Tee im Harem des Archimedes nach einem Roman von Mehdi Charef

Mit Leid voll

1983 erschien der autobiografische Roman Tee im Harem des Archimedes. Autor Mehdi Charef, der als Zehnjähriger mit seinen Eltern aus Algerien nach Frankreich zog, verarbeitet darin seine Migrationserfahrungen. Nachdem der Roman und auch ein darauf basierender Spielfilm enorme Beachtung und Wertschätzung erfuhren, hat nun das Deutsche Theater eine von Nuran David Calis geschaffene Theaterfassung des Stoffs auf die Bühne gebracht. Am 9. Februar 2014 war Premiere. Regie führte Calis selbst. Das Stück verflicht die in den 1980er Jahren spielende Geschichte Charefs mit der Flüchtlingsproblematik der Gegenwart. Dabei wird deutlich, dass die Flüchtlingspolitik Westeuropas noch immer starke Defizite aufweist und Flüchtlinge in den saturierten Gesellschaften Deutschlands, Frankreichs & Co. nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werden. Dem Regisseur und Bühnenautor Calis gelingt es, einen dramatischen Bogen zu spannen, der die Nöte von Migranten anschaulich und einfühlsam vermittelt. Allerdings kommt er nicht über die Larmoyanz hinweg. Trotz vollen Einsatzes der Theater-Mittel reicht Calis Darstellung nicht über die Schilderung von Realität hinaus. Es fehlt an Fantasie, an Visionen oder zumindest grotesken Übertreibungen. Das Stück löst nichts aus, was die täglichen Nachrichten nicht auch schon ausgelöst hätten.

Es wird auch, aber nicht mehr nur, die Roman-Geschichte von dem 18-jährigen Madjid, dem Alter Ego Charefs, erzählt. Im Grunde scheinen individuelle Geschichten auch keine Bedeutung mehr zu haben. Einzelschicksale ähneln sich und ihre unsägliche Häufung lässt ein Volk wachsen, ein Volk der Not, eines dem Unrecht geschieht, das nirgendwo Wurzeln schlagen kann: das Volk der Migranten. Egal, woher sie stammen, ihr Schicksal vereint sie. Schauplätze der Inszenierung sind Asylbewerberheime, armselige Vororte, das Klassenzimmer für Analphabeten, die enge Wohnung einer algerischen Familie und der Oranienplatz in Berlin (Bühne: Irina Schicketanz). Das Theaterpublikum darf hinter die Mauern blicken, die die gesetzte Gesellschaft vor den Einwanderern „schützt“. Dort lauern Drogenmissbrauch, Prostitution, Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung und grenzenloses Warten. Waren auf ein Leben, das endlich beginnen soll: Ein Leben mit Arbeit, einer eigenen Wohnung, einer Familie, Freunden, ein Leben in der Gesellschaft. Die Migranten vegetieren zwischen der Angst vor einer Abschiebung und der Hoffnung auf Integration dahin. Die Untätigkeit und immer neue Frustrationen ihres Bemühens um einen Ausbruch aus der Isolation lassen viele in die Kriminalität und Sucht abrutschen. So wird es dargestellt.

Die Inszenierung fügt wie eine Collage Schicksale, Situationen und Aussagen zusammen: Video- und Foto-Projektionen bilden immer wieder den Einzelnen ab, lebensgroße Puppen (Kostüme und Puppen: Tine Becker) sind die anonymen Institutionen, und Funktionen, die verfehlen, das Individuum zu bezeichnen. Die Live-Musik (Ketan und Vivan Bhatti) schwankt zwischen Disko-Pop und orientalischen Melodien. Originell ist eine Europa-Kostümierung (Blauer Ganzkörper-Anzug mit gelbem Sternenkranz), in der Schauspieler Christoph Franken als Heilsversprechen über die Bühne hüpft. Gleichzeitig aber drängt Europa die Asylsuchenden immer wieder mit Fragen in die Enge, die einer Anhörung gleichen: Es werden Ausschnitte aus dem Fragenkatalog des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge im Rahmen des Asylverfahrens vorgelesen. Die Inszenierung zelebriert die Trash-Ästhetik und bindet – gleich dem in dem auf Charefs Roman basierenden Spielfilm – Laiendarsteller mit ein. Allesamt haben sie einen mehr oder minder brisanten Migrationshintergrund. Es steht zu vermuten – und die Protestaktion am Ende der Aufführung bestätigt dies –, dass die Darsteller auch ihre eigene Geschichte erzählen. Als einziges Ensemblemitglied des Deutschen Theaters steht Christoph Franken auf der Bühne. Er schlüpft völlig unkompliziert ins verschiedenste Rollen, verausgabt sich zugunsten einer theatralischen Übertreibung, auch des Komödiantischen.

Das Problem der Inszenierung ist, dass Nuran David Calis und die Dramaturgen Claus Caesar und Kristina Stang sich nicht positionieren. Sie wagen keine Aussage. Es scheint, als stünde der Wohlstandsgesellschaft, zumal der deutschen mit ihrer problematischen Geschichte, angesichts dieser Flüchtlinge nur die Option des Mitleids offen. Kriminalität wird nicht kritisiert, sondern als einzige Handlungsmöglichkeit dargestellt; so, als könnten die Migranten gar nicht anders. Die Vorliebe für Migrationsthemen in der Berliner Theaterwelt resultiert – so auch im Deutschen Theater – allzu oft in einer mitleidsvollen Darstellung der Missstände. Wie bestellt erhebt sich beim abschießenden Applaus eine Gruppe “Aktivisten“. Sie halten ein Banner hoch und demonstrieren vor dem Publikum gegen die Zwangsversetzung eines Darstellers von Berlin nach Dortmund. Ohne Zweifel ist jede Handlung, die auf das Wohl einer Gesamtgesellschaft abzielt, die Not lindern will, von Wert. Allein, die Umsetzung verhindert oft ein Echo. Das Wichtigste, das einzige Mittel zur Integration – der Dialog – findet nicht statt. Das Publikum bekommt eine Darstellung serviert und es bleibt ihm freigestellt, ob es sich damit beschäftigt, oder sich dem verschließt. Das Gutmenschentum findet Genüge in der Darstellung, in der Anklage, doch damit genügt es nur sich selbst. Es ist das Wesen des Theaters, darzustellen, das kann man ihm nicht vorwerfen. Jedoch kann eine Darstellung beflügeln, wenn es ihr gelingt, die Zuschauer zum Denken zu veranlassen. Hinlänglich ist bekannt, wie es Menschen ergeht, die sich entschließen, ihr Heimatland aufgrund höchster Not – Krieg, Hunger, Verfolgung – zu verlassen und hoffen, in Europa leben und arbeiten zu können. Eine weitere Darstellung dieser Tatsachen mündet beim Publikum höchstens irgendwann in Verdruss. Denkexperimente, Utopien und auch Horrorszenarien hingegen vermögen, wenn sie überzeugend vermittelt werden, den Zuschauer zum eigenen Denken zu inspirieren. Kaum wird es wohl einer Inszenierung gelingen, das Publikum sofort zur konkreten Tat zu veranlassen. Wenn sich aber in den Köpfen der Menschen etwas bewegt, ist zur Handlung schon ein Anstoß gegeben. Es ist wünschenswert, dass die Berührungsangst mit Migranten und ihren Anliegen abgeschüttelt wird und man beginnt, die Problematik konsequent, visionär und mit eindeutiger Haltung zu behandeln.

Magdalena Sporkmann

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