Amal von Sasha Waltz & Guests, Medhat Aldaabal und Davide Camplani

Die Hoffnung ist ein Kind

Im warmen Schein der aufgehenden Bühnensonne liegt ein Kind zusammengekauert auf dem Boden. Bei vielen Zuschauern wird in diesem Moment wahrscheinlich die Erinnerung an Bilder wach, die 2015 für großes Erschrecken sorgten. Darauf ist ein lebloser Kinderkörper zu sehen, der an einen türkischen Strand gespült wurde. In diesem Bild hat sich das Flüchtlingsdrama, das immernoch anhält, verdichtet.

Im Rahmen des Zuhören-Projekts von Sasha Waltz & Guests startete im Februar 2016 ein Tanzworkshop mit unbegleiteten syrischen Minderhjährigen, syrischen Tänzer_innen und Mitgliedern der Compagnie. Auf Initiative von Medhat Aldaabal entwickelten daraufhin vier Tänzer dieser Gruppe zusammen mit dem Ensemblemitglied Davide Camplani das Stück Amal (arabisch: Hoffnung). Premiere war am 21. Juni 2017 in den Sophiensälen.

Es gäbe aber keine Hoffnung, würde das Kind auf der Bühne sich nicht schließlich erheben. Mit dieser Bewegung wird es in der Inszenierung Amal zur Verkörperung der Hoffnung. Die vier erwachsenen Tänzer lassen in der Choreografie die Gesten und Bewegungen ihrer Flucht aufscheinen: Weglaufen natürlich, hastiges Essen, Schwimmen, Fallen, wieder Aufstehen, das Halten einer Waffe, das Heben eines Schutzschildes. Die Dynamik innerhalb der Gruppe ist von Vereinzelung, Ausschluss und immer wieder dann auch von Zusammenschluss und Zusammenhalt geprägt. Ein besonders starkes Bild entsteht, als die Hände, zur Waffe vorgestreckt, im Moment der Berührung, der Konfrontation mit dem Gegner, einander plötzlich ergreifen und halten, als hätten die Kämpfenden den Menschen, den Bruder im jeweils anderen erkannt. Deutlich wird: Es ist die Gemeinschaft, die Körper und Seele in solchen Extremsituationen wie der Flucht rettet und bewahrt. Im gemeinsamen Tanzen kann es noch ausgelassene Freude geben und im Festhalten aneinander Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit. Die Hoffnung halten die Darsteller buchstäblich hoch: Der kleine Junge erklimmt immer wieder ihre Rücken und Schultern; sie heben ihn hoch wie in einer menschlichen Pyramide. In weniger zuversichtlichen Momenten, wenn die Tänzer erschöpft am Boden liegen oder in einer Kampfhaltung erstarrt sind, geht der Junge vom einen zum anderen, flüstert ihnen zu und berührt sie mit seiner Botschaft.

Oft hält das Kind ‚Hoffnung‘ sich abseits, aber in Amal verlässt es die Geflüchteten nie, kehrt immer wieder zu ihnen zurück. Poetisch und zugleich mit eindringlicher Klarheit erzählen die Tänzer und der präzise begleitende Live-Perkussionist Ali Hasan die Geschichten der unbegleiteten syrischen Minderjährigen – von ihrer Flucht, aber auch ihren Träumen vom Ankommen.

 

Magdalena Sporkmann

KONZEPT Medhat Aldaabal LEITUNG, CHOREOGRAFIE Medhat Aldaabal, Davide Camplani TANZ, CHOREOGRAFIE Medhat Aldaabal, Moufak Aldoabl, Firas Almassre, Fadi Waked, Nima Thiem (Kind) PERCUSSION Ali Hasan  DRAMATURGIE Steffen Döring KOSTÜM Carina Kastler

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