Die kleinen Füchse von Lillian Hellman

Füchse sind Raubtiere

Als Lillian Hellmans Theaterstück The Little Foxes (zu Deutsch: Die kleinen Füchse) im Jahr 1939 in einer Bradway-Produktion auf die Bühne kam, hatte dies für die Autorin drastische Folgen. Modellhaft zeigt sie in ihrem Stück den Zerfall einer Gesellschaft, deren höchstes Ziel die Anhäufung von Kapital und Besitz ist. Hellman, die Mitglied der kommunistischen Partei war, musste infolge dieser antikapitalistischen Aussage in den USA zahlreiche Repressalien ertragen.

Heute vermag ein solches Stück unsere Ökonomie-gesteuerten Politiker nicht mehr in Schrecken zu versetzen. Mittlerweile weiß man, dass auch antikapitalistische Haltungen gewinnbringend vermarktet werden können. Wenngleich die gesellschaftliche Brisanz von The Little Foxes in der heutigen Wahrnehmung verblasst, ist dieses Stück der erfolgreichsten US-amerikanischen Dramatikerin des 20. Jahrhunderts von großem Interesse.

In der Schaubühne am Lehniner Platz hatten Die kleinen Füchse am 18. Januar 2014 unter der Regie von Thomas Ostermeier Premiere. Der Regisseur hat den spannenden und hoch unterhaltsamen Plot des Stücks durch eine klare und ästhetisch ansprechende Inszenierung zur vollen Geltung gebracht.

Es geht um die Geschwister Regