„Amphitryon“ von Heinrich von Kleist

Ein leichtfüßiger Amphitryon mit Tiefgang

Die marmorne Tempelwand wird plötzlich durchsichtig und vier Musiker treten dahinter in Erscheinung. Charis lauscht verzückt ihren griechischen Melodien und sinkt seufzend nieder: „Radio Theben!“ – Das ist natürlich nicht von Kleist, sondern original von Katharina Thalbach. Ihre amüsante Inszenierung von Kleists Amphitryon feierte am 22. November 2014 im Berliner Ensemble Premiere.

Der ernste Tempelbau, der die Bühne dominiert, ist nur mehr eine Ruine. – Ein humorvoller Wink auf die längst vergangene mythische Vorzeit, in der Kleist Lustspiel angesiedelt ist. Aus der Gegenwart blicken wir auf Theben. Feldherr Amphitryon hat den Sieg über die Athener errungen und lässt seiner Gattin Alkmene durch seinen Diener Sosias die frohe Zeitung überbringen. Diesem aber wird der Einlass verwehrt – durch Sosias, seinen Doppelgänger. Als Amphitryon schließlich selbst zu Alkmene heimkehrt, schwärmt diese von der vergangenen Liebesnacht – mit Amphitryon. Der Gatte ist empört! Alkmene habe ihn mit einem Anderen hintergangen, er selbst habe die letzte Nacht bei seinem Heer verbracht. Alkmene ihrerseits entrüstet sich über ihn, der so schnell vergessen hat, was sie einander auf dem Liebeslager sagten. Was die beiden nicht wissen: Wie Sosias werden auch sie von einem Doppelgänger genarrt. Göttervater Jupiter hat sich nämlich in die Sterbliche Alkmene verliebt, kann aber nur zu ihr kommen, indem er die Gestalt eines Menschen annimmt. Da er um „die keusche Liebe der Gattin“ zu ihrem Gatten weiß, erscheint er ihr in Gestalt Amphitryons. Merkur, um jegliche Störung dieser List abzuwenden, macht sich einen Spaß daraus, Sosias als sein Doppelgänger entgegenzutreten. Was für Amphitryon und Alkmene tragische Ausmaße annimmt, wird in ihrer Dienerschaft ins Komische verkehrt. Doch Jupiter korrumpiert den gehörnten Amphitryon. Er offenbart sich und schenkt ihm das Kind, welches aus der gemeinsamen Liebesnacht hervorgehen wird, den Halbgott und Helden Herkules. Tatsächlich vermag die Aussicht auf noch größeres Heldentum, welches ihm durch das Kukuckskind zuteil werden soll, Amphitryon zu trösten.

Wenngleich der Bezug zum von Kleist erdachten antiken Schauplatz unübersehbar ist, blinken überall in Thalbachs Inszenierung kecke Lichter aus der Gegenwart auf. Zwar behält sie Kleists Verse zum größten Teil bei, würzt sie aber mit zeitgenössischen Einsprengsel, die die Handlung aufs Amüsanteste kommentieren. Die Kostüme stechen als solche hervor und werden durch heutige Accessoires, wie glitzernde Sneakers und verspiegelte Sonnenbrillen, persifliert. Auch die musikalischen Einlagen lassen neben griechischen Liedern deutschsprachige Liebesschnulzen an- und jedes Pathos verklingen. Ohne die hervorragende schauspielerische Leistung, insbesondere Martin Seiferts als Jupiter und Anke Engelsmanns in der Rolle der Charis, ist diese Komödie jedoch undenkbar. Seifert kehrt den vom angestaubten Götterleben zutiefst gelangweilten Jupiter heraus, der lüstern nicht genug bekommen kann von Alkmene, die seiner Schöpfung entsprungen ist. In Alkmene selbst-verliebt frönt er den leiblichen Freuden und wendet am Ende alles so, dass sein wildes Treiben die Ordnung der Welt nicht gefährdet. Charis, in ihrer Libido sein weiblicher Gegenpart, wird von Anke Engelsmann als sensationsheischende Nachbarschaftsspionin gegeben, die sich trotz ihres welken Äußeren für unwiderstehlich hält und die Keuschheit über den Haufen wirft, sobald sie einen sexuell willigen Mann wittert. Umso besser, wenn es sich dabei noch um einen Gott handeln würde, der die Gestalt ihres Gatten angenommen hätte!

Katharina Thalbach hat das ‚Lustspiel nach Molière‘ mit humorvollen Kommentaren versehen. Sie präsentiert dem Publikum darin nicht nur einen mit viel Fingerspitzengefühl modernisierten Amphitryon, sondern auch eine Komödie, die in ihrer Frivolität stark an Molières Vorlage erinnert. Sie verwandelt den zuweilen langatmigen Stoff in einen rauschhaften, leichtfüßigen Theaterabend. Statt mit Schlachtenschilderungen unterhält sie mit spritzigem Schlagabtausch und ulkigen Gesten. Dennoch bewahrt sie den tragischen Kern des Stücks und beweist in diesem Spagat ihr Können: Der Moment, in dem Alkmene ihren Gatten in einem der beiden Amphitryone erkennen soll und unwissend Jupiter wählt, ist berührend. Die Ratlose klammert sich abwechselnd an die vollkommen gleichen Gestalten, wiegt sich im Tanz mit ihnen, spürt in der Umarmung dem wahren Gatten nach. Ihre Not gipfelt im Irrtum. Resignierend fragt der Verkannte nach seinen Freunden, die bisher zu ihm, dem siegreichen Feldherren standen. Doch die opportunen Männer sind überzeugt: „Der richtige Amphitryon ist immer der, bei dem wir speisen werden.“ Einzig der „entsosiasierte“ Diener Sosias weiß, wie wenig ein Name bedeutet und hält zu seinem Herrn.

Magdalena Sporkmann

Amphitryon: Guntbert Warns; Alkmene: Laura Tratnik; Jupiter: Martin Seifert; Merkur: Raphael Dwinger; Charis: Anke Engelsmann; Sosias: Martin Schneider; Die Nacht / Ein Thebaner / Ein Feldherr: Felix Tittel

Kontrabass, Akkordeon: Atanas Georgiev
Klarinette, Saxophon :
Vladimir Kaparov
Gitarre, Gesang :
Marc Alexej Papanastasiou
Bouzouki, Gesang:
Thanasis Petsas

Inszenierung: Katharina Thalbach
Mitarbeit: Wenka von Mikulicz
Bühne: Momme Röhrbein
Kostüme: Angelika Rieck
Musik: Christoph Israel
Dramaturgie: Dietmar Böck
Licht: Steffen Heinke

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