Eröffnungswochenende Movimentos Wolfsburg

Yoko Ono in Wolfsburg

In der Autostadt Wolfsburg heißt es dieser Tage: „Wünsch dir was!“ Um Autos geht es dabei aber nicht. Vielmehr stehen ideelle Werte im Mittelpunkt: Anlässlich der dreizehnten Ausgabe der Movimentos Festspiele hat Yoko Ono ihre internationale Kunstaktion Wish Tree nach Wolfsburg verlegt. Besucher des Festivals sind dazu eingeladen, einen Wunsch zu Papier zu bringen und dieses Kärtchen in die Zweige des Wish Tree zu hängen. Am Ende der Aktion werden alle Wunschzettel nach Island zu dem von Yoko Ono gestifteten John Lennon-Denkmal Imagine Peace Tower gebracht. Dort gesellen sie sich zu den bisher eingesammelten Wünschen, insgesamt über eine Million.

Es sind große Namen, mit denen die Autostadt Wolfsburg ihr Publikum anlockt, und Movimentos hält, was es verspricht: ein breites kulturelles Angebot auf hohem Niveau. In diesem Jahr findet das Festival bereits zum dreizehnten Mal statt. Es wurde am vergangenen Wochenende unter anderem mit dem Joshua Redman Trio, der Sidney Dance Company und der Welturaufführung einer Komposition von Vito Žuraj eröffnet. Das „Festival für Tanzbegeisterte und Kulturliebhaber“ bildet den kulturellen Höhepunkt des ganzjährigen Kulturprogramms der Autostadt Wolfsburg.

In den kommenden fünf Wochen sind im Rahmen des Festivals dort hochkarätige internationale Künstler aus den Bereichen Tanz, Musik und Theater zu erleben. Doch auch jenseits des Festivals bietet die Autostadt, Aushängeschild des Volkswagen-Konzerns, einen Anlaufpunkt für kulturell Interessierte. Architektur, Geschichte und Kunst sind, wenngleich nicht sofort erkennbar, auf den Wegen durch die Autostadt allgegenwärtig. So bleibt es dem Besucher selbst überlassen, ob er die ansprechende Gestaltung der Autostadt einfach nur genießt oder sich darüber hinaus auf deren künstlerische Spuren begibt.

Der weitläufige Erlebnis- und Themenpark wurde von den WES-Landschaftsarchitekten um Hinnerk Wehberg angelegt. Bei der Gestaltung spielten sowohl ästhetische als auch kulturhistorische Überlegungen eine wichtige Rolle. Brunnen, Kanäle, Brücken, Wege und Heckenskulpturen setzen architektonische Rahmen, der je nach Thema und Jahreszeit gestaltet werden. Während Zierapfel, Magnolie und Rhododendron die zurückhaltende Eleganz des Haus und Hof-Hotels The Ritz Carlton Wolfsburg unterstreichen, erinnern der Brunnen aus unterschiedlich bearbeiteten Granitplatten und die in einer Glockengießerei eigens angefertigten Pflanzkübel in der Hoteleinfahrt an althergebrachtes Handwerk. Darüber hinaus lädt ein Apfelgarten, in dem man die Entwicklung von der Wildform des Apfels bis zu seinen historisch gezüchteten Sorten nachvollziehen kann, zur Beschäftigung mit Kulturgeschichte ein. Markant gemahnt auch ein quer durch den Park verlaufender Weg an die historische Lage der Stadt um die Wolfsburg. Der Pfad mündet in die Stadtbrücke über den Mittellandkanal, der die Stadt Wolfsburg von der Autostadt trennt. Entlang seiner Achse verlief eine alte Handelsroute, die Salzstraße von Lüneburg nach Braunschweig.

Vor allem aber ergänzen sich in der Autostadt Landschafts- und Gebäudearchitektur wechselseitig. Die vorwiegend von HENN-Architekten gestalteten Pavillons repräsentieren über ihre Bauart jeweils eine Automarke. Zuletzt hat der Porsche-Pavillon das Ensemble ergänzt. Wie eine Muschelschale wölbt sich die edelstahlverkleidete Dachkonstruktion über eine Lagunenlandschaft mit Fontäne. Je nach Licht und Wetterlage wandelt sich das Erscheinungsbild des matt schimmernden Baukörpers. Zu Kugeln beschnittete Buxbaumsträucher scheinen wie Perlen aus dem Inneren des Pavillons in den Teich zu rollen. Der eigentliche Ausstellungsraum befindet sich größtenteils unterirdisch. Hier werden wenige Wagen in einem elliptischen, dymanisch wirkenden Raum präsentiert. Die Charakteristika des Sportwagens werden nach außen hin über die rasant geschwungenen Linien der Dachsilhouette weitergetragen. Der Pavillon erschöpft sich jedoch nicht in seiner repräsentativen und ästhetischen Funktion. Eine treppenförmige Terrasse im Schutz des Daches bietet im Sommer zu Livekonzerten einigen hundert Besuchern Platz.

