„Die Leiden des jungen Werther“ nach Johann Wolfgang von Goethe

dem so schön vergönnt ist, den Knaben noch als Mann zu spielen

Zwei junge Männer, die unterschiedlicher nicht sein können: der eine ein gekämmter Anzugträger mit Anstand und Manieren, der andere eher der „Künstler-Typ“ mit langem Haar, Lederjacke und jeder Menge Leidenschaft. Albert und Werther. Zwischen Ihnen: Lotte, aufrichtig geliebt von Albert, ihrem zukünftigen Mann, und überschwänglich angebetet von Werther, ihrem heißblütigen Verehrer. Diese Ménage à Trois kostet Nerven und schließlich fordern Die Leiden des jungen Werther ein Opfer.

Louis Villinger hat für das Theater der Altmark Stendal Goethes Briefroman auf die Bühne gebracht. Premiere war am 24. Januar 2015.

Michael Magel als Werther windet sich unter höchster Liebespein, doch Lotte, von Simone Fulir als kokett, träumerisch und naiv gegeben, rückt in immer weitere Ferne. Während Werthers Verlangen die Unerreichbare zu einem Ideal stilisiert, versucht Maik Rogge alias Albert, kühl und pragmatisch seine Ehe und damit Lotte vor der narzisstischen Raserei Werthers zu schützen. Ausgerechnet von ihm wird sich Werther schließlich die Pistole leihen, mit der er sich das Leben nimmt.

Foto: Jana Kater

Foto: Jana Kater

Werther steht, auch durch die Inbrunst seines Interpreten Magel, unangefochten im Zentrum der Inszenierung. Er bedrängt mit seinen Gefühlsausbrüchen nicht nur Lotte und Albert. Auch das Publikum kann das ungebremste Selbstmitleid des Klagenden zuweilen nur schwer ertragen. Allzu übermäßig und unreflektiert erscheint, was Werther empfindet und ungefiltert äußern muss. Ein leiser Zweifel schleicht sich hier ein: Ob diese peinliche Selbstbespiegelung ihre geheime Kraft nicht als Lektüre besser entfalten kann? Gerade die Form des Briefes, die Goethe diesen exzessiven Geständnissen zugedacht hat, ermöglicht doch eine solch übertriebene Intimität.

Wenngleich Villingers Inszenierung aber zeitweise die Lächerlichkeit riskiert, betont sie stark einen Konflikt, der unter dem lauten Liebesleid leise dämmert: Werther ist auch eine Peter Pan-Figur. Seine Frustration rührt aus einem Widerstreit zwischen seiner Kindlichkeit und dem Erwachsensein. Obwohl er weiß, wie er seinem Alter entsprechend vernünftig und maßvoll handeln sollte, lebt er seine Gefühle vollends aus. Er verweigert sich der emotionalen Verflachung der Erwachsenen, wie sie Albert repräsentiert, und wünscht sich: „Lasst uns doch alle Kinder sein!“ Durch diese Dimension bringt Villinger die besondere Intensität des Stoffs gut zu Geltung. Mal geben poppige Liebesschnulzen – live von Michael Magel dargeboten – Werthers rasendem Verlangen ein kitschiges Hollywoodkolorit, mal steht die Figur bedrohlich nah am Abgrund, ohne die Gefahr in ihrer Tragweite zu ahnen.

Werthers Verzweiflung und sein Selbstmord erscheinen einerseits wie eine maßlose, übermütige Kinderei: Musste er sich ausgerechnet in Lotte verlieben, von der er doch zu Beginn schon wusste, dass sie vergeben ist? Gibt es keine andere? Ist der Tod der einzige Ausweg? Andererseits zeugt die tragische Entwicklung von einer emotionalen Wucht, die der jugendlichen Altersstufe eigen scheint. Dieses Gefühl, oder die Erinnerung daran, ist es, was noch heute die Faszinationskraft der Leiden des jungen Werther ausmacht.

Magdalena Sporkmann

Inszenierung: Louis Villinger

Ausstattung: Mark Späth

Dramaturgie: Cordula Jung

Werther: Michael Magel

Lotte: Simone Fulir

Albert: Maik Rogge

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