„Constellations“ von Nick Payne

So oder anders

Es hätte so sein können … Oder auch ganz anders. Marianne und Roland lernen sich beim Barbecue kennen. Sie verlieben sich ineinander, werden ein Paar. Irgendwann nehmen sie wieder voneinander Abschied. Endgültig. Was dazwischen geschieht, scheint vollkommen variabel. Verschiedenste Konstellationen sind möglich. – Constellations, so der Titel des Theaterstücks von Nick Payne. Unter der Regie von Hüseyin Michael Cirpici feierte es am 8. Januar 2015 im Deutschen Theater Berlin Premiere.

Virtuos beleben Matthias Neukirch und Natali Seelig in einer rasanten Szenenabfolge die Geschichte(n) des Paares Marianne und Roland. Es gelingt ihnen, jede der unterschiedlichen Entwicklungen plausibel zu machen. Egal, wie oft sie den formal gleichen Anfang der Beziehung schon gespielt haben, Neukirch und Seelig nehmen ihn immer wieder vollkommen ernst. Sie zeigen, wie allein ein variierter Gesichtsausdruck oder ein Lachen an einer bestimmten Stelle des Dialogs, die Entwicklung in eine andere Richtung lenken kann. Ihr facettenreiches schauspielerisches Können ermöglicht es dem Publikum, sich auch emotional auf die verschiedenen Versionen der Liebesgeschichte einzulassen.

So unterhaltsam diese Versuchsanordnung ist, bleibt sie doch keine reine Spielerei. Marianne ist Quantenphysikerin und erklärt Roland, dass einer wissenschaftlichen These aus der Theoretischen Physik zufolge, Zeit nicht allein linear gedacht wird, sondern sich auch räumlich ausdehnt. Demzufolge sei es möglich, dass „im Quantenmultiversum jede Entscheidung, die du getroffen hast, in einem unvorstellbar riesigen Ensemble von Paralleluniversen existiert“.

Leidenschaftlich und verständlich erklärt, wird deutlich, welche philosophische Dimension sich aus diesen Überlegungen entfaltet: Statt nur einem Lebenslauf haben wir möglicherweise unendlich viele, die nebeneinander bestehen können. Es stellt sich die Frage, ob allein der Zufall bestimmt, welche unserer potentiellen Zukünfte wir tatsächlich erleben, oder ob wir tatsächlich aktiv durch durch Entscheidungen eine Zukunft wählen können. Inwieweit unsere bekannten Kategorien von Individualität, Zufall und Kontrolle in diesem Fall noch relevant sind, versucht Constellations zu erkunden.

Regisseur Cirpici setzt dabei auf die Faszinationskraft, die von der mannigfaltigen Darstellungsweise ausgeht. Sprache, Schauspiel und Klangcollagen (Tobias Vethake) genügen, um atmosphärisch dichte Szenen zu schaffen. Nach der Vorstellung sagt ein junger Mann aus dem Publikum zu seiner Begleitung: „Wahnsinn, wie glaubwürdig die Schauspieler die unterschiedlichen Möglichkeiten verkörpert haben.“ – „Ja, aber das ist ja ihr Job.“ Trotzdem: Diesen Job erfüllen Neukirch und Seelig auf beeindruckende Weise. Schon allein diese Demonstration der reinen Schauspielkunst ist packend. Ganz nebenbei wird eine offenbar gar nicht so unwahrscheinliche wissenschaftliche Theorie vermittelt. Im Nachsinnen darüber schreibt sich Constellations auch langfristig in die Erinnerung ein.

Magdalena Sporkmann

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