Nach uns das Nichts von den Polyrealisten

Die Zukunft? – Schwarze Wolken am Horizont.

Wenn zehn Jugendliche sich heutzutage Gedanken über die Zukunft unseres Planeten und der Weltbevölkerung machen, dann entstehen dabei ziemlich düstere Szenarien. Die Polyrealisten, so nennen sich die sechs Mädchen und vier Jungen, bilden die Jugendtheatergruppe der Schaubühne am Lehniner Platz. Unter theaterpädagogischer Leitung von Aline Bosselmann haben sie sich in den vergangenen sechs Monaten mit dem Thema ‚Dystopie‘ beschäftigt. Ihre Gedanken dazu haben sie in einem Theaterstück mit dem Titel Nach uns das Nichts formuliert. Am 31. Januar 2014 feierte das Stück Premiere.

Die Polyrealisten – Dinah Büchner, Lawrence Conrad, Nadja Fallahi, Anna Homann, Paul Huettner, Tim Joppien, Marvin Metag, Isabelle Pikörn, Anna Popova und Antonia Schumacher – spielen sich selbst. – Sie weihen den Zuschauer in den Produktionsprozess des Theaters ein. Jeder berichtet zunächst darüber, wie er persönlich sich die Zukunft vorstellt. Zehn Perspektiven, und doch scheinen einige Zukunftsängste einstimmig vorzuherrschen. Überbevölkerung, staatliche Überwachung und Ressourcenknappheit sind solche Schlagwörter. In kleinen Szenen illustrieren die Jugendlichen ihre Vorstellungen von der Zukunft. So werden kurzerhand zwei umgestürzte Container zu “Wohnmodulen“ erklärt. Eine Frau lebt in dem einen, ein Mann in dem anderen Modul. Sie sind ein Paar, doch meistens sehen sie sich nur auf einem Bildschirm. Für reale Treffen bleibt ihnen aufgrund ihrer Arbeit zu wenig Zeit. Allerdings sind die beiden ein besonderes Paar: Sie wurden vom Staat auserwählt, ein Kind zu zeugen. In Zeiten strenger Geburtenkontrolle wird dieses Privileg nur wenigen zuteil. Um aber ihren “Beziehungsstatus“ nicht zu verlieren, müssen Mann und Frau sich mindestens zwei Mal pro Monat wirklich treffen. – Eine Herausforderung, denn der Leistungsdruck im Job wird laut den Polyrealisten den Menschen der Zukunft noch mehr versklaven.

Alles in allem laufen die Vorstellungen der Jugendlichen darauf hinaus, dass der einzelne Mensch sein Leben kaum mehr individuell gestalten darf. Die wachsende Bevölkerung, so mutmaßen die Jungen und Mädchen, wird in Zukunft nur mittels extremer staatlicher Kontrolle zu regieren sein. Der Einzelne muss sich ganz in den Dienst der Gesellschaft stellen. Materielles und geistiges Eigentum werden abgeschafft. Das Individuum muss gänzlich der Masse weichen. Die persönliche Freiheit wird vollkommen aufgegeben.

Diese durchaus erschreckenden Vorstellungen scheinen sich für die Jugendlichen allerdings nicht zu konkreten Zukunftsängsten zu verdichten. Im wahrsten Sinne des Wortes spielen sie gewissermaßen verschiedene Szenarien durch. Darin spiegelt sich zum einen sicher eine gewisse Unbekümmertheit wieder, die diesem Alter noch eigen ist. Zum anderen aber schwingt in allem immer auch Hilflosigkeit mit. Man tut ja, was man kann, „um ein guter Mensch zu sein, um seinen Mitmenschen und der Umwelt nicht zu schaden“. Es stellt sich an keinem Punkt die Frage, ob eine Umkehr oder zumindest ein Verlangsamen der katastrophalen Entwicklungen, die sich abzeichnen, noch möglich ist. Die Zukunft bekommt etwas Schicksalshaftes. Es scheint, als hätten wir keinerlei Einfluss darauf. Zwar haben die Jugendlichen eine Vorstellung davon, wie sie persönlich mit dem Wandel umgehen wollen, beispielsweise indem sie einen sozialen Beruf ergreifen, um dem sozialen Ungleichgewicht entgegen zu wirken. Jedoch fügen sie sich damit ihrem “Schicksal“, statt die Vision von einer zukünftigen Welt zu entwerfen, in der sie gern leben würden. Die Utopie – das Gegenteil von Dystopie – findet in diesem Stück keinen Platz. Das allerdings kann den Jugendlichen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Es wäre die Aufgabe der Theaterpädagogen gewesen, die jungen Menschen über die Kraft und Verantwortung des Theaters aufzuklären. Die Missstände sichtbar zu machen, genügt eben nicht. Das Theater muss immer auch versuchen, eine Vision davon zu entwerfen, wie diese zu überwinden sind. Um das zu bewerkstelligen, hätte es den Jugendlichen sichtlich nicht an Fantasie gemangelt.

Das Spiel der Jugendlichen zeugt davon, dass es ihnen gut gelingt, sich in verschiedenste Situationen hineinzuversetzen. Sie sind in der Lage, ihre eigene Identität zugunsten der Darstellung zurückzudrängen. Mit Lust am Experimentieren und ohne Schüchternheit gehen sie aus sich heraus und erproben verschiedene theatrale Mittel: Sie singen, tanzen, grimassieren, spielen Pantomime und tragen selbstbewusst ganze Monologe vor. Auch das Publikum wird gern mal ein wenig mit eingebunden.

Nach uns das Nichts beschreibt den Prozess einer Auseinandersetzung mit der gesamtgesellschaftlichen Zukunft. Es ist der Versuch, die abstrakten globalen Entwicklungen zu konkretisieren, indem die Jugendlichen danach fragen, was Klimawandel, Überbevölkerung und Ressourcenknappheit für sie persönlich in zwanzig, dreißig Jahren bedeuten könnten. Zwar sind ihnen durchaus greifbare Szenarien gelungen, jedoch verblassen sie angesichts der Verspieltheit. Oder ist es die Hoffnung darauf, dass alles doch nicht so schlimm kommt, wie es scheint, die der Dystopie ihr Drohendes nimmt?

Magdalena Sporkmann

Leitung: Aline Bosselmann

Künstlerische Mitarbeit: Charlotte Fenner, Rebecca Rahn

Bühne: Sandra Schlüter

Kostüme: Valerie Gasse

Dramaturgie: Giulia Baldelli

Mmusikalische Einstudierung: Jannes Profitlich

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