„Phädra“ von Jean Racine

Wer liebt, hat schon verloren

Das Deutsche Theater Berlin bringt mit Phädra von Racine in der Inszenierung von Stephan Kimmig eine klassische Tragödie par excellence auf die Bühne und beweist, was schon Alfred Kerr befand: Phädra „bleibt schlichtweg ein spannendes, wundervoll gebundenes Meisterwerk [voll] kultivierter Leidenschaft. Treibhäuslicher Tragik. Alles wächst auf Beeten. Jeder Ausbruch bemessen, gerundet …“ Die Premiere fand am 12. Mai 2017 statt.

Leidenschaft auf Beeten und Tragik im Treibhaus: In Racines Dramen gilt es, die menschlichen Gefühlsregungen, allen voran Liebe und Begehren, unbedingt zu bändigen, da sie sonst den durch Askese veredelten Menschen zu vernichten drohen. Dumm nur, dass das Phädra (Corinna Harfouch) nicht gelingen mag: Was sie auch unternimmt, sie lodert vor Liebe zu ihrem Stiefsohn Hippolyt (Alexander Khuon). Dessen Vater, Phädras Gatte Theseus (Bernd Stempel), König von Athen, befindet sich wie so oft auf Reisen, um Heldentaten zu vollbringen und reihenweise Frauen zu verführen. Als vermeldet wird, er sei tot, wagt Phädra, Hippolyt ihre Gefühle zu gestehen. Dessen Zurückweisung beschämt Phädra und als Theseus widererwartend doch zurückkehrt, fürchtet sie den Verrat ihrer inzestuösen Liebe. Phädras Amme Oenone (Kathleen Morgeneyer), die ihrerseits in ergebenster Zuneigung zu ihrer Herrin lebt, verleumdet Hippolyt bei Theseus, indem sie ihn beschuldigt, Phädra verführt haben zu wollen. Der Angeklagte versucht, sich durch ein Geständnis zu entlasten: Er offenbart seinem Vater, dass er seine Keuschheit gebrochen habe und tatsächlich liebe, heiß begehre – aber nicht Phädra, sondern Aricia (Linn Reusse), eine Gefangene Theseus‘. Dieser aber glaubt Hippolyt nicht und verflucht ihn. Phädra, die zunächst von Schuldgefühlen getrieben die Lüge aufklären will, entbrennt, als sie von Hippolyts Liebe zu Aricia erfährt, in Eifersucht. Hippolyt kommt durch den Fluch seines Vaters um. Phädra, vom Verlust des Geliebten bekehrt, richtet sich schließlich selbst und bezeugt, während ihr Todestrank zu wirken beginnt, Hippolyts Unschuld. Ihr Tod, hofft sie, gibt „dem Tag, den ich beschmutzt, sein reines Licht zurück“. Auch Oenone bringt sich um. Theseus erfüllt den letzten Wunsch seines unschuldig ermordeten Sohnes und nimmt Aricia als Tochter an. Die Frevlerin Phädra ist vernichtet, doch die Erinnerung an den Frevel, so bedauert Theseus, ist nicht auszulöschen.

An Emotionen mangelt es dieser Tragödie wahrlich nicht. Die schöne Sprache – Schiller hat den Text 1804 übersetzt und in fünffüßige Jamben gefasst – wirkt jedoch immer wie ein goldener Käfig für die wilden Leidenschaften, die sich in steifen Formen ihren Ausdruck suchen müssen. Es gelingt den Darstellern – allen voran Corinna Harfouch in der Rolle der Phädra und Kathleen Morgeneyer als Oenone – mit diesem oft unfreiwillig komischen Widerstreit umzugehen und dem Text in zuweilen ironischer Distanzierung weiter Gültigkeit zu verleihen. Es wird deutlich: Hier geht es um zutiefst Menschliches, doch die Menschen in Racines Dramen bleiben damit allein, einsam und von der Gesellschaft verachtet zurück. Das Ringen der Figuren ist vor allem ein Ringen mit sich selbst, mit den eigenen – verbotenen oder tabuisierten – Anteilen. Insofern erscheint die streng gebundene Sprache wiederum seltsam passend, denn auch sie ringt ja mit den chaotisch sich Bahn brechen wollenden Emotionen, die sie ausdrücken soll. Fast scheint es, als werde bereits die Versprachlichung ihrer Empfindungen den Figuren gefährlich.

Von diesem (Sprach-)Kampf lenkt auf der Bühne, einer weißen Wüste, nichts ab. Insgesamt herrscht leider die Tendenz, den Text zu schnell zu sprechen. Gibt man ihm aber Zeit, entfaltet er sein Wesen und kann als Sprache der einzelnen Charaktere vorstellbar werden. – So geschehen bei Bernd Stempel, der Theseus als in selbstgewisser Trägheit dämmernden Weiberhelden gibt. Oder bei Corinna Harfouch, die um das melodramatische Selbstmitleid der Phädra weiß und nicht zögert, dieses auf schrullig-komische Weise auszustellen. Vor allem aber Kathleen Morgeneyer überrascht wieder mit ihrer charakteristischen Interpretation der klassischen Verse, die eine selten vielschichtige Durchdringung des Textes und der Figur offenbaren. Ihre Oenone ist eine tragisch-selbstlose Gestalt, insofern als sie nur im Bewusstsein einer höheren Moral zu handeln versucht: Alles, was dem Wohl ihrer Herrin dient, ist legitim. Als sie erkennt, dass selbst ihre tödliche Verleumdung eines Unschuldigen nicht ausgereicht hat, um den Lebenswillen Phädras zu erhalten und diese sich suizidiert, verliert Oenone ihre Daseinsberechtigung und macht konsequent ihrem traurigen Leben ein Ende. Diesen unbedingten und blinden Willen zu dienen, pflanzt Morgeneyer ihrer Oenone tief ins Wesen.

Die knapp zwei Stunden sind ein spannender Ritt auf den stets hoch wogenden Wellen der Affekte. Die gutgemeinte Belehrung des Publikums per Videotext vorab über die Macht und das klassische Streben zur Bezähmung dieser Affekte, ist nicht nur eine Bevormundung der Zuschauer, sondern auch eine krasse Unterschätzung desselben sowie der eigenen Inszenierung, denn Regie und Darstellern gelingt es voll und ganz den Widerstreit der Kräfte in ihren für dieses Drama existentiellen Dimensionen darzustellen.

Magdalena Sporkmann

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