Wintersonnenwende von Roland Schimmelpfennig

Tanz auf dem Vulkan

Autor Roland Schimmelpfennig und mit ihm Regisseur Jan Bosse werfen in dem am 23. Oktober 2015 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführten Stück Wintersonnenwende ihren kritischen Blick in ein gutbürgerliches Wohnzimmer im Prenzlauer Berg.

Dort bekommen Albert (Felix Goeser), „ein Intellektueller wie er im Buche steht“, seine Frau Bettina (Judith Hofmann), eine Kreative, und deren Tochter Marie (Lea Metscher / Elisa Drenckhahn) Besuch von Bettinas Mutter Corinna (Jutta Wachowiak). Es ist der 23. Dezember. Die Familie möchte zusammen Weihnachten feiern. Wie es sich für ein Weihnachtsfest im Kreis der Familie gehört, fliegen dabei ordentlich die Fetzen. Nicht nur kriselt es zwischen Bettina und Albert schon gewaltig, auch Mutter und Tochter drohen, sich beim kleinsten Anlass gegenseitig zu zerfleischen. Zu allem Überfluss schneit mit dem kräftigen Flockenwirbel, der sämtlichen Zugverkehr lahmgelegt hat, auch Rudolph (Bernd Stempel) herein. Corinna hat den galanten Herren „in seinen besten Jahren“ auf der Anreise kennengelernt und ihn in die Wohnung ihrer Tochter eingeladen, weil er sein Ziel mit dem Zug nicht mehr erreichen konnte. Und dann ist da noch Konrad (Edgar Eckert), Alberts bester Freund aus Kindertagen. Der Maler hat sich nicht nur mit einem riesigen Gemälde für Alberts stete finanzielle Unterstützung bedankt, er kümmert sich auch rührend um dessen Gattin …

In einem amüsanten Vorweihnachtsrausch legen sich die Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren offen. Albert, hypochondrisch und supersensibel in rosa Rolli (Kostüme: Kathrin Plath) versucht, seiner Frau eindringlich seine Erkenntnisse über deren Verhalten zu vermitteln. Regelmäßig tritt er frustriert den Rückzug an und tröstet sich im Badezimmer mit einer kräftigen Mischung aus Tabletten und Telefonaten mit seiner Kollegin. Felix Goeser gibt seinem Albert eine nahrhafte Portion Selbstmitleid und Hybris mit dazu. Bettina hat sich einen Panzer, so hart wie die Absätze ihrer Highheels, zugelegt, um die pseudointellektuellen Höhenflüge ihres Mannes zu überstehen und den materiellen Bestechungen der Unterhaltungsbranche mit sperrigen Indipendent-Filmen zu trotzen. Ihre Mutter umschifft sie mehr oder weniger erfolgreich, um Kollisionen zu vermeiden. So übel ist Corinna aber gar nicht. Ein bisschen dominant vielleicht. Sie nennt das „eine starke Frau“ und unterstreicht dieses Image mit einem gewagten neuen Kleid. Ein bisschen kühl wirkt sie auf den ersten Blick: „der nordische Typ“. In ihr aber lodert eine Flamme, die Rudolph mit seinen Entertainerqualitäten erst richtig zu entfachen vermag; auch, wenn man das seinem grauen Anzugdasein gar nicht zutraut. Da kann auch Bettina nicht leugnen, dass es berührend ist, die jugendliche Ausgelassenheit ihrer einsamen und verarmten Mutter zu beobachten. Allein, wer ist eigentlich dieser Rudolph? – Seine Äußerungen erinnern immer mehr an ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte. Albert, der sich intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat, ist für diese Schwingungen besonders empfänglich. Sein Misstrauen gegen den ungebetenen Gast wächst und wächst und wächst … sich schließlich zu einer albtraumhaften Paranoia aus.

Es ist ein besonderer Abend, dieser 23. Dezember. Es ist ein Abend, an dem sich etwas entscheidet; das spüren auch die Figuren. Sie beschließen, diese Wende zu feiern und greifen kurzerhand auf das zwei Tage zurückliegende Fest der Wintersonnenwende zurück, denn „man muss die Feste feiern, wie sie fallen.“ Nicht zufällig wählt der Autor den Hintergrund der „Zeitenwende“ Er zeigt eine Familie, deren Mitglieder sich belügen, misstrauen, sich voneinander entfernt haben. Erst der Fremde aber stört das eingespielte System von Ignoranz und Desinteresse. Er ist das Streichholz, das den Sprengstoff entzündet.

Gleichzeitig zeigt sich an Schimmelpfennigs Wintersonnenwende, dass es auf gesellschaftlicher Ebene eine Zeitenwende eben nur scheinbar gegeben hat. Es gelingt ihm – und Bernd Stempel mit seinem präzisen und leidenschaftlichen Spiel – den Altnazi als eine Figur zu zeichnen, die sich tatsächlich „einschleicht“, die ihre Gesinnung lange so gut tarnt, dass man sie in der Normalität duldet. Der zu political correctness erzogene Zuschauer bemerkt freilich die nicht einwandfreien Kommentare Rudolphs, doch lange akzeptiert er sie als ungeschickte Formulierungen eines scheinbar harmlosen alten Herren. Rudolph ist eine brillante Figur, die Bernd Stempel wahrhaftig ins Zentrum der Handlung spielt.

Erstaunlich ist auch die selbstverständliche Gegenwart aller Figuren zur gleichen Zeit, das ganze Stück über. – Nur für Momente verlassen die Schauspieler die Bühne, sonst sind sie immer präsent. Eine starke Leistung, wie es jedem einzelnen gelingt, immer wieder das Schlaglicht auf sich zu richten. Zugleich darstellend und kommentierend bewegen sich die Figuren umeinander wie Planeten auf ihren Umlaufbahnen.

Nennenswert bleibt nicht zuletzt das Bühnenbild von Stéphane Laimé in Erinnerung. Der hoher Raum, begrenzt von durchlässigen Wänden aus eng aneinandergereihten Stahlseilen, wirkt zuweilen wie eine Gefängniszelle, in der die kleine Gemeinschaft unfreiwillig zusammengesperrt ist. Der überdimensionierte Tisch in der Mitte des Raumes ist kein Ort des Zusammenseins. Er scheint immer leer und unbelebt. Der riesige Tannenbaum, deren Aufstellen und Schmücken zu einer nahezu existentiellen Aufgabe gerät, prangt als fast unerträglich heimeliger Schmuck mittendrin.

Bedauerlich ist, wie stark dieses Stück bei allem explosiven Potential doch ununterbrochen Klischees bedient. Es schöpft einen Großteil seines polemischen Potentials geradezu aus der Wiederholung gängiger Klischees über die gutbürgerlichen Intellektuellen-Haushalte des Prenzlauer Bergs. Ungeachtet der Tatsache, dass eine gewisser wahrer Kern diesen Darstellungen nicht abzusprechen ist, hat die reine Abbildung der Klischees auf der Bühne maximal Unterhaltungswert. Gewissermaßen ist so das Eis ein bisschen dünn geraten, auf dem sich der Autor mit schweren Geschützen bewegt.

Magdalena Sporkmann

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