„Immer noch Sturm“ von Peter Handke

Eine Familie wie eine Insel

Kritik von Magdalena Sporkmann

Eine kleine Drehbühne rotiert ununterbrochen. Abwechselnd gibt sie so den Blick in eine ihrer vier winzigen Kammern frei. Dort lebt eine Familie; Kärntner mit slowenischen Wurzeln. Es ist die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Als ethische Minderheit verteidigen sich die Kärntner Slowenen nach Kräften gegen Rassismus, Aussiedlung und Gewalt. Wie eine Insel erscheint ihre Kultur, ihre Sprache inmitten der sonst immer homogener werdenden Gesellschaft unter Einfluss der Nationalsozialisten. Eine Insel ist diese Familie auch für den Erzähler, ihren Nachfahren. Er steht etwas abseits, nähert sich der Drehbühne immer wieder und lässt in seiner Erinnerung die Familienmitglieder auferstehen. Er selbst, Kind einer slowenisch-stämmigen Kärntnerin und eines deutschen Wehrmachtoffiziers, fühlt sich seinen slowenisch-stämmigen Ahnen zugehörig, wenngleich er von ihnen als Bastard ausgeschlossen wurde und nicht einmal ihre Sprache versteht. In Verehrung, jedoch ohne zu Verklären, nähert er sich der Vergangenheit und entfaltet ausgehend vom Schicksal seiner eigenen Familie die Geschichte einer ganzen Bevölkerungsgruppe.

In diesem stark autobiografischen Theaterstück Immer noch Sturm schreibt Peter Handke gegen das Vergessen an. Er setzt seiner Familie wie der slowenischen Minderheit in Kärnten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs ein poetisches und sprachgewaltiges Denkmal. Die Inszenierung von Frank Abt hatte am 29. April 2015 am Deutschen Theater Berlin Premiere.

In der Besetzung mit Markwart Müller-Elmau gewinnt der Erzähler eine starke Autorität, ohne sich selbst dadurch in den Vordergrund zu stellen. Das subjektive Erinnern wird immer wieder problematisiert: „Du hast kein Recht auf Märchen“, wird der Erzähler ermahnt. So formuliert er eher Fragen an die Vergangenheit und die Vergangenen, statt seine eigene Perspektive zu verhärten. Zart, wohlwollend und mit Bedacht bewegt sich Müller-Elmau in seiner Rolle auf die erinnerte Vergangenheit zu.

Das lebhafte Spiel der sieben Familie-Darsteller entfaltet sich ausgehend von der isolierten Drehbühne und wird schließlich raumgreifend. Die Schauspieler lassen die Vergangenheit selbst zu Wort kommen und sind doch niemals losgelöst von der subjektiven Erinnerung des Erzählers. Markante Charakter-Darstellungen gelingen vor allem Michael Gerber in der Rolle des Großvaters, eines weichherzigen, aber polterigen Patriarchen, und Judith Hofmann als Mutter des Erzählers. Die Figur der Mutter nimmt für den Erzähler wie den Autor Handke eine zentrale Rolle ein. Sie ist das Bindeglied zwischen der sprachlich und kulturell fremden Familie und dem Erzähler/Autor. Judith Hofmann hebt die Figur der Mutter durch besondere Anmut und Lebenslust, aber auch verzweifelte Trauer aus dem Ensemble hervor.

Das Bühnenbild von Steffi Wurster greift die Insel-Metapher auf. Einzig die Drehbühne ist mit Requisiten, Einrichtungsgegenständen aus einer Bauern-Stube, ausgestattet. Zu Anfang wird nur dieser Raum bespielt. Farben, Wärme und Lebendigkeit der Drehbühne zeichnen sich wie eine Insel in dem sonst kam ausgeleuchteten Bühnenraum ab. Inmitten des grauen Meeres aus Zeit, aus Vergessen, aus Existenzen und Geschichte erhebt sich diese kleine, individuelle Familie, Zeitspanne, Erinnerung. Im Laufe des Abends aber verselbständigt sich die Erinnerung. Die Drehbühne wird peu à peu demontiert, die erinnerte Vergangenheit beginnt, die erlebte Gegenwart zu überlagern.

Zwei Stunden Spieldauer verstreichen in ungebrochener Aufmerksamkeit und man gewinnt den Eindruck, Zeuge eines großen Epos geworden zu sein, obwohl doch nur die Geschichte einer einzigen Familie erzählt wurde. Ein erstaunliches Stück Gegenwartsdramatik, das in der Inszenierung von Frank Abt seine starke Intimität wie auch Allgemeingültigkeit entwickeln kann.

Ich-Erzähler: Markwart Müller-Elmau

Mutter: Judith Hofmann

Großmutter: Katharina Matz

Großvater: Michael Gerber

Gregor: Thorsten Hierse

Valentin: Ole Lagerpusch

Ursula: Simone von Zglinicki

Benjamin: Marcel Kohler

Regie: Frank Abt

Bühne: Steffi Wurster

Kostüme: Sophie Leypold

Licht: Thomas Langguth

Ton/Video: Richard Nürnberg

Dramaturgie: Meike Schmitz

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