„Transit“ nach dem Roman von Anna Seghers

Vom Strom der Worte fortgerissen

Mit Romanadaptionen ist das immer so eine Sache: Sie neigen dazu, auszuufern. Wenn dann auch noch ein einziger Schauspieler auf der Bühne sitzt und eine Geschichte, DIE Geschichte, „ganz von Anfang an“ erzählen will, dann ist das schon fast eine Drohung. So fürchtet Thorsten Hierse, der den Erzähler in Transit spielt, er könne sein Publikum langweilen. Diese Befürchtung jedoch ist Teil seiner Rolle und im Übrigen unbegründet.

Mit der Bühnenadaption des gleichnamigen Romans von Anna Seghers ist Regisseur Alexander Riemenschneider am Deutschen Theater Berlin ein Wagnis eingegangen. Er hat nicht versucht, die vielen kleinen Geschichten, die sich in der Erzählung verbergen, zu inszenieren. Stattdessen konzentriert er sich auf den Erzählvorgang selbst. Hierse als Erzähler sitzt auf einem Stuhl und trinkt Rosé. (Bühne und Kostüme: Kownatzki) Das Publikum ist sein Gegenüber in einem Marseiller Café. Er erzählt seine Geschichte, die nur eine unter vielen, ähnlichen Geschichten ist. Es sind Flüchtlingsgeschichten, die hier in diesem Café in Marseille zusammenfließen. Geflohen aus Konzentrationslagern, Arbeitslagern, aus Deutschland, aus Paris treffen die Menschen in Marseille ein, um mit einem Schiff nach Kuba, Mexiko oder Martinique überzusetzen. Sie alle vereint das Warten: Warten auf Visa, auf Geld, vor allem aber auf Transiterlaubnis.

Hierse leistet über eineinhalb Stunden lang schwere Arbeit. Er versucht, die starken Stimmungen, die der Text beschreibt, zu vermitteln. Er ist zugleich der Einzelne und die Masse. Hierse stellt einen Getriebenen dar, einen, der keine Ruhe findet, der immer wieder mit fortgerissen wird, von dem Flüchtlingsstrom, obwohl er eigentlich endlich einmal einfach bleiben möchte. Ein normales Leben, ohne ständige Abschiede, ein Leben mit einer Frau, bleibt ihm versagt. Wiebke Mollenhauer flitzt in der Rolle der Marie immer mal wieder über die Bühne, aber der Erzähler vermag sie nicht zu fassen. Und als sie endlich still hält, ist es nur, um erneut Abschied zu nehmen. Im Hintergrund arbeitet Tobias Vethake live an einer Geräusch-Musik-Collage. Er erzeugt Stimmengewirr und Kriegsgetöse, das Säuseln des Seewinds und das Rauschen des Regens. Er singt und zupft und schabt und kratzt.

Hierse ist nicht allein auf der Bühne und doch wirkt er unheimlich einsam. Seine Figur, der Erzähler, ist ein Einsamer inmitten von Menschen. Aber auch Hierse wirkt zuweilen verloren in diesem Meer aus Text. Der Wortstrom reißt ihn mit und manchmal taumelt er. Dann und wann ist der Text stärker als sein Interpret.

Auf berührende und – ja – spannende Weise wird Anna Seghers’ Roman Transit in dieser Inszenierung lebendig. Der Text berauscht und überwältigt.

Premiere war am 27. September 2014.

 

Magdalena Sporkmann

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