Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre

Im Strudel der Emotionen ersoffen

Den großen Existenzialisten Jean-Paul Sartre verlangte es danach, zu spielen. So schuf er in seinem 1943 verfassten Drehbuch Das Spiel ist aus eine von Determinismus geprägte Versuchsanordnung, die vom Tod aus einen Blick auf das Problem des Lebens ermöglicht. Das Deutsche Theater in Berlin hat dieses Drehbuch nun bearbeitet und unter Regie von Jette Steckel auf die Bühne gebracht. Am 28. März 2014 war Premiere.

Eve Charlier (Judith Hofmann) und Pierre Dumaine (Ole Lagerpusch) begegnen sich im Reich der Toten. Beide sind frisch ermordet und machen sich nun mit ihrer “Existenz“ als Tote vertraut. Im Leben hatten sie verfeindeten Lagern angehört. Eves Ehemann (Alexander Khuon) bekleidet eine hohe Position in der (fiktiven) faschistischen Staatsregierung, die Pierre als Anführer einer Untergrundbewegung bekämpft. Im Tod aber verlieben sich Pierre und Eve ineinander. Es stellt sich heraus, dass sie füreinander bestimmt waren und ein „Fehler“ im Schicksal diese Liebe im Leben verhindert hat. Ihnen wird die einmalige Gelegenheit geboten, ins Leben zurückzukehren, um ihre Liebe zu leben. Es gilt allerdings eine Bedingung zu erfüllen: Sie müssen einander in ihren ersten 24 Stunden auf der Erde aufrichtig und innig lieben. Doch kaum sind die beiden zurück ins Leben gekehrt, verfolgt jeder seine eigenen Pläne. Der Egoismus entfernt sie voneinander und sie bestehen die Prüfung nicht. Game over.

Ole Lagerpusch kehrt aufs Heftigste das Rebellische und Kompromisslose seiner Figur heraus. Er ist unangepasst, wie man es von einem Revoluzzer erwartet. In seinem frenetischen Kampf für die eigene Ideologie wirkt das konstant Widerständische jedoch im Wandel der Gegebenheiten wie ein Mangel an Anpassungsfähigkeit. Er ist verblendet durch seine eigenen Dogmen und ein letztendlich kindliches Heldenbild, dem er entsprechen möchte. Eve ist eine etwas wandlungsfähigere Figur. Judith Hofmann versteht es, sie in ihrem bürgerlichen Hintergrund zu verankern und ihr trotzdem das Eingeständnis zu ermöglichen, dass diese bürgerlichen Werte sie letztendlich in eine Sackgasse geführt haben.

Statt dass die beiden Protagonisten das Leben aus dem Tod heraus verstehen, verspielen sie ihre zweite Chance, weil sie nichts aus ihrem Tod “gelernt“ haben. Das Programmheft zum Stück zitiert Milan Kundera, der zu Recht zweifelte: „Liegt die Reife überhaupt in den Möglichkeiten des Menschen?“ Die Inszenierung übersetzt die “himmlische“ Liebe Pierres und Eves in fantastisch-traumhafte Bilder: Wolkenstrudel, Tangotanz, Wandeln durch den Siebenten Himmel. Diese Leichtigkeit kommt den beiden zurück auf der Erde sofort abhanden. Dort ist Liebe kein Spaziergang, sondern eine schwierige Aufgabe, an der die meisten Paare zerbrechen. Im Grunde führt die Hollywood-artige Inszenierung hier unseren Begriff von der romantischen Liebe ad absurdum. Die verklärten Vorstellungen erweisen sich als absolut unpraktikabel. Sartres Aussage geht aber darüber hinaus: Der menschliche Egoismus scheint Grundbedingung unseres modernen Lebens zu sein. Er zerstört die Gemeinschaft und die Individuen, aber er ist die Lebensform, für die wir uns entscheiden. Das menschliche Reflexionsvermögen scheint beschränkt.

Regisseurin Jette Steckel hat den Ursprung des Textes als Drehbuch zum Anlass genommen, den Stoff eher filmisch umzusetzen. Eingeblendete Videosequenzen sind handlungstragend und zielen auf eine realistische Darstellung ab. Die Bühnenhandlung ist stark illusionistisch gestaltet. Großzügig werden akustische und optische Reize eingesetzt. Das Publikum ist betört, endlich einmal selbst auf Drehbühne zu sitzen, mit Bühnenschnee berieselt zu werden, im leuchtenden Nebel zu schweben.

Die aufwändige Inszenierung wird dem fantastischen Setting des Plots sicher gerecht und besticht durch ihre Fülle an Sinneseindrücken. Allerdings – und diese Empfindung weckt leider nicht nur das Bühnenbild – gleitet die Inszenierung streckenweise in ärgsten Kitsch ab. Auch der Text bricht teilweise unter der Last gefühlsduseliger Floskeln zusammen. Er zerfällt regelrecht in komplexe philosophische Aussagen einerseits und völlig banale und unpoetische Passagen andererseits. Dieser Zwiespalt ist so immens, dass man durchaus Zweifel hegt, der Text sei durchgängig von ein und demselben Autoren geschrieben. Alles schauspielerische Engagement und alle special effects vermögen da auch nicht zu verhindern, dass sich irgendwann Langeweile und Verdruss breit machen.

Die durchaus treffende Aussage des Stücks wird durch das Bombastische der Inszenierung leider nicht verschärft, sondern eher verwässert. Die Reize lenken zu stark vom Inhalt ab. Letztendlich kann man sich der Befürchtung nicht erwehren, dass hier ein wenig zu viel mit Effekten gespielt und damit auch einiges an intellektueller Anregung verspielt wurde.
Magalena Sporkmann

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