„Eisler on the Beach“ und „Clavigo“ im Deutschen Theater Berlin

Schräg nach oben oder schräg nach unten?

„Das war ja schräg“, kommentiert eine Zuschauerin die Premiere von Eisler on the Beach am 12. November 2015 im Deutschen Theater. Schräg ist diese Inzenierung schon, aber sie verläuft eher schräg nach unten. Ganz anders Clavigo, die Premiere am folgenden Abend, ebenfalls im Deutschen Theater. So unterschiedlich der Stoff beider Inszenierungen, so ähnlich sind doch die gestalterischen Ansätze.

Eisler on the Beach, im Untertitel Eine kommunistische Familienaufstellung genannt, stellt den Konflikt zwischen den Geschwistern Eisler dar, der letztendlich dazu führte, dass sich der berühmte Komponist Hanns Eisler und sein Bruder Gerhart, ein kommunistischer Funktionär, 1947 vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe verantworten müssen. Als Zeugin tritt beider Schwester Ruth Fischer auf, einst die erste Frau an der Spitze der KPD, inzwischen jedoch Anti-Stalinistin, und belastet ihre Brüder schwer. Gerhart wird zu drei Jahren Gefängnishaft verurteilt.

Clavigo ist eine Inszenierung nach Johann Wolfgang Goethes gleichnamigem Trauerspiel, das auf den Memoiren des Schriftstellers Beaumarchais beruht. Beaumarchais‘ Schwester wurde nach wiederholten Heiratsversprechen von dem Höfling Clavijo verlassen. Goethe baut die Episode dramatisch aus, Dramaturgin Sonja Anders und Regisseur Stephan Kimmig spinnen diesen Faden weiter zu einem Netz zwischen Liebe, Freiheitsstreben und gesellschaftlichen Konventionen. Clavigo ist bei ihnen eine Popmusikerin auf dem Gipfel ihrer Karriere. Entgegen den Rat ihres Managers Carlos verspricht sie sich Marie Beaumarchais. Carlos gibt zu Bedenken, dass diese Verbindung unpassend und nicht dazu geeignet sei, ihren Ruhm noch voranzutreiben. Also löst Clavigo die Verbindung mit Marie. Dessen Liebesleid nimmt, wie man es von Goethe kennt, existenziell bedrohliche Ausmaße an. Maries Bruder Beaumarchais ist in größter Sorge um seine Schwester und sucht Rache: Vor laufender Kamera muss Clavigo erklären, dass sie ein abscheulicher Mensch sei, Marie Beaumarchais betrogen und bestohlen habe. Mit diesem Druckmittel geht Beaumarchais an die Presse, jedoch hat dies nicht unbedingt den gewünschten Effekt …

In dieser kurzen Zusammenfassung bleibt sicher nicht unbemerkt, dass Kimmig die Identitäten des Goetheschen Personals ein wenig verändert hat: Aus weiblichen hat er männliche Figuren gemacht und umgedreht. Er hat die ganze Geschichte in die Gegenwart geholt, ohne jedoch den ursprünglichen Text zu modernisieren. Kimmig befreit Clavigo gewissermaßen von seinen biografischen und historischen Ketten und schält auf diese Weise den Kern des Stücks heraus. Dadurch wirft sein Clavigo Licht auf den heutigen Umgang mit Phänomenen wie Popularität, Narzissmus und romantischer Liebe.

Auch in Eisler on the Beach versuchen die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, neue Perspektiven durch eine Erweiterung der Figurenkonstellation zu öffnen. Sie lassen die drei Geschwister Eisler jeweils als junge Menschen und in dem Alter, welches sie zum Zeitpunkt der Anhörung 1947, hatten, auftreten. Die Freiheit der Regisseure im Umgang mit ihren historischen Subjekten endet hier leider. Weder sind markante Kontraste in der Haltung der Figuren erkennbar, noch konfrontieren die Regisseure die Egos der zwei Lebensalter miteinander. Die Figurendopplung wird so zur reinen Orientierungshilfe für das Publikum.

