Woyzeck von Georg Büchner

Es ist Zeit, Marie

Ohrenbetäubend laut schallt die Arie des Figaro aus Rossinis Barbier von Sevilla durch den Saal. Auf der Bühne rasiert Woyzeck (Peter Miklusz) seinen Hauptmann (Boris Jacoby). Dessen Gesicht thront über dem bunt geblümten Friseurumhang wie eine Schaumkrone. Brutal schabt Woyzeck über die Backen des Hauptmanns. Dann – die Geigen fiedeln dem Höhepunkt entgegen – reißt er ihm das Rasiermesser immer wieder über den Leib. Ist es nur ein Traum, in dem Woyzeck seinen Vorgesetzten niedermetzelt?

Regisseur Leander Haußmann – er zeichnet zugleich verantwortlich für Regie und Bühne – hat in seiner Inszenierung des Woyzeck von Georg Büchner am Berliner Ensemble eine Bildsprache entwickelt, die so fantastisch anmutet, dass sie die Handlung der Welt entrückt. Dabei ist Woyzecks Geschichte eine ganz wirkliche. Fasziniert von psychologischen Gutachten, die er in der Medizinzeitschrift seines Vaters über Mörder gelesen hat, schrieb Büchner die fiktive Geschichte des Soldaten Franz Woyzeck. Trotz seiner Armut versucht dieser, seine Geliebte Marie und das gemeinsame Kind zu unterstützen. Dafür erklärt er sich sogar bereit, als Freiwilliger an einem Experiment teilzunehmen, in dem er wochenlang nur Erbsbrei zu Essen bekommt. Auf der Bühne ist das eine kaum zu ertragende Tortur. Woyzeck, psychisch labil und sanftmütig, ist ein Außenseiter zwischen den grobschlächtigen Soldaten. Nur zu gern stopfen sie ihn mit dem Erbsbrei voll – ein willkommener Anlass, ihn für seine Andersartigkeit zu bestrafen, ihn zu foltern. Das Regiment – dreißig ausgebildete Soldaten – wirkt bedrohlich, nicht nur auf den armen Woyzeck. Die Wände erzittern unter ihrem Gebrüll und Gleichmarsch. Einer dieser harten Männer, der Tambourmajor (Luca Schaub), verführt Woyzecks Marie. Er besticht sie mit einem paar Ohrringe und seinem Posten – dem Versprechen auf ein Leben in Wohlstand und Ansehen. Der Hauptmann beobachtet Marie mit dem Tambourmajor und macht Woyzeck gegenüber schadenfroh Andeutungen. Peter Miklusz verleiht Woyzecks Verzweiflung auf berührende Weise Ausdruck. Er mischt darin ohnmächtigen Zorn mit der unbedingten Liebe, die Woyzeck für Marie hegt. Miklusz zeigt einen jungen Mann, der Unterdrückung und Demütigung nicht mehr standhalten kann. Die Erbsbrei-Kur schließlich verstärkt Woyzecks psychische Labilität. Nachdem er auf einer Soldatenfete Marie mit dem Tambourmajor hat tanzen sehen, quälen ihn Halluzinationen: Stimmen geben ihm ein, Marie zu erstechen.

Marie, von Johanna Griebel als triebhaft und süchtig nach Anerkennung dargestellt, folgt ihrem Verlangen nach einer Lebenslust jenseits ihrer Rolle als Mutter und Partnerin in bescheidenen Verhältnissen. Sie kann der Verlockung nicht widerstehen, doch bereut ihren Verrat sogleich zutiefst. Sie weiß, sie hat Woyzecks aufrichtige Liebe nicht verdient. Marie sucht Zuflucht im Gebet und in dem Sterntaler-Märchen der Großmutter. Die Sterne aber stehen unerreichbar hoch. Alles ist trostlos, unverzeihlich Maries Tat. Als Woyzeck sie eines Abends bittet, ihr auf einen Spaziergang vor die Stadt zu folgen, geht sie mit, wenn auch widerwillig. Sie scheint zu wissen, was sie erwartet. Der inzwischen nackte – körperlich, aber auch seelisch entblößte – Woyzeck stürzt sich auf Marie. Was wie ein – wenn auch wüster – Liebesakt in freier Natur beginnt, wird zur Bluttat aus Eifersucht. Immer wieder sticht Woyzeck auf Marie ein: „Kannst du nicht sterben?“

Haußmann lässt den Mord in einer vollkommen surrealen Szene münden. Marie tritt darin als Braut auf, der Hauptmann im Tutu. Ist dies das Jenseits? Haußmann verwischt die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit. Er öffnet dem Zuschauer die verwirrte Seele Woyzecks.

Immer wieder scheinen in dieser Inszenierung Traumsequenzen auf: das Fest der Soldaten als Karussell, auf dem in Zeitlupe die Krieger, wie Kinder auf bunten Figuren reitend, vorüberziehen. Ein Narr – Traute Hoess in bester Blödel-Laune – präsentiert ein imaginäres „astronomisches Pferd“. Ein Affe rückt ins Bild. Peter Luppa – Verzeihung! – sieht in dieser Rolle dank aufwändigen Kostüms (Janina Brinkmann) täuschend echt aus. Immer wieder aber bricht die grau-grün-Camouflage-gemusterte Realität herein. Zu den harten Klängen von Patti Smiths Banga richten die Soldaten die Gewehrläufe aufeinander. Im Hintergrund brennt der Kinderwagen ab; Woyzecks Baby liegt darin. Es ist ein Amoklauf, das Auslöschen Woyzecks Lebens und all seiner Verbindungen.

Schmerzhaft macht Haußmann die abscheuliche Allgegenwart von Gewalt und Feindschaft spürbar, die Woyzeck schließlich übermannt und selbst zum Mörder werden lässt. Der Gepeinigte richtet seine Peiniger. Gewalt beherrscht alle. Die Liebe hat in diesem Stück keine Chance. Zutiefst deprimierend ist diese Aussage und schwer verdaulich Leander Haußmanns Inszenierung. Sie trifft den Kern von Büchners Stück und macht ihn mit einer heutigen Bühnenästhetik erfahrbar.

Die Premiere fand am 6. September 2014 statt.

Magdalena Sporkmann

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