„Das Kalkwerk“ nach dem Roman von Thomas Bernhard

Studie über einen Besessenen

Das Finale ist ein Exzess, aus dem Schauspieler Felix Römer alias Konrad paniert hervorgeht. Trunken wälzte er sich auf dem Boden durch Mehl, Eigelb und Semmelbrösel. Es ist ein Mords-Spektakel, das am Ende dieser Kalkwerk-Inszenierung steht: Protagonist Konrad tötet darin seine Gattin, die sich in weißem Schleppenkleid und Wolken aus Gesichtspuder in vergangene Zeiten zurückträumt. Nach verübtem Mord aber muss Konrad einsehen, dass es eigentlich sein Ego war, welches er hat vernichten wollen.

Philipp Preuss enthüllt in seiner gelungenen Bühnenadaption von Thomas Bernhards Roman Das Kalkwerk das Dilemma Konrads, der an seinem eigenen Anspruch scheitert (Dramaturgie: Maja Zade). Das berührende Ein-Mann-Stück feierte am 15. September in der Schaubühne am Lehniner Platz Premiere.

Seit Jahrzehnten ist Konrad davon besessen, eine „Studie über das Gehör“ abzufassen. Auf der Suche nach der nötigen Ruhe hat sich der extrem Geräuschempfindliche mit seiner Frau in ein verlassenes Kalkwerk zurückgezogen. Täglich traktiert er seine Gattin mit Klangexperimenten. Allein, sein hoher Anspruch verhindert die Niederschrift der Resultate. Im Traum gelingt es Konrad, seine Forschung auf Papier zu bringen, doch seine Frau zerstört das Manuskript. Er muss sie umbringen.

Zwischen schillernd weißen Wänden sitzt Felix Römer auf einem abgeschabten Stuhl (Bühne/Kostüme: Ramallah Aubrecht). Mit manischer, verschlagener Miene à la Jack Nicholson erzählt er Konrads Geschichte. Römer zeigt einen Besessenen: Er flüstert mit orgiastischer Lust das Wort „Rinnsal“; betet alle Wörter mit ‚ü‘ her, mit ‚o‘ und mit ‚k‘. Vom Tonbandgerät brüllen Konrad seine Gedankenschleifen entgegen und Mikrofone verstärken all seine Laute. Bedrückende Videoprojektionen geben Einblick in die Verzweiflung der Eheleute.

Die Panierszene am Schluss ist unnötiges Beiwerk, wenngleich sie demonstriert, dass die große Schönheit dieser Inszenierung im Kontrast zwischen der Schlichtheit der Mittel und der Intensität von Römers Interpretation liegt. Durch Römers Ausdruckskraft erlangt der archaische Text schlagende Wucht. Es gelingt Römer, auch Konrads Frau Präsenz zu verleihen. In schwarzem Cocktailkleid und roten Pumps ahmt er Haltung und Gestik der Rollstuhlfahrerin nach. Bald legt er die Frauenkleider ab und schlüpft in Hemd und Hose. Gespalten wirkt Konrad weiterhin. Sein Leben, die Studie, ist „Triumph und gleichzeitig furchtbar“. Diese Inszenierung lässt einem so schnell keine Ruhe.

Magdalena Sporkmann

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