100 Sekunden (wofür leben) von Christopher Rüping und Ensemble

Für die Sache

100 Sekunden (wofür leben) von Christopher Rüping und Ensemble, Premiere: 18. Oktober 2015

Vor ein paar Jahren gab es eine Party, deren Motto „Helden in Strumpfhosen“ lautete. Die humorvolle Gastgeberin – oder war sie doch nur schadenfroh; wer weiß das schon – ließ der männlichen Gesellschaft „freie Hand“, was die Gestaltung ihres Outfits oberhalb der Gürtellinie anging; darunter bitteschön, sollte tatsächlich nichts weiter als eine Strumpfhose getragen werden. Diejenigen Herren, die pflichtschuldig den Spaßvogel mimten und den Dresscode befolgten, waren schon bald sturzbetrunken und hatten damit einen unzweifelhaften Vorwand, schnellstmöglich den Heimweg anzutreten – in einen langen Mantel gewandet; und sei es nur ein Bademantel der Hausdame gewesen.
Die „Helden in Strumpfhosen“ sind selbstverständlich eine Erfindung des Regisseurs Mel Brooks, dessen Robin Hood-Parodie von 1993 in der deutschen Version diesen Titel trägt. Immerhin tragen seine nicht minder komischen Helden in zweifelhaftem Beinkleid den Spott mit mehr Fassung. Lächerlich sind sie aber allemal.
Mit größerem Ernst näherte sich ein Seminar der Freien Universität Berlin der Spezies „Held“ – nein, Superheld! – im vergangenen Semester mit einem Seminar. Hier wird nach den Vor- und Darstellungen von einem Superhelden gestern und heute gefragt.
Heute … verheißt eine der täglichen Postwurfsendungen von Umzugsunternehmen im Raum Berlin, „Helden“ würden uns – gegen Bezahlung – den Umzug retten.
Es ist klar: Die Vorstellungen davon, was man leisten muss, um als Held zu gelten, gehen stark auseinander. Auf spielerische und humorvolle Weise erkundet Regisseur Christopher Rüping mit vier Schauspielern am Deutschen Theater Berlin in der Inszenierung 100 Sekunden (wofür leben), eine ganz besondere Unterart des Helden, den Märtyrer. Dessen Heldentat besteht darin, dass er nicht für eine Sache lebt, sondern für sie stirbt. Katharina Matz, Wiebke Mollenhauer, Michael Goldberg und Camill Jammal verkörpern unterschiedlichste Märtyrergestalten quer durch alle Jahrhunderte: von Catharina von Georgien, die sich weigerte, dem Christentum abzuschwören, über Jeanne d’Arc, die sich von Gott berufen fühlte, Orléan zu befreien, bis hin zu Fatma al-Nejar, einer alten Dame, die sich als Selbstmordattentäterin in Gaza in die Luft sprengte. Ihr starker Glaube, der sie letztendlich das Leben kostet, eint all diese Figuren. Die Perspektive der Außenwelt kann dabei durchaus eine andere sein. Von Terrorismus über Wahn bis hin zu schlichter Dummheit reichen die Zuschreibungen, mit denen die sogenannte Öffentlichkeit ihre Motivation erklärt.
100 Sekunden erhält jeder Darsteller pro Portrait. In nicht einmal zwei Minuten legt jede Figur ihre Überzeugung dar, für die sie gestorben ist. Einige Kuriositäten unter den 48 Märtyrer-Biografien haben echten Unterhaltungswert. Wirklich ernst nimmt der Regisseur aber keine der Figuren. An allen stellt er das Aberwitzige ihres „verblendenden“ Glaubens heraus. Immer mehr geraten in der Darstellung sogar zu Witzfiguren, wie der mit 49 Jahren bei dem Rekordversuch, sich an seinen eigenen Haaren über eine Schlucht zu seilen, tödlich verunglückte Nath Roy. Es ist mutig, sich die Tragikomik dieser Geschichten so zunutze zu machen. Neben einem enormen Unterhaltungswert zeigen sie nämlich auch: Die Wahrnehmung eines Märtyrertods variiert stark je nachdem, ob man sich mit dem Glauben dieses Menschen identifizieren kann oder nicht. Wer für den einen als Held, kann für den anderen als unfreiwillig komische Figur gestorben sein.
Sinn für Komik beweist vor allem Schauspieler Camill Jammal. Er entfaltet im letzten Drittel der Inszenierung am Klavier echte Entertainerqualitäten mit popkulturellen Hymnen auf das Leben. Auch Wiebke Mollenhauer nutzt die offenere Form gegen Ende des Stücks für impulsivere und schrillere Darstellungen. Sie beiweist, dass mit Humor dem Kern des Märtyrertums näher zu kommen ist als mit Ernsthaftigkeit. Die Inszenierung driftet hier in den Klamauk ab, was ihr durchaus gut tut. Während die Darsteller zunächst noch in einem improvisierten Zuschauerraum mitten unterm Publikum spielen, erobern sie sich zuletzt den „Märtyrerhimmel“, den eigentlichen Zuschauerraum. In einiger Entfernung vom Publikum „ziehen“ sie dort „ihre eigene Show ab“. Sie treiben auf die Spitze, was von Anfang an – zuweilen nervtötend – immer auch Thema war: Der Glaube und das Opfer für den Glauben, sind immer auch an eine extreme Selbstliebe und Selbstüberhöhung geknüpft. Es tut gut, diese „Selbstbeweihräucherung“ als lächerliche Pose entlavt zu sehen.
Vielleicht brauchen wir gar keine Helden. Denn es scheint, das Heldentum ist nur dafür erfunden, dem Leben – und Sterben – einen Sinn zu geben. Der „Auftrag“, die „Berufung“ ist nur Mittel zum Zweck. Eine Heldentat ist immer auch eine egoistische Tat. Humor bewahrt stattdessen davor, sich selbst durch einen Glauben zu definieren, der manchmal das Leben kostet.

Magdalena Sporkmann

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