„Peng“ von Marius von Mayenburg

Vom Aufstieg ohne Fall

Mit Peng, der Geschichte vom Aufstieg eines Despoten, ist Marius von Mayenburg an der Schaubühne ein besonderer Erfolg gelungen. Fesselnd führt die Inszenierung uns Dynamiken der Macht in der medialen Gesellschaft vor Augen. Es ist der sagenhaften Ensembleleistung zu verdanken, dass einem bei dieser Geisterbahnfahrt nie das Lachen vergeht. Die Uraufführung fand am 3. Juni statt.

Ralf Peng (Sebastian Schwarz) möchte in seinem Leben nichts Geringeres erreichen, als die Weltherrschaft zu übernehmen. Mit der Umsetzung dieses Plans beginnt er konsequenterweise im Mutterleib, wo er seine Zwillingsschwester erdrosselt. Während die Gynäkologin (Eva Meckbach) die werdenden Eltern (Robert Beyer und Marie Burchard) vor diesem ungeheuerlichen Kind warnt, wittert ein Fernsehreporter (Lukas Turtur) schon gigantische Einschaltquoten. Fortan begleitet er den unaufhaltsamen Aufstieg des Ralf Peng mit der Kamera und macht ihn zum Star des Reality-TV. Dementsprechend besteht die Bühne aus einem Greenscreen im unteren und einer Leinwand im oberen Teil (Bühne: Nina Wetzel). Durch die Diskrepanz dessen, was der Zuschauer auf beiden Ebenen zu sehen bekommt, wird die mediale Inszenierung dieser besonderen Biografie frappierend klar. Selbstverständlich sind neben Ralf Peng alle anderen nur Statisten. – Seine Eltern, klischeehaft überzeichnete Yuppies aus dem Prenzlauer Berg, geben sich wahnsinnig emanzipiert (Papa Peng verwechselt Emanzipation mit dem Dasein eines von seiner Frau nur benutzten Waschlappens; Mama Peng zieht ihre Daseins- und Handlungsberechtigung allein aus der Tatsache, dass sie eine Frau ist), super sozial (auch hier eine Verwechslung: Statt Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, aufzunehmen, sperrt Mama Peng sie in ihren Keller) und vor allem kindgerecht (allerdings nur dem eigenen Kind gegenüber) – Sie halten ihren Sohn nicht für gefährlich, sondern für hochbegabt. Werden seine messbaren Leistungen dieser Prämisse nicht gerecht, bedeutet das höchstens, dass Ralfs Lehrer an dessen Hochbegabung gescheitert sind. Dieses Kind ist König der verkehrten Welt. Begrapscht es seine Nanny im Ausschnitt und Schritt, wird dieser vorgeworfen, das unschuldige Kind verführt zu haben, indem sie schlichtweg zu attraktiv sei. Die Lösung des Problems ist schnell gefunden: Die Frau wird maskiert. Ralf Peng darf alles. Er massakriert seine Sandkastenfreunde, diskriminiert alle Frauen, terrorisiert seine Eltern und nimmt die Nachbarn (Damir Avdic) ins Visier eines Schnellfeuergewehrs. In seiner Rhetorik und seinem Programm vereinen sich die rechten Gewaltherrscher unserer Zeit, doch viel zu lange gilt er als reine Seele, denn: „Er ist ja nur ein Kind“.

Die Frage nach dem Moment, in dem der Machthunger Ralf Pengs ihn dazu veranlasst, über Leichen zu gehen, stellt sich nie, denn bereits vor seiner Geburt hat er ja seine Schwester ermordet. Heißt das, jemand wird einfach so, mit dieser Skrupellosigkeit geboren? Immerhin macht Peng auch klar, dass jemand mit solchen Machtambitionen in der medialen Welt auf ideale Voraussetzungen stößt. Die gleichfalls skrupellose mediale Verwertung all dessen, was hohe Zuschauerzahlen verspricht, bietet jeglicher Inszenierung zu jedem Zweck eine hervorragende Plattform. Immer stärker wird die Politik einer Daily Soap, zum Reality TV, dessen Zuschauer nur zu gern ausblenden, wie real diese Show wirklich ist. Bei Ralf Peng ist diese Unterscheidung von Anfang an abgeschafft. Seine Politik zur Ergreifung der Weltherrschaft ist zugleich seine Rolle in einer TV Show, deren Regie er zusehends selbst übernimmt. Den Zaungästen seines Lebens wird nur langsam bewusst, wie gefährlich Ralf ist. Zu sehr wiegen sie sich in der Illusion einer heilen Welt, die sich aus ihren vermeintlich humanistischen Überzeugungen, ihrem ökologisch und politisch opportunistischen Lifestyle (modebewusster Widerstand im engen Rahmen der eigenen Komfortzone) und ihrer radikal egozentrischen Weltsicht konstruiert. Dieses medial geförderte Selbstverständnis bietet kolossalen Erklärungsspielraum für Ralf Pengs universal grenzüberschreitendes Verhalten. Doch Ralf wäre nicht der richtige Kandidat für die Weltherrschaft, würde er nicht auch die Toleranz und das Wohlwollen selbst der hartnäckigsten Opportunisten letztendlich aufbrauchen. Nur seine Mutter begreift nie, welche Gefahr von ihrem Sohn ausgeht, sondern unterstellt jedem, der vor Ralf warnt, Verkennung: Ralf muss gut, genial und richtig sein, denn schließlich hat sie ihn auf die Welt gebracht …

Diese beißende Komödie ist nicht nur ein dramaturgisch und sprachlich gelungener Stoff, sondern auch eine schauspielerische Glanzleistung. Ralf Peng freilich will eine hervorragende Ensembleleistung nicht gelten lassen, sondern behauptet allen schauspielerischen Triumph nur für seinen Darsteller, Sebastian Schwarz. Fest steht, dass diese Besetzung hervorragend gewählt ist. Sebastian Schwarz gibt Ralf Peng als sensationellen, bannenden, vollkommen despotischen Ralf Peng. Doch neben ihm müssen mindestens auch Eva Meckbach, die ihre darstellerische Vielfalt gleich in mehreren Rollen (als Ärztin, Nanny und vergewaltigte Nachbarin) unter Beweis stellt, sowie Robert Beyer genannt werden, der in der Rolle von Ralf Pengs Vater seinen brillanten Text einwandfrei interpretiert: Marius von Mayenburg lässt ihn über lange Strecken nur in Alliterationen sprechen.

Die unbestreitbare Wahrheit, die in der vermeintlichen Überzeichnung von Peng liegt, entdeckt, wer aufmerksam die Sprache der Nachrichten-Berichterstattung verfolgt. Längst wird da über die bedrohlichsten, aberwitzigsten Akteure der sogenannten Politik gesprochen und geschrieben, als handele es sich um Figuren aus Fernsehshows, Daily Soaps oder Kafka-Romanen.

Magdalena Sporkmann

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