„Gaunerstück“ von Dea Loher

Für eine Nacht „raus aus dem Aquarium und Vogel werden“

Maria und Jesus Maria: Diese beiden, Zwillinge, sind weit entfernt von Reinheit und heiliger Familie. In armen Verhältnissen geboren – heute heißt das Prekariat – sind auch sie, aber darauf beschränken sich die Gemeinsamkeiten mit ihren biblischen Namensvettern. Nachdem Vater Pablo die Familie verlassen hat, ist Marias und Jesus Marias Mutter dem Alkohol verfallen. Irgendwann halten es die Zwillinge zuhause nicht mehr aus. Sie wollen sich aus der Enge der Vorbestimmung befreien. Den beiden ist bewusst, dass an ihre Herkunft ein Schicksal geknüpft ist, dem sie kaum entrinnen können. Sie reflektieren dabei fast zynisch die Sicht, die andere auf sie haben könnten, beispielsweise solche, die es besser getroffen haben: „Prekäre Herkunft, aber gesunder Humor!“ Oder: „Wir haben es nur dem Sozialstaat und unserem starken Willen zu verdanken, dass wir noch nicht kriminell geworden sind.“ Maria und Jesus Maria halten ein Ideal vom Leben hoch, das der Fernseh-Rhetorik zu entstammen scheint. Die Zwillinge sind fest entschlossen, sich ein „superschönes Leben“ zu bereiten. Notfalls werden sie es sich ergaunern. Denn es ist doch nicht kriminell, sich das Glück zu nehmen, das einem im Vergleich zu anderen fehlt, oder? – Die Zwillinge mieten sich in einem Hotel in Antwerpen ein und kundschaften die umliegenden Juweliergeschäfte aus: Wie viele Mitarbeiter? Gibt es dort Kameras? Alarmanlagen?

Dea Loher hat in ihrem neuen Stück, dem Gaunerstück, zwei junge Träumer in ein Abenteuer geschickt, dessen Ausgang sie eine Nacht lang erwarten. Während das Publikum im Deutschen Theater Berlin mit ihnen wartet, erzählen ihm Maria und Jesus Maria unter Regie von Alize Zandwijk ihre Geschichte. Die Premiere fand am 15. Januar 2015 statt.

Ohne alle Fäden zu entwirren, die die Figuren miteinander verknüpfen, wird deutlich, was das Besondere an diesem Stück ist. – Die Zwillinge sitzen mitten in der Diamantenstadt Antwerpen und möchten teilhaben an diesem materiellen Wohlstand. Erstaunlich ist, dass es dabei in keinem Moment um Geld geht. Dass Reichtum nicht glücklich macht, scheint von vornherein klar zu sein. Es geht nicht darum, viel zu besitzen, sondern darum, einmal die Grenzen nicht zu spüren. Ein Sack voller Juwelen ist nur eine Metapher für diese Grenzenlosigkeit. Maria (Judith Hofmann und Fania Sorel) und Jesus Maria versuchen, die sozialen Schranken, die sie gefangen halten, durch einen aberwitzigen Coup zu durchbrechen. Vor allem Fania Sorel bringt ihre kindliche Freude, das Vermögen, mit aufgerissenen Augen zu staunen und voller Inbrunst zu hoffen, zum Ausdruck. Mit ihrem sympathischen flämischen Akzent und übermütigen Spiel, macht sie Maria zu einer höchst liebenswerten Person. Gemeinsam mit ihrer etwas zurückhaltenderen, doch nicht weniger sensiblen Kollegin Judith Hofmann, spielt sie auch das komische Potential der Figur vollkommen aus. Etwas blass wirkt dagegen Jesus Maria in der Interpretation durch Hans Löw und Miquel de Jong. Seine gewollte Melancholie will nicht zu dem fantastischen Lebenshunger seiner Schwester passen. In einer Nebenrolle als Madame Bonafide, eine Weissagerin und Nachbarin der Zwillinge, vermag Hans Löw aber durchaus zu amüsieren. Es gelingt ihm, den Zuschauer über das skurrile Äußere der Figur hinweg zu tragen. Er eröffnet in erheiternder Manier eine Weisheit, die man dieser vermeintlichen Schwindlerin gar nicht zugetraut hätte.

Im Programmheft schreibt Dea Loher über Maria und Jesus Maria: „Sie sind keine Arbeitsverweigerer oder Querdenker, aber eben auch nicht wild darauf, in ihrem Bildungs- oder Lebensstandard aufzuholen. Wer setzt überhaupt den Standard? Das wäre ihre Frage.“ Tatsächlich unternimmt die Inszenierung den – geglückten – Versuch, ihre Protagonisten aus des gängigen Klischees zu befreien. Den Zwillingen scheint nicht erstrebenswert, was unsere Leistungs- und Bildungsgesellschaft predigt. Gleichwohl bleiben ihre eigenen Träume leere Worthülsen, Floskeln aus Hollywood-Happy-End-Filmen. Alternative Ziele scheint es also nicht zu geben. Am Ende vermag der große Coup mit seinem Schreckensmoment, in dem sich alles zu entscheiden scheint, die Zwilling einzig für einen Augenblick aus dem gewohnten und vorbestimmten Lauf der Dinge zu entheben. Eine Nacht lang schweben sie in ekstatischer Erwartung über ihrer Welt, ganz frei. Aber diese Freiheit ist nur eine scheinbare.

Es glückt Regisseurin Alize Zandwijk, das Publikum für zwei Stunden an diesem Gefühl des Schwebens teilhaben zu lassen, an diesem Augenblick der Utopie. Atemlos und zugleich kontemplativ lässt sie die Protagonisten durch die Nacht treiben, mit der Illusion unendlicher Möglichkeiten.

 

Magdalena Sporkmann

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