„Glückliche Tage“ von Samuel Beckett

Zeit für ein Lied

Samuel Beckett war der Dichter des Schweigens, der Poet des Nicht-Gesagten. – Verglichen mit anderen Inszenierungen, die derzeit Premiere feiern und ein Themenspektrum von Patriarchat über Nationalismus, Homosexualität, Klassenkampf und romantische Liebe bis hin zur Umweltzerstörung (wohlgemerkt gleichzeitig!!) abhandeln, geschieht in Glückliche Tage nahezu nichts. Und doch, man spürt es deutlich, geht es in der Inszenierung, die am Deutschen Theater Berlin unter Regie von Christian Schwochow am 22. April 2017 Premiere feierte, um alles, was das menschliche Sein ausmacht.

Winnie (Dagmar Manzel) und ihr Mann Willie (Jörg Pose) fristen Tag für Tag in der Einöde ihrer unwirtlichen Behausung ein Leben in sturer Alltäglichkeit. Die Spiegelwand, die Anne Ehrlich für die Bühne entworfen hat, bietet als einzigen Lichtblick ein flaches Fenster weit oben am Bühnenrand – sonst reflektiert sie nur den düsteren Zuschauerraum. Immer wieder brausen bedrohliche Geräusche über die Szenerie und zuweilen denkt man an Schutzkeller, in denen sich Menschen vor dem an der Erdoberfläche tobenden Krieg verbergen. Im Fall von Winnie und Willie mag schon das schiere Leben wie der Krieg erscheinen: Die eigene Existenz ist eine kaum zu bewältigende Zumutung für sie.

Winnie hockt zusammengesunken auf einem Stuhl, mit dem Rücken zu den Spiegeln, und kämpft gegen diese Zumutung an, ringt um das Gelingen eines jeden glücklichen Tages. Am Morgen und am Abend schrillt ein Wecker, gibt den Startschuss und markiert die Deadline. Erst in der Erinnerung kann der vergangene Tag glücklich sein: „Oh, dies ist ein glücklicher Tag, dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein! (Pause) Trotz allem. (Pause) Bislang.“ Doch bis dahin leistet Winnie eine wahre Sisyphusarbeit. – Aus einem Sack neben sich zieht sie verschiedene Utensilien, die stoisch in immer gleicher Reihenfolge zu genau abgewägtem Augenblick zum Einsatz kommen. Auf diese Weise taktet Winnie ihren Alltag, füllt ihre Rolle, die buchstäblich die Rolle ihres Lebens ist, aus, jenseits jeglicher Fragen nach Sinnhaftigkeit. Immerfort beschwört Winnie dabei ihr Glück und preist die „Gnaden“, die ihr zuteil werden: Sie hat fast keine Schmerzen, sie erinnert sich an ein paar Zeilen aus den Klassikern, sie lebt in der wunderbaren Gewissheit, dass der Mensch sich jeder Lage anpasst und dass ihr Mann Willie ihr ab und an zuhört und Anteil an dem nimmt, was sie erzählt. Zurückgezogen lebt dieser hinter der Spiegelwand und macht sich nur höchst selten durch ein Raunen bemerkbar. Lange Zeit sieht man nur ab und zu von hinten seinen Oberkörper, wie er in den Türrahmen sinkt, auf seinem Hinterkopf eine schwelende Wunde. Seinen Zustand kommentiert Winnie mit einer mitleidig-abschätzige Litanei. Dennoch bricht ihre verschüttete Sehnsucht nach der früheren Liebe und dem Begehren hervor als Willie in einem letzten Anflug von Begehren Winnies Nähe sucht. Sie singt dann Franz Lehárs Weise „… ’s ist wahr: Du hast mich lieb!“

Dagmar Manzel, die sich ihren Rollen tatsächlich hingibt, verleiht Winnie in all ihrer lächerlichen Clownerie Liebenswürdigkeit und Anmut. In ihren komischsten Momenten wird sichtbar, welche Furcht, welcher Schmerz und welche Sehnsucht sich hinter der ewigen Wiederholung, der verzweifelten Beschwörung des Glücks verbergen. Dennoch lässt sie Winnie nicht in die Hoffnungslosigkeit fallen, sondern offenbart die geheimnisvolle Kraft, des Mysterium, das den Menschen weitermachen lässt, ungeachtet der Schmerzen, die ihm die Zeit zufügt – und sei es auch nur, indem er seine Zähne putzt, sich die Haare kämmt und zum richtigen Augenblick ein Lied singt.

 

Magdalena Sporkmann

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