Movimentos-Festwochen der Autostadt Wolfsburg 2016

Die Liebe zur Kunst

von Magdalena Sporkmann

Die diesjährigen Movimentos-Festwochen (2.April-10. Mai) der Autostadt Wolfsburg stehen im Zeichen der Liebe. Neben sämtlichen Spielarten der Liebe, die dabei thematisch berührt werden sollen, drückt sich für das Publikum vor allem unüberhörbar und nicht zu übersehen die Liebe der eingeladenen Künstler zu ihrer Kunstform aus.

Um nur wenige Beispiele zu nennen, seien an dieser Stelle die Deutschlandpremiere am 8. April von Y Olé! des Choreografen José Montalvo vom Théâtre National de Chaillot in Paris, die Matinée des Bouchkov Trios und die Soirée mit Harriet Krijgh am 10. April vorgestellt.

José Montalvo hat in seiner bisher persönlichsten Choreografie Y Olé! seine Liebe zum klassischen Ballett mit der nostalgischen Faszination für die Tänze und Lieder seiner Kindheit in Südfrankreich vermählt. In wochenlangen Castings und dem anschließenden intensiven Probenzeitraum ist eine Gruppe von Tänzern unterschiedlichster Stilrichtungen zusammengewachsen. Den Breakdancern, Flamencotänzerinnen und klassischen Ballerinen ist es unter Leitung Montalvos gelungen, ein erstaunlich harmonisches Ensemble-Werk zu schaffen. Scheinbar mühelos und im Wortsinne leichtfüßig verweben sie die sehr unterschiedlichen Stile zu einem fruchtbaren Austausch. Im ersten Teil der Inszenierung bietet Montalvo eine erfrischend neue Version des Ballett-Klassikers Le Sacre du Printemps, in dem weniger das Opfer des Frühlingsfestes als das Feiern selbst im Vordergrund steht. Daran schließt der zweite Teil der Inszenierung an, in dem Volkstänze und – live gesungene – Volkslieder vom Ensemble interpretiert werden. Energisch, dynamisch und ausgelassen feiern die Tänzer in Y Olé! mit unterschiedlichen, doch nicht widersprüchlichen Choreografien das Leben und die Liebe. Gemäß der schon viel zu lange aktuellen politischen Situation, taucht darin auch ein Flüchtlingsboot auf. Doch José Montalvo betont, dieses stehe keineswegs als düsteres Mahnmal auf der Bühne, sondern sei ein Symbol für Hoffnung, Zuversicht und Lebensfreude. Das Publikum im Wolfsburger KraftWerk spürte diese Lebensfreude und ließ sich gern von der temperamentvollen Inszenierung mitreißen. Es honorierte die tolle Leistung der Tänzer, die längst nicht alle bühnenerfahren sind, mit stehendem Applaus.

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Foto: Thomas Ammerpohl

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Foto: Thomas Ammerpohl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Viel zarter, leiser und doch nicht weniger leidenschaftlich ging es bei der ersten Matinée der diesjährigen Movimentos-Festwochen am 10. April zu. Das Bouchkov Trio gab im FreiRaum der Autostadt Wolfsburg Werke von Franz Schubert, Ernst von Dohnányi, Bernd Alois Zimmermann und Ludwig van Beethoven zum Besten. Die drei jungen Musiker, Mark Bouchkov (Violine), Adrien Boisseau (Viola) und Kian Soltani (Violoncello) verfolgen ambitionierte Solokarrieren, finden sich aber regelmäßig im Bouchkov Trio zusammen, um die durchaus seltenen Kompositionen für Violine, Viola und Cello im Zusammenspiel ihrer unterschiedlichen Qualitäten erklingen zu lassen. Bouchkov selbst verfügt nicht nur über hohe technische Brillanz, sondern auch über große Authentizität und Bühnenpräsenz. Adrien Boisseau gilt als kontemplativer Musiker mit reifer Klangfarbe und Kian Soltani ergänzt das Trio um Feingefühl und Entschlossenheit. Konzentriert und voller Begeisterung führte das Bouchkov Trio ein aufmerksam und gebannt lauschendes Publikum von den Anfängen der Romantik zur Avantgarde-Musik des 20. Jahrhunderts und wieder zurück.

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Foto: Lars Landmann

Zu wohlbekannten Melodien, dafür jedoch in eine ungewöhnliche Spielstätte, lud die gleichfalls erst 25-jährige Cellistin Harriet Krijgh am späten Nachmittag des 10. April ein. Ohne Pathos kann als „engelsgleich“ beschrieben werden, wie die junge Frau im bodenlangen cremefarbenen Abendkleid mit goldener Schleife und wallendem roten Haar vor dem hölzernen Altar der Michaeliskirche in Fallersleben musizierte. Die kleine Kirche selbst übte sich mit hellgrau, rosa und golden bemalter Holzvertäfelung in Zurückhaltung und brachte auch durch ihre besondere Bauweise das Publikum der Künstlerin besonders nahe. Die Kirche im klassizistischen Stil ist als sog. Querhaus-Anlage erbaut, welche die gewohnten Proportionen verkehrt. So befindet sich der Altar – und in diesem Fall auch das Podest für die Musikerin – in der Mitte der Kirche. Die meisten Bankreihen verteilen sich zu seinen Seiten, nur wenige stehen direkt davor. Die gelungene Inszenierung erschuf eine außergewöhnlich intime Konzertatmosphäre, die noch dadurch verstärkt wurde, dass Harriet Krijgh als Solistin auftrat. Sie spielte Sechs Suiten für Violoncello von Johann Sebastian Bach; ein anspruchsvolles Konzert, nicht nur für die Musikerin, sondern auch für die Konzentrationsfähigkeit des Publikums. Krijghs Jugend brach sich in einem aufmerksam gespannten und beherzten Spiel Bahn. Was manchem „nervös“ erschienen sein mag, kann nur als belebend und jugendlich bezeichnet werden. Trotz ihrer immerhin lebenslangen Beschäftigung mit Bachs Suiten ist Harriet Krijgh der authentische und emotionale Zugang zu dem Werk nicht verloren gegangen. Vielmehr scheint die Beschäftigung mit den Stücken in unterschiedlichen Lebensaltern ihrer Interpretation immer neue Schichten hinzugefügt zu haben.

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Foto: Matthias Leitzke

 

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