unter welchen Umständen radikale Gedanken populär und aus Mitläufern Täter werden.

Magdalena Sporkmann

 

mit Samira Julia Calder, Isabella Heller, Senita Huskic, Lawrence Jordan, Andreas Klopp, Joachim Villegas, Jörg Zuch

Regie & Ausstattung: Lars Georg Vogel
Regieassistenz: Alexander Schatte, Christopher Scheichen-Ost
Technische Leitung: Benjamin Laber

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