Ismene, Schwester von. Von Lot Vekemans

Helden und Feiglinge

„Vom ganzen Stamme des Ödipus war jetzt […] nur noch Ismene übrig. Von ihr erzählt die Sage nichts; sie starb unvermählt oder kinderlos und mit ihrem Tode erlosch das unselige Geschlecht.“

(Schwab, Gustav: Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. Nach seinen Dichtern und Erzählern, Gütersloh 1916, S. 265)

Abgesehen davon, dass die antiken Sagen heute sowieso kaum noch einem präsent sind, ist die mythologische Figur „Ismene“ völlig vergessen. Überstrahlt von der populären Sage des Ödipus, in der ihre Schwester Antigone zur Heldin stilisiert wird, bleibt Ismenes Leben unbeleuchtet. Irgendwann verschwand sie dann einfach von der Bildfläche der griechischen Mythologie. Sie starb und wurde vergessen. Aus diesem Vergessen lässt sie nun die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans in ihrem Stück Ismene, Schwester von wieder auferstehen. Zum ersten Mal darf Ismene die Geschichte ihrer Familie, auch ihre eigene Geschichte aus ihrer Sicht erzählen. Und sie hat einiges zu sagen. Zuhören kann man ihr in Stephan Kimmigs Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin. Premiere war am 21. März 2014.

Susanne Wolff verkörpert in diesem Monolog Ismene. Sie kriecht durch ein Loch in der Wand auf die Bühne – ein schmaler Steg, zwei Meter über der Erde (Bühne: Anne Ehrlich). Ihr graues Haar hängt lang und stumpf herab. Sie trägt eine Jogginghose; dazu einen Sweater und Laufschuhe. Man erinnert sich an die Frau im Supermarkt, die immer nur Zigaretten, Dosenbier und Katzenfutter kauft. Und an die, die an der Tramhaltestelle mal ein Wort wechseln will – die Stimme spröde, weil sie nicht oft Gelegenheit zum Reden hat. Man denkt an all die, die da sind, alterslos, zäh und einsam in der Verbannung ihrer Plattenbauwohnungen. Man denkt an die, die die große Erzählung nicht erwähnenswert findet; die von dieser Ignoranz zermahlen werden. Und irgendwann sind die Menschen einfach verschwunden und die Wohnungen werden geräumt. All diese Bilder beschwört Anne Ehrlich mit ihrem Kostüm herauf. Es ist so klug wie sensibel gewählt und trifft doch knallhart einen Nerv.

Das Publikum wird zum Tribunal erklärt. Wir sind gekommen, um darüber zu richten, was weiter mit Ismene geschieht. Einsam existiert sie seit ihrem Tod vor dreitausend Jahren in einer Grauzone, in der Vergessenheit. Die einzigen Lebewesen, die sie dort wahrzunehmen glaubt, sind Hunde. Ismene fürchtet, diese wären auf der Suche nach Beute und würden – da es weiter keine Lebewesen gibt – eines Tages sie, Ismene, zerfleischen; so, wie die Hunde einst den verschmähten Leichnam ihres Bruders Polyneikes verstümmelten. Ismene fühlt sich verfolgt und geächtet. Doch das eigentliche Drama ihres Daseins ist, dass sie nicht einmal verschmäht wird, sondern „[s]chlicht und einfach … vergessen“. Dieses Desinteresse schmerzt sie mehr als jeder Schicksalsschlag, den sie erlitten hat. Und davon gibt es viele. Man könnte sie zusammenfassen, indem man sagt, jeder Mensch, an den Ismene sich je liebend band, brachte sich um oder wurde getötet. – Ohne Rücksicht auf Ismene, die immer wieder zurückgelassen wurde. Glück hat sie nie empfunden.

Zugegebenermaßen ist diese Lesart des Mythos, wie sie Vekemans an den Tag legt, etwas überzogen, etwas zu theatralisch. Mythen-Spezialist Schwab charakterisiert Ismene zwar im Vergleich zu ihrer Schwester Antigone als zurückhaltende junge Frau, betont aber, dass auch sie dazu beigetragen habe, dass ihr Vater Ödipus so lange in der Verbannung überleben konnte. Ödipus dankt immer wieder seinen Töchtern und erkennt sie als seine wahren Kinder an, während er seine Söhne verstößt. Bevor Ödipus in die Unterwelt geht, befiehlt er seine Töchter Theseus‘ an. Ismene hat also durchaus einen Stellenwert in der Geschichte. Im Hintergrund kämpft sie für ihren Vater und unterstützt ihre Schwester. Der zu Anfang zitierte Satz aus Schwabs Lexikon bezeugt hingegen auch, dass das erzählerische Interesse an Ismene mit dem Tod ihres Vaters erlosch. Insofern ist der Titel Ismene, Schwester von bezeichnend für die instrumentalisierte Rolle, die die junge Frau in dem mythologischen Geflecht spielen durfte.

Die Inszenierung setzt sich direkt mit der Bedeutung des Geschichtenerzählens auseinander. Sie spielt mit dem kollektiven Gedächtnis und unserem Zeitbegriff. Ismene scheint plötzlich sehr heutig. Sie verkörpert in dieser Inszenierung das menschliche Bedürfnis danach, die eigene Geschichte erzählen zu dürfen. Gleichzeitig stellt sie massiv jeglichen Anspruch auf Gültigkeit und Wahrheit in Frage.

Ein wirkungsvoller Zug, dass Susanne Wolff sich erst allmählich von der Brüchigkeit ihrer Stimme, Ismenes Stimme, die das Sprechen nicht mehr gewöhnt ist, befreien muss. Sie stellt Ismene als eine Frau dar, die sich selbst nicht wichtig nimmt, und nur von sich erzählt, weil man es von ihr verlangt, um über sie richten zu können. Das Streben ihrer Familie nach Anerkennung und Macht ist ihr fremd. Einzig: Sie fragt sich, ob sie als Heldin nicht vielleicht doch glücklicher gewesen wäre und besser geendet hätte. Eine fast zynische Portion Selbstironie steckt in vielem, was Wolff als Ismene sagt. Und doch ist es Susanne Wolff durchaus ernst mit dem Anliegen ihrer Figur. Sie bleibt ganz und gar in ihrer Rolle, lässt die ganze Verletzlichkeit der uralten und doch ewig jungen Frauenfigur erkennen. Der Bühnensteg ist der dünne Grat, auf dem sie wandert. Man spürt, in dem Abgrund lauern Selbstaufgabe und Wahnsinn.

Text, Inszenierung und Schauspiel sind gleichermaßen bewegend und faszinierend. Einmal mehr ist es gelungen, die Antike ganz nah heran zu holen; zu zeigen, dass es immer wieder die gleichen Problematiken sind, um die sich alles dreht.

Auch unsere Gegenwart ist eine Erzählung, ein Mythos. Es gibt immer Teile und Personen der Erzählung, die ignoriert oder gar vergessen werden. Auf der Straße begegnen wir ihnen dann, aber eigentlich wollen wir sie nicht sehen. Was sie zu sagen haben, zählt nicht, weil es den Verlauf unserer Hollywood-Mythen beeinträchtigen könnte. Alles soll immer einfach sein: Gut oder böse. Aber Ismene findet, das könne man gar nicht so leicht unterscheiden.

 

Magdalena Sporkmann

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