Zeitkolorit verleihen Kühnel und Kuttner der Inszenierung auch durch ein Bühnenbild, das die bekanntesten Gemälde Hoppers aufruft. So sitzt Ruth auf dem Bett in einer dem Gemälde Morning Sun nachempfundenen Kulisse, die Charaktere treffen in der Bar von Hoppers berühmten Bild Nighthawks aufeinander oder begegnen sich auf den Stufen vor den Häusern aus Sunlight on Brownstones. In ihrer verblüffenden Ähnlichkeit zu Hoppers Gemälden sind diese Kulissen natürlich eine gelungene Überraschung. Das befremdliche Empfinden von Vertrautheit, das sie auslösen, hat aber nicht mit der Inszenierung zu tun. Das Bühnenbild von Jo Schramm ist wunderschön, trägt aber inhaltlich nichts zu der Inszenierung bei.

Die optische Gestaltung von Clavigo ist ebenfalls sehr aufwändig. Dort sieht es aus, als hätten Bühnenbildnerin Eva-Maria Bauer und Kostümbildnerin Johanna Pfau kräftig in die Spielzeugkiste gegriffen. Das Bühnenbild besteht aus einem einzigen Objekt, das so groß und bunt und wandelbar ist, dass es jedoch vollkommen genügt: Ein riesiger Heißluftballon führt wie ein seidig-bunter Riese im Hintergrund sein Eigenleben. Den Vordergrund gestaltet Johanna Pfau mit grellen, glitzernden und im wahrsten Sinn des Wortes fantastischen Kostümen. Unweigerlich denkt man an Shakespeares Theater, wenn nicht nur Männlein und Weiblein vertauscht sind, sondern am Ende auch noch skurrile Fabelwesen mit Tiermasken, Schnabelschuhen und grünen, toupierten Haaren über die Bühne marschieren. Kimmigs Clavigo ist immer weit „over the top“, aber das entspricht dieser vollkommen welt- und selbstentfremdeten Figur. Kimmig zeigt verlorene Menschen in einer unwirklichen Welt. Das Delirium der Liebeskranken Marie wird zu einem Alptraum zwischen den Extremen.

Auf diese Weise wird optisch und emotional eine Geschichte erzählt, die einen Rahmen für die collagenartige Zusammenstellung des Textes bietet. Kimmig wählt Originalpassagen aus Goethes Clavigo und flankiert diese einerseits mit Ausschnitten aus den zur gleichen Zeit entstandenen Texten Goethes Hanswursts Hochzeit und Concerto Dramatico, und andererseits mit Versatzstücken unserer Popkultur. Auch Eisler on the Beach arbeitet mit einer solchen Textcollage. Hier werden original Tonbandmaterial aus Gesprächen mit den Eislers, historische Fernsehaufnahmen und Liedtexte Eislers kombiniert. Trotz reichlich Materials wird erstaunlich wenig erzählt. Stattdessen kommt es zwischendurch immer wieder zu starken Längen. Die Inszenierung windet sich wie Eisler vor dem Untersuchungsausschuss. Schließlich versandet das Ende allmählich zwischen den Klängen der Bolschewistischen Kulturkapelle Schwarz-Rot.

Als konsequent und bereichernd erweist sich die musikalische Gestaltung von Eisler on the Beach. Die Bolschewistischen Kulturkapelle Schwarz-Rot tritt nicht nur in entsprechender Uniform auf, sondern erzeugt auch einen Klang, der vielleicht doch etwas von dem nonkonformistischen Potential ahnen lässt, das der Eisler-Biografie innewohnt. Beherzt wagen sich die Schauspieler ans Singen von Eislers ungewöhnlichen Melodien und finden zu schönen Interpretationen der Lieder. Man hätte sich in dieser Inszenierung mehr Eisler oder mehr Fantasie gewünscht. Eislers Lieder schließlich scheinen mehr über ihn zu erzählen, als es alle biografischen Aufzeichnungen vermögen.

Magdalena Sporkmann
Eisler on the Beach
mit: Maren Eggert, Daniel, Hoevels, Jürgen Kuttner, Ole Lagerpusch, Jörg Pose, Michael Schweighöfer, Simone von Zglinicki
Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Bolschewistische Kulturkapelle Schwarz-Rot
Video: Jo Schramm, Marlene Blumert
Lied-Einstudierung: Rolf Fischer
Dramaturgie: Claus Caesar

Clavigo
mit: Susanne Wolf, Moritz Grove, Marcel Kohler, Kathleen Morgeneyer, Franziska Machens
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Eva-Maria Bauer
Kostüme: Johanna Pfau
Dramaturgie: Sonja Anders

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