Auch ein anderes, vom Architekturbüro HENN entworfenes, Gebäude wird in der Autostadt als Kulturort genutzt: Das ZeitHaus beherbergt nicht nur eine große markenübergreifende Ausstellung über die Geschichte des Automobildesigns, sondern zeigt in einer Dauerausstellung auch die dreiteilige Installation Chrion des Künstlers Henrik Schrat. In dieser Auftragsarbeit ließ sich Schrat von Autoteilen inspirieren und setzt sich in drei verschiedenen Medien – Folienschnitt, Video und Mobilé – mit der Maschine ‚Auto‘ und ihrer Bedeutung für den modernen Menschen auseinander.

Joshua Redman Trio Foto: Janina Snatzke

Joshua Redman Trio
Foto: Janina Snatzke

Am Abend des 10. April 2015 bildet das ZeitHaus den Rahmen für die Auftaktveranstaltung der diesjährigen Movimentos-Festwochen: Der für den Jazz-Echo nominierte Tenor-Saxofonist Joshua Redman konzertiert dort mit dem Bassisten Reuben Rogers und dem Schlagzeuger Gregory Hutchison vor einem begeisterten Publikum. Das Joshua Redman Trio gibt neben seinen Arrangements von Klassikern wie der Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper oder George Gershwins Someone To Watch Over Me auch Eigenkompositionen zum Besten. Während sich die geheimnisvollen orientalischen Klänge des Titels Ghost wie ein freundlich-melancholisches Gespenst neugierig durch die Zuhörerreihen schlängeln, bricht draußen die magische “blaue Stunde“ an. Die Musiker steigern sich zu tanzanimierenden Rhythmen. Das Publikum wippt im Takt und honoriert die ausgezeichneten Soli mit spontanem Applaus. Als sich vor der riesigen Glasfront des ZeitHauses schließlich ein Reiher aus der Luft herabsenkt und ein abendliches Bad im Kanal nimmt, ist die bezaubernde Stimmung dieses gelungenen Eröffnungskonzertes vollkommen und das Konzept der Verknüpfung von Architektur, Landschaft und Kunst aufgegangen.

Sidney Dance Company Foto: Thomas Ammerpohl

Sidney Dance Company
Foto: Thomas Ammerpohl

Zur gleichen Zeit findet im alten Heizkraftwerk des Volkswagen-Werks die Europapremiere der Performance 2 One Another der Sidney Dance Company, eines der besten Tanz-Ensembles Australiens, unter der Leitung des Choreografen Rafael Bonachela statt. Buchstäblich ein Kontrastpogramm zum sanften, beschwingten Jazz des Joshua Redman Trios vereint diese Performance schnelle elektronische Beats von Nick Wales mit klagenden barocken Streichermelodien und Lyrik-Zitaten von Samuel Webster. Die akrobatisch-energetischen Bewegungen der Tänzer beeindrucken in ihrer technischen Perfektion und werden in der Raumwirkung von einer aufwändigen Lichtshow unterstützt. Die Choreografie 2 One Another thematisiert die volle Bandbreite menschlicher Interaktion. Das Ensemble stellt Beziehungsgeflechte innerhalb einer größeren Gesellschaft genauso dar, wie die Gefühlsfarben innerhalb eines Paares. Während die ästhetische Qualität von Bonachelas Choreografie herausragend ist, scheint gleichzeitig eben diese makellose Schönheit der Show eine inhaltliche Dringlichkeit und Berührung des Zuschauers zu verhindern. Letztendlich bleibt die popartige Performance 2 One Another reibungslos und dadurch oberflächlich. Die bombastische Show lenkt von der eigentlichen Problematik ab, die sich am ehesten noch in einem tänzerischen Duett mit leisen Tönen und langsamen Bewegungen entfaltet. Ein Tänzer und eine Tänzerin bewegen sich dort zumeist auf dem Boden und liegend aneinander vorbei, unter- und übereinander hinweg. Sie suchen tastend nach einer Verschmelzung, doch Schwerkraft und Körperlichkeit drängen sie immer wieder an die Peripherie des jeweils anderen zurück. Die Gemeinschaft zeigt sich hier als zerbrechliches und stetig sich wandelndes Konstrukt.

Matinee mit Komposition von Vito Žuraj Foto: Matthias Leitzke

Matinee mit Komposition von Vito Žuraj
Foto: Matthias Leitzke

Das Zusammenwirken verschiedener, auf den ersten Blick vielleicht nicht zusammenpassender Elemente erkundet auch Vito Žuraj in seiner Komposition Schub’rdy G’rdy oder: Das Oktopusquartett. Diese Schubert-Paraphrase mit Texten von Patrick Hahn wurde unter Mitwirkung der Sopranistin Alessia Hyunkyung Park, der Pianistin Annika Treutler und dem Akkordeonisten Stefan Hussong am 12. April in einer Matinee im ZeitHaus uraufgeführt. Žuraj und Hahn greifen mit der Paraphrase auf eine Gattung zurück, die sich zu Schuberts Lebzeiten etablierte und zum Ziel hat, bekannte Motive zu variieren, um ihren Ausdruck zu verstärken. Žurajs Paraphrase über sieben Lieder aus Schuberts Winterreise ist fast schon eine theatrale Metaerzählung zu diesem beliebten Werk. Jede Stimme, so erklärt Žuraj einleitend, übernehme eine bestimmte Rolle in dieser Geschichte. Die Sopranistin spiele eine Wirtstochter, zu der sich ein Leierkastenmann, der Akkordeonist, gesellt. Parallel zum Biergenuss des Leierkastenmanns vergröbere sich dessen Benehmen gegenüber der Wirtstochter. Es kommt zur Auseinandersetzung zwischen den beiden und dies vor dem wachsamen Blick des Wirts, dessen Part die Pianistin spielt. Musikalisch und lyrisch ist Žuraj und Hahn eine Modernisierung und dramatische Zuspitzung des Konflikts gelungen, deren Ausdrucksstärke durch das künstlerische Engagement der Interpreten noch gesteigert wurde. Besonders beeindruckend ist die gelungene Balance zwischen Respekt dem Original gegenüber und Risikobereitschaft in der Innovation. Hahn und Žuraj haben sich zum Ziel gesetzt, die Wahrnehmung des Publikums den altbekannten Liedern gegenüber durch eine fremde Perspektive zu erfrischen und neu zu beleben. Eine Interpretation also, die nicht auf Veränderung, sondern auf Verdeutlichung des Vorhandenen aus ist. Gleichzeitig sind die Instrumentalbesetzung mit einem Klavier, einem Viertelakkordeon und einer Sopranistin sowie die Verse sehr ungewöhnlich und formal weit entfernt von Schuberts Vorlage. Es scheint aber, als ermögliche gerade dieser Bruch eine Annäherung. Keine oberflächlichen Ähnlichkeiten verstellen den Blick auf die Essenz.

Die Hörgewohnheiten des Publikums werden in dieser Matinee auch von dem Schlagzeuger Simon Klavzar aufgebrochen. In einem Metalwork für Akkordeon und Schlagzeug von Magnus Lindberg lässt er eine Vielfalt von Schlaginstrumenten erklingen, die er virtuos beherrscht. In dem Schlagzeugsolo She, Who Sleeps with a Small Blanket steigert sich Klavzar zu vollem Körpereinsatz und beweist seine Präzision und Ausdruckskraft.

Leidenschaft spricht aus allen Darbietungen bei dieser Matinee und Leidenschaft ist es auch, die Kreativdirektorin Dr. Maria Schneider zu dem Wagnis, das Publikum mit außergewöhnlichen Komponsitionen zu konfrontieren, ermutigt hat. Sie ist überzeugt, dass das ungezwungene Format der Matinee eine andere Auseinandersetzung mit klassischer Musik ermögliche als große Abendveranstaltungen. Für Movimentos hat sie in den Matineen einen Experimentierraum geschaffen, in dem junge Talente gefördert und die klassische Musik von ihrem Pathos befreit werden soll, um einem unkonventionellen, zunehmend jüngeren Publikum zugänglich zu werden.

In diesem Jahr steht Movimentos unter dem Motto “Frieden“. In einzelnen Veranstaltungen ist diese Assoziation vielleicht eher nicht prominent und erscheint insofern etwas willkürlich. Zweifelsohne aber stimmt ein Festival, das für ein so heterogenes Publikum Angebote bereithält, friedlich und ermuntert in seiner Vielfalt und Dichte zum Blick über den kulturellen Tellerrand. Künstler aus aller Welt treffen in diesen fünf Wochen in Wolfsburg aufeinander und treten durch ihre Arbeit untereinander und mit dem Publikum in einen Dialog, der über die Grenzen der Autostadt hinaus wirkt.

Magdalena Sporkmann

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s