„BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida)“ von Fritz Kater

Alles ist möglich

»Utopie, Phantasie, Instinkt, Liebe und Tod, Sorge: In BUCH. Berlin skizziert der Gegenwarts- und Erinnerungsautor Fritz Kater fünf mögliche Zutaten des Lebens«, so die Ankündigung des Deutschen Theaters Berlin für die Inszenierung von Tilman Köhler, die am 24. September 2016 Premiere hatte. Hier offenbart sich bereits die größte Schwäche des Stücks: Es handelt von möglichen Zutaten des Lebens. Statt der Offenheit, die der Autor damit suggeriert, verzettelt er sich jedoch in einer Beliebigkeit, die jeden Zusammenhang, jede Aussage verweigert. Tilman Köhler hat diese Unentschiedenheit, dieses Nebeneinander von Möglichkeiten, immerhin unterhaltsam inszeniert, doch zurück bleibt der Eindruck, nahezu drei Stunden lang durch ein Labyrinth von Geschichten geschickt zu werden, an dessen Ausgang lediglich die Erleichterung wartet, dass der Vorhang endlich fällt.

Die fünf möglichen Zutaten des Lebens – im Untertitel ohne erkennbaren Grund auf Spanisch 5 ingredientes de la vida geführt – scheinen essentielle Erfahrungen zu sein, die ein Mensch im Laufe seines Lebens macht. Fritz Kater verankert die Utopie im Fortschrittsglauben der jungen Erwachsenengeneration 1966; die Fantasie bei Geschwisterkindern, die 1974 die dunkle Ahnung, ihre Mutter habe sich in den Westen abgesetzt und sie in Ostberlin zurückgelassen, vertreiben wollen; Liebe und Tod bei einem Jungen, der 1984 seine erste Liebe erlebt, während sein Vater, der gerade an seiner Alkoholsucht krepiert ihm seine Lebenserinnerungen vermachen will und diese auf Tonband aufnimmt. Den Instinkt schreibt Kater einer Elefantenkuh zu, die 1998 sich und ihr Kalb schützen möchte (Instinkt haben offensichtlich vor allem Tiere); und die Sorge einem Paar, das 2013 um das Überleben seines Babys bangt. Auch die Orte, an denen diese Episoden spielen, sind vollkommen beliebig: München oder Arizona, West-Tansania oder der Hauptbahnhof von Essen, Hunsrück, Berlin oder Venedig.

Die Heterogenität dieser Episoden wird durch kein übergeordnetes Thema zusammengehalten – und das Leben als solches dafür zu erklären, ist zu einfach und unergiebig. Auch die Inszenierung betont die Disparatheit der Erfahrungen eher als sie zusammenzuhalten. Sehr atmosphärisch zwar, aber eben auch beliebig sind die Episoden gestaltet: mit auffälligen Kostümen – ein Brautkleid, ein goldener Glitzer-Anzug, putzige Winterkleidung – und prägnanten Bühnenbildern – große Buchstaben, eine Mauer aus Strohballen, eine Fernsehshow-Wand, aus deren versteckten Türen witzige Plüschtiere treten und zu tanzen beginnen.

Manches ist witzig in dieser Inszenierung, aber nur auf eine sehr oberflächliche und flache Weise. Das verwundert nicht, schließlich sind die Episoden vom Autor so angelegt, dass ihre Protagonisten wie Karikaturen erscheinen. Der Sinn dieser Karikaturen erschöpft sich leider darin, dass Autor und Publikum sich über sie lustig machen. Fritz Kater führt seine Figuren vor, in ihrer Ratlosigkeit, Selbst-Täuschung, Überheblichkeit und Verzweiflung. Doch sowenig er den Gegenstand seines Stücks ernstnimmt – immerhin sind es Erfahrungen, die das Potential haben, Haltungen zu offenbaren und Identitäten zu formen – so wenig kann man sein Stück ernstnehmen. Die Inszenierung schafft es immerhin, durch eine hohe Geschwindigkeit und viele optische und akustische Reize, über lange Strecken zu unterhalten, aber über Längen, die eindeutig dem Text entstammen, mag auch sie nicht hinwegzutäuschen, so geschehen beim Monolog des Alkoholkranken. Er resümiert sein Leben, welches sich größtenteils in der DDR angespielt hat. Dabei verschweigt er seine Systemtreue nicht, doch seine (unterdrückte) Enttäuschung über die Entwicklung dieses Staates, an dessen Beginn große Ideen standen, ist ihm in jedem Satz anzumerken. Er ist ein trauriger Clown, nicht mehr. Die Tragik seiner Situation – wegen seiner Desillusionierung und des gleichzeitigen Zwangs, die Illusion nach außen hin weiterleben zu müssen, säuft er sich zu Tode – wird in eine reine Lachnummer verkehrt. Zuletzt brüllt er seine Überzeugungen, die wie die Kopfgeburten eines Schizophrenen wirken, unerträglich laut und leider unermüdlich ins Publikum. Auch der Austausch mit seinem Sohn – hier prallen zwei vollkommen unterschiedliche Biografien, Ausgangssituationen und auch Motivationen aufeinander – schöpft nicht aus seinem Spannungspotential, sondern verkommt zur öden Showeinlage: In seichten Popsongs, mittelmäßig interpretiert, singen Vater und Sohn aneinander vorbei.

Schauspielerisch sticht aus diesem Brei höchstens Wiebke Mollenhauer hervor, die es irgendwie schafft, jeder noch so banalen Figur mit ihrer Ernsthaftigkeit und Hingabe ein Existenzrecht zu verleihen.

Alles in allem ist die Idee nicht uninteressant, bestimmte Erfahrungen, die die meisten Menschen als besonders prägend erleben, zu ergründen. In diesem Stück aber scheint es, als habe der Autor vor allem auf die der »Phantasie« vertraut, ohne anschließend seine Einfälle irgendeiner Reflexion oder Dramaturgie zu unterwerfen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Entstehung von BUCH. Berlin eine gewisse Nähe zu dem stereotypisierten »Künstler« innewohnt, der in der ›Sorge‹-Episode als Vater vollversagt, weil er die Realisierung seiner unausgegorenen Projektideen für entscheidender hält. Eine Generation von Kreativen, die von Kater hier zurecht dafür kritisiert wird, dass sie es nicht als nötig empfindet, eine Aussage durch ihre Werke vermitteln zu wollen, sondern lieber alles offenhält und dem Publikum die Arbeit überlässt, im Nachhinein verzweifelt – denn man will seine Zeit nicht verschwendet haben – nach einer Botschaft darin zu fahnden.

Magdalena Sporkmann

Regie Tilmann Köhler

Bühne Nicole Timm

Kostüme Susanne Uhl

Musik Jörg-Martin Wagner

Licht Thomas Langguth

Dramaturgie Sonja Anders

 

Darsteller

Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose, Matthias Reichwald, Linn Reusse

 

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