Venus im Pelz von David Ives

Rollenspiel

Obwohl der Kinofilm Venus im Pelz derzeit in aller Munde ist, gibt es in Berlin noch eine andere Venus zu entdecken: Das Renaissance-Theater brachte im September 2013 Venus im Pelz unter der Regie von Torsten Fischer auf die Bühne. Die Inszenierung ist die deutsche Erstaufführung von David Ives‘ Venus in Fur, dem Stück, das auch dem Polanski-Film zugrunde liegt. In kongenialer Besetzung brillieren Anika Mauer und Michael von Au in dem Zweimann-Stück.

Der Plot ist im Grunde ein Theaterstück im Theaterstück: Der Broadway-Regisseur Thomas möchte den 1870 von Leopold von Sacher-Masoch verfassten Roman Venus im Pelz inszenieren. Er hat selbst die Bühnenfassung dafür geschrieben. Doch die Suche nach der weiblichen Hauptdarstellerin treibt ihn in die Verzweiflung. – Bis Wanda auftaucht. Dies allerdings viel zu spät: Das Vorsprechen ist schon vorbei. Dennoch gelingt es Wanda, Thomas eine Kostprobe ihrer schauspielerischen Qualitäten zu geben. Sie improvisiert – mit ihm in der männlichen Hauptrolle – das Vorsprechen.

Das nach Sacher-Masoch benannte “masochistische“ Ringen um Macht in einem Liebespaar beginnt: Unterwerfung und Dominanz sind die Extreme, zwischen denen die erotische Spannung entsteht. Bald wird das Spiel zu Analyse der tiefliegenden psychologischen Muster, die Autor, Regisseur und Schauspielerin an den Stoff fesseln. Bei Wanda und Thomas sind bald die Trennlinien zwischen Spiel und Wirklichkeit verwischt. Die “Abgründigkeit“ des zivilisierten und populär-psychologisch aufgeklärten Menschen scheint auf. Wanda beschuldigt Thomas, seine Inszenierung zeuge von einer vollkommen frauenfeindlichen, „sexistischen“ Weltsicht. Die Frau werde über 2000 Jahre nach dem Verfassen des Alten Testaments immer noch als Gefahr für den Mann dargestellt. Sie betöre den Mann mit ihren Reizen, um ihm dann Leid und Schmerz zuzufügen. Dieser Schmerz jedoch, so stellt sich heraus, steigert gerade noch das sexuelle Verlangen des “Opfers“. – Masochismus.

Ives‘ Theaterstück ist in seiner Problematisierung von Sacher-Masochs Text durchaus komplex. Die Sprache, auch die Übersetzung von Michael Raab, besteht dementsprechend nicht gerade nur aus Hauptsätzen. Regisseur und Schauspielern aber gelingt eine sehr beschwingte und amüsante Umsetzung des Stoffs. Eine Reisetasche bietet genug Kostüme (Ausstattung: Vasilis Triantafillopoulos), um die improvisierte Probe lebendig zu gestalten. Eine kleine Stehlampe wird kurzerhand zur Venus-Statue erklärt und ein einziger Diwan verwandelt die Bühne in das schwüle kleine Zimmer, in dem Venus dem männlichen Protagonisten zum ersten Mal in ihrer Pelz-Verkleidung erscheint. Ein bisschen theatralische Übertreibung lässt die triebhafte Banalität, die der altehrwürdige Stoff zu verschleiern sucht, zuweilen deutlich zutage treten. Thomas und Wanda, beide kreisen sie um das sexuelle Begehren: er intellektualisierend, sie direkt und unverhohlen. Die Kreise werden immer enger, immer mehr nähern sich die beiden Perspektiven einander an, bis nicht mehr zwischen Spiel und Realität, Mann und Frau, Unterworfenem und Unterwerfer zu unterscheiden ist.

Michael von Au gibt zu Anfang ganz den Intellektuellen, lässt jedoch allmählich das wahre Verlangen, die erotische Gier und die tabuisierten Fantasien aus Thomas hervorbrechen. Immer mehr lässt er die intellektuelle Fassade bröckeln. Zum Vorschein kommt ein Mann, der Selbstbestimmung und Stärke nur als Zwänge seines Geschlechts erduldet, sich eigentlich nach Schwäche und Fremdbestimmung sehnt. Wanda hingegen – unter faszinierender schauspielerischer Kontrolle von Anika Mauer – mimt zunächst das vulgäre Dummchen. Je stärker sie aber Thomas in seinen eigenen Theaterstoff verstrickt sieht, desto mehr lässt sie ihr wahres Wesen erkennen. Sie ist gebildet, kultiviert, stolz und vor allem: Sie liebt die Selbstbestimmung.

Diese humorvolle Auseinandersetzung mit “Weltliteratur“ lohnt allein wegen der schauspielerischen Leistung den Besuch!

Magdalena Sporkmann

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