Katzelmacher von Rainer Werner Fassbinder

Wer zahlt, darf bleiben

Auf den Dächern einer deutschen Provinzstadt ist genug Raum für neun Jugendliche und ihre Alltagsdramen. Sie saufen dort zusammen, streiten sich, teilen ihre Geheimnisse, haben Sex – und öden sich an.

Mit Talent und Hingabe ist es dem Jungen DT unter Regie von Jessica Glause gelungen, diese große Langeweile von Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher auf der Bühne des Deutschen Theaters berührend und aufrüttelnd zu gestalten. Premiere war am 6. Februar 2017.

Auf dem Dach ist die Gruppe Jugendlicher der Kleinstadttristesse im wahrsten Sinn des Wortes enthoben und schaut hinab auf all jene, die nicht zu ihnen gehören. Das atmosphärische Bühnenbild von Jil Bertermann erfasst so treffend wie poetisch die Dynamik der Clique.

Die Fantasielosigkeit der Jugendlichen hat Fassbinder schon 1968 in eine bis zur Leblosigkeit verkümmerte Sprache übersetzt, die von den heutigen, jungen Schauspielern mit nahezu erschreckender Treffsicherheit auf der Bühne gesprochen wird. Die primitive Ordnung dieses Sprachsystems weist hin – oder wirkt zurück – auf eine ebenso vereinfachende Ordnung im Leben und Denken der Jugendlichen. Was den Zuschauer besonders unterhält – die Darstellung unterschiedlichster und markanter „Typen“, ist gemäß dem Weltbild der Jugendlichen in Katzelmacher eine Abweichung von der Norm und wird mit Ausgrenzung und Häme quittiert. Es liegt in der Natur der Sache, dass diesem Konformismus keiner gerecht werden kann: die erhabene Helga (Chenoa North-Hader) wird schwanger, die attraktive Rosy (Fabiola Kuonen) lässt den schluffigen Franz (Emil Kollmann) gegen Geld ran, der coole Erich (Lorin Brockhaus) hat schon gesessen und die kluge Marie (fesselnd: Stephanie Amarell) verliebt sich in einen „Ausländer“.

Dieser „Ausländer“ Jorgos – er ist „ein Griech‘ von Griechenland“ – kommt als Gastarbeiter in die Stadt und reißt damit für kurze Zeit den grauen Schleier des ewigen Einerlei von der deutschen Provinz. Jeder hat plötzlich irgendwie mit Jorgos zu tun und findet dadurch zunächst einen Ausweg aus der Banalität seiner eigenen Existenz. Marie hofft, der Tristesse zu entfliehen, indem sie Jorgos nach Griechenland begleiten möchte. Gunda will sich davon überzeugen, dass der „Griech“ wirklich so viel „besser gebaut“ ist, als die deutschen Männer, bekommt dann aber doch Angst vor dem Fremden und behauptet, er habe sie auf dem Spielplatz vergewaltigt. Erich und Paul ist Jorgos, der die Aufmerksamkeit ihrer Freundinnen gefangennimmt, sowieso nicht recht und die „Vergewaltigung“ ein willkommener Anlass, ihn zu vertreiben, aber Elisabeth setzt sich dafür ein, dass Jorgos bleibt, denn sie kassiert immerhin 150 Mark Miete von ihm – mehr als man von jedem Deutschen für ein kleines Zimmer verlangen könnte.

Die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen und das Auftauchen des Fremden, der sich bestens als Sündenbock für das Scheitern der eigenen Existenz eignet, geben ein gefährliches Gemisch ab. Je länger dieses gärt, desto stärker wird die Wut der jungen Deutschen, die schließlich überschäumt und sich in einer barbarischen Tat gegen den „Griech“ Bahn bricht.

Danach ist alles wie zuvor: Der Gastarbeiter darf vielleicht bleiben, wegen der Miete, die er einbringt, und die gelangweilten Jugendlichen werden zu gelangweilten, frustrierten Erwachsenen heranwachsen.

In der Inszenierung von Jessica Glause tritt der Fremde niemals in Erscheinung. Es bleiben nur seine Namen, die die das Unverständnis, die Angst, Geringschätzung und den Hass der Deutschen zum Ausdruck bringen. Das enge Korsett der Starre, in dem die Energie der adoleszenten Träume, Triebe und Ängste gefangen ist, droht, die martialische Kraft der Jugendlichen in Selbsthass umschlagen zu lassen. Dass ein Fremder (das Fremde) nur allzu oft als Projektionsfläche (oder Blitzableiter) für diesen Hass missbraucht wird, ist spätestens seit der Figur der Medea aus der griechischen Mythologie bekannt. Im Fremden wird das Eigene sichtbar, und wenn einem dieses Eigene nicht gefällt, bekämpft man es – in seinem Spiegelbild, dem Fremden. Das gilt leider sowohl für die griechische Tragödie um Medea, wie für das 1968 entstandene Bühnenstück Katzelmacher, als auch für unseren heutigen Alltag.

Magdalena Sporkmann

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