X-Freunde von Felicia Zeller

„Dich gibt es ja nun nicht mehr, also deine Firma gibt’s nicht mehr.“

Vom 23.-26. September 2015 laden die Pankower Theatertage (ptt) dazu ein, die enorme Bandbreite der Theaterbühnen des Bezirks Pankow kennenzulernen. Rund 50 Ensembles und Spielstätten präsentieren sich in diesen vier Tagen mit ihren aktuellen Inszenierungen.

Am Abend des 23. Septembers war so beispielsweise die Inszenierung X-Freunde von Felicia Zeller in Regie von StephanThiel im Theater unterm Dach zu erleben. Das imposante Gebäude dessen Dachgeschoss die Theaterbühne beherbergt, ist sicher vielen bereits aufgefallen. Einige Meter von der verkehrsreichen Danziger Straße zurückgesetzt liegt das Gelände der ehemaligen IV. Städtischen Gasanstalt. Bereits seit 1986 logiert dort nach umfangreichem Um-, Aus- und Anbau ein wichtiges Kulturzentrum des Prenzlauer Bergs. Ausstellungs- und Veranstaltungsräume, Werkstätten, ein Jugendclub und eben auch das Theater unterm Dach sind Begegnungsorte für verschiedenste Menschen des Kiez‘. Im Theater unterm Dach trifft eine große Themenoffenheit auf Professionalität eröffnet auch dem Publikum sonst eher „großer“ Bühnen spannende Angebote. Die hohe Qualität der Aufführungen schlägt sich auch in Form von Aufzeichnungen nieder. So war X-Freunde 2013 für den Friedrich-Luft-Preis nominiert. Zudem wurde die Inszenierung als eine von zehn aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zum virtuellen nachtkritik.de-Theatertreffen 2014 ausgewählt. Diese Auszeichnungen versprechen nicht zu viel. X-Freunde bereitet dem Publikum einen spannenden, amüsanten und auch nachdenklichen Theaterabend.

Es geht um das Ehepaar Anne und Holger Holz, sowie deren gemeinsamen langjährigen Freund Peter Pils. Während Holger seine Catering-Firma schließen musste, weil auf unerklärliche Weise vergiftete oder verdorbene Garnelen in sein Essen geraten sind und infolgedessen zwei Menschen das Leben gekostet haben, befindet sich seine Frau karrieretechnisch auf der Überholspur. Anne hat es satt als kleines Rad im großen Getriebe menschlich nicht wahrgenommen und in ihrer Leistung verkannt zu werden. Sie kündigt ihren Bürojob und macht sich selbständig. Ihre ambitionierte Geschäftsidee: Sie möchte die Welt retten. Der arbeitslose Holger unterstützt seine Frau in der Verwirklichung ihres Traums, so gut er kann. Bald aber hat sich Anne in ihrer permanenten Ruf-Bereitschaft, ihrem Arbeitswahn und Leistungsdenken so weit von ihm entfernt, dass nicht nur der gemeinsame Kinderwunsch „dran glauben“ muss, sondern leise auch zuerst die Ehe stirbt und dann Holger sich aus Annes Leben schleicht. Peter, Bildhauer und Leistungsverweigerer, sieht mit Schrecken, wie sein Freund Holger alles den Zielen seiner Frau unterordnet und bald fast ebenso gestresst und distanziert wirkt wie Anne. Diese pflegt schon längst eine intensivere Beziehung zu ihrer Arbeit als zu ihrem Mann und ihren Freunden. Doch freimachen kann sich Peter von dem Leistungsdruck, dem Anne mit Arbeit zu begegnen versucht und den Holger als Arbeitsloser künstlich aufrecht erhält, auch nicht. Dafür sorgt seine Kuratorin, die ihn mit ihren Vermarktungsvisionen seiner Kunst und seiner Person immer wieder von der Arbeit abhält. Gefangen in (verinnerlichten) Anspruchshaltungen verlieren Anne, Holger und Peter den Kontakt zueinander und zu sich selbst.

So unterschiedlich die Umgangsweisen der Figuren mit dem Leistungsdruck, so unterschiedlich sind auch die Darsteller. Tilla Kratochwils Interpretation der Anne ist solide und glaubwürdig. Jaron Löwenberg gibt als Beau die fragile Künstlerpersönlichkeit, die ihre tiefen Selbstzweifel mit einem Übermaß an Selbst-Bewunderung zu übertünchen versucht. Seiner Figur ist eine fast clowneske Komik eingeschrieben. Das herzlichste Lachen erweckt aber verdientermaßen Christoph Schüchner im Publikum. Er nimmt die Komik seiner Figur genauso ernst wie deren Tragik und agiert unter vollem Körpereinsatz und mit größter Genauigkeit die Stimmungsschwankungen Holgers aus. In jedem Moment beherrscht Schüchner Text und Spielraum. Er lässt es darin weder an Selbstironie noch an bezwingender Emphase fehlen.

Die Dringlichkeit des Themas ist unbestritten. Zudem weist Felicia Zellers Text eine seltene Originalität auf. Zuweilen in fast reinen Sprachspielen wird das Wesen dieser gesellschaftlich organisierten Spannung, unter der auch die drei Protagonisten stehen, treffend umrissen. In einer Aneinanderreihung von Ellipsen klingen die schier endlosen Variationen moderner Kommunikationsformeln auf. Der Businesssprech entfaltet so eine ganz eigene Poesie. Die Parolen unserer Leistungsgesellschaft werden als hohles Programm des sozialen Aufstiegs entlarvt: „Stress ist ein moderner Euphemismus für schlecht gelaunte Menschen.“ Anne folgt diesem Programm nicht nur blind, sie verkörpert es geradezu. Sie kennt die Tricks des Business, das nichts als ein einziger großer Bluff zu sein scheint: „Wir alle wissen, wenn man Sachverhalte kompliziert darstellt, vermeidet man Nachfragen.“ Als sie Holger nicht mehr nur überholt, sondern ihn geradezu mit ihren schweren Geschützen überfährt, muss sie sich eingestehen: „Ich liebe die Herausforderung und ich habe Erfolg und ich zahle den Preis dafür.“ Einen wirklich guten Ausweg findet keiner der drei Freunde. Weniger als ein Gefühl der Resignation bleibt nach dieser Einsicht in den vielleicht im Einzelnen unlösbaren Konflikt zwischen Individuum und Leistungsgesellschaft ein zugleich amüsierter und verwunderter Blick auf die eigenen Lebensverhältnisse. – Verwunderung darüber, wie schnell man doch zu beschäftigt ist, um über das permanente Beschäftigtsein noch nachdenken zu können.

Magdalena Sporkmann

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