„Die Frau vom Meer“ von Henrik Ibsen

Auf leisen Sohlen

Langsam und lautlos tastet sich Ellida in ihr neues Leben vor. Ihr Mann, Dr. Wangel, hat sie freigegeben. Sein Versuch, mit Ellida ein gemeinsames Leben aufzubauen, mit den Töchtern aus seiner ersten Ehe und der eigenen Praxis, dem eignen Haus am Ende des Fjords, ist gescheitert. Ellida hat sich jahrelang nach einem Anderen, einem Seemann hingezogen gefühlt. Dieser war wie sie ein Mensch vom Meer, einer der ihre Sehnsucht nach Weite geteilt hat. Obwohl das letzte Treffen schon lange zurückliegt, keine Briefe mehr von ihm kamen, begegnet der Seemann ihr noch im Geiste. Er erscheint ihr wie ein Versprechen auf Freiheit. Ein Versprechen, das in der Enge ihrer Existenz für Ellida zur Qual wird. Leidensgenossinen in der Abgeschiedenheit des Fjordes hat die junge Frau in ihren Ziehtöchtern Hilde und Bolette, doch der gemeinsame Kummer vereint sie nicht. Und statt zärtlicher Sorge um die zutiefst unglückliche Gattin, hegt Dr. Wangel nur den Verdacht, seine launische, unbeherrschbare Frau sei an einer psychischen Störung erkrankt. Als er keine Heilung weiß, versucht er ihr Glück und den Frohmut der Familie zu erzwingen. Doch Misstrauen, Kälte und Angst bestimmen die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Regisseur Stephan Kimmig lässt in seiner Inszenierung von Henrik Ibsens Die Frau vom Meer unter einer glatten Oberfläche Gewalt, Hass und Trauer strömen. Die Premiere am Deutschen Theater Berlin fand am 26. November 2014 statt.

Das Bühnenbild strahlt die trügerische Schönheit der vermeintlichen Idylle aus (Bühne: Katja Hass). Das Haus, ein moderner Kubus aus patinierten Holzplanken, ist geschmackvoll, aber nüchtern eingerichtet. Eine Fensterfront gibt den Blick auf die Terrasse frei. Dort haben Bolette und Hilde riesige Lilien-Sträuße und unzählige Kerzen aufgestellt, um an den Geburtstag ihrer leiblichen Mutter zu erinnern. Das Feuer der Kerzen verlischt die ganze Zeit über nicht. Die Tote ist so immer anwesend und besetzt den Platz, den Ellida in dem Familiengefüge hätte einnehmen sollen. Dass nicht nur Ellida deplaziert ist, deuten auch die Kostüme an (Kostüme: Anja Rabes). Mal erinnern sie an den Stil der 50er Jahre, mal scheinen sie aus Ibsens Epoche zu stammen und manchmal muten sie ganz zeitlos an.

Niemand ist in diesem Stück am richtigen Platz und es scheint fast so, als seien dadurch alle mehr oder weniger auch psychisch ver-rückt. Steven Scharf zeigt seinen Doktor Wangel als einen Hilflosen, der sich bang an die Vergangenheit klammert. Besonders seine Tochter Bolette, von Franziska Machens als introvertierte und genügsame junge Frau gespielt, teilt seine Ängste vor der Gegenwart, aber auch vor dem Wandel. Die beiden haben sich in die selbstgewählte Verdammnis gefunden. Hilde, auf der Schwelle vom Mädchen zur Frau, geht es forscher an. Sie findet alles Morbide „interessant“ und bewegt sich in ihrem Dasein wie an einem Ort der Forschung. Lisa Hrdina verleiht ihr eine Zähigkeit und Verschrobenheit, die zuweilen beängstigend wirkt. Gegen diese drei Wangels sticht Ellida deutlich ab. Susanne Wolff hat mit viel Energie das Bild einer Außenseiterin gezeichnet, die zwar aus eigener Kraft nicht auszubrechen vermag, die Verhältnisse aber dennoch nie akzeptiert. Sie findet eine Sprache, wenn auch sehr mystisch, die der scheinheiligen Existenz zu Leibe rückt.

Kimmigs Inszenierung kommt auf sehr leisen Sohlen daher, aber stille Wasser sind ja bekanntlich tief. Wer über zeitweise langatmige Passagen hinweg sieht, spürt eine Bedrückung, welcher die Figuren ausgesetzt sind, die immer wieder auch existentiell bedrohlich wird.

Magdalena Sporkmann

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