„främmt“ von Günter Jankowiak

Deutsche Tugenden

„Deutsch sieht Malla ja irgendwie nicht aus, oder?“ – Aber was heißt das überhaupt, „deutsch“? – Blaue Augen und blonde Haare? Petrik (Franz Lenski) findet Malla (Banafshe Hourmazdi) wunderbar; er ist zum ersten Mal verliebt. Aber sein großer Bruder Hotte (Randolph Herbst) verdächtigt Malla eines Handy-Diebstahls und nimmt sie ins Kreuzverhör, aus dem sie sich letztendlich nur befreien kann, indem sie die Wahrheit erzählt, oder zumindest, was sie dafür hält. Sie hat das Handy bei ihrem Cousin Rukrie (Oliver Moritz) gefunden. Rukrie ist gerade erst nach Deutschland gekommen. Er stammt aus einer Roma-Familie. Also ist auch Malla eine Rom! Beweis genug für Hotte, dass sie notorisch lügt und klaut. Queenie (Christine Smuda), seine Schwester und Mallas beste Freundin, findet es egal, woher Mallas Eltern kommen. Und auch Petrik will nicht glauben, dass “seine” Malla ein schlechter Mensch sein soll.

Malla ist främmt. So lautet auch der Titel des am 18. November im Theater Strahl uraufgeführten Stücks von Günter Jankowiak. Der Autor und Regisseur erforscht darin nicht nur, wie Malla und Rukrie „den Vorurteilen und Bedrohungen durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft“ gegen ihre Roma-Herkunft begegnen, sondern zeigt auch, dass Jugendliche mehr oder minder sämtlich unter einem starken Konformitätsdruck stehen. Das kürzlich vom Vorstand der INTHEGA mit dem Kinder- und Jugendtheaterpreis ausgezeichnete Theater Strahl weist damit auf einen gesellschaftlichen Mechanismus hin, der Individualität und Andersartigkeit verdrängt und somit eine gesellschaftliche Bereicherung durch Heterogenität behindert.

Banafshe Hourmazdi gibt als Malla ein bejubeltes Debüt am Theater Strahl. Feinfühlig zeichnet sie das Portrait eines zugleich stürmisch-emotionalen und stark verunsicherten Teenagers. Wut, zärtliche Zuneigung und lähmende Scham spiegeln sich in ihrer starken Körpersprache. Einnehmend ist auch ihr Spiel-Partner Franz Lenski alias Petrik. Seine Verwandlung in das Klischee eines “voll krass-lässigen“ Typen ist faszinierend und urkomisch. Lenski nimmt seine Rolle sehr ernst und so gelingt es ihm, vor allem den “wahren” Petrik, den unter der coolen Oberfläche, sichtbar zu machen.

Foto: Joerg Metzner

Foto: Joerg Metzner

Für Malla geschieht in främmt, was sie immer zu vermeiden sucht: Sobald jemand erfährt, dass sie eine Rom ist, verschwindet ihr wahrer Charakter hinter gängigen Vorurteilen gegen die Roma. Doch auch sie ist nicht frei von Voreingenommenheit. Als sie das Handy bei Rukrie findet, ist sie überzeugt, er habe es gestohlen. Mit Rukries Ankunft tritt der Teil von Mallas Identität in Erscheinung, den sie bisher unterdrückt hat, der Roma-Teil. Malla fürchtet sich vor dem “Fremden” in sich, dem Unangepassten. Aber wer ist schon, der er zu sein scheint? – Queenie bastelt mit knappen Kleidern und Schminke an ihrem Äußeren herum. Hotte predigt die „deutschen Tugenden“, zeigt sich aber vollkommen intolerant, und Petrik gibt den Helden, obwohl er manchmal Angst hat und wegläuft. Er gibt zu: „In mir bin ich vielleicht langweilig, aber muss ja nicht jeder wissen. (…) Alle wollen mit coolen Leuten zusammen sein.“ Der ethische Konflikt ist nur der Anlass für eine Auseinandersetzung mit Fremdheit, Konformität und Vorurteilen.

Die Szenen – spritzige Dialoge oder nachdenkliche Innenansichten – spielen sich um eine große weiße Box auf der Bühne (Bühne und Kostüm: Daniele Drobny) ab, die abwechselnd Parkbank, Sofa oder Kochzeile ist. Zuweilen aber entspringen dieser Box, gleich einem Zauberkasten, Visionen davon, wie es hätte anders, besser laufen können. Rukrie hätte willkommen geheißen sein können als jemand „Neues, der neuen fun“ bringt, statt für störend und kriminell gehalten zu werden. Es hätte ihm und Malla gelingen können, Hottes Respekt einzufordern, egal ob sie Roma oder Deutsche sind. Dass die Realität oft anders aussieht, muss nicht betont werden. In främmt weichen ethische Klischees durch die Kraft einer innigen Freundschaft und der ersten Liebe auf. Statt dabei aber mit dem Finger auf die politisch Unkorrekten, moralisch Zweifelhaften zu zeigen, werden Tabus offen ausgesprochen und auf Augenhöhe verhandelt. Jenseits des Dualismus aus Täter und Opfer lernen die Jugendlichen nicht nur etwas über den anderen, sondern auch eine Menge über sich selbst. An diesem Prozess lassen sie das Publikum teilhaben und geben am Schluss „Äpfel vom Baum der Erkenntnis“ aus.

Magdalena Sporkmann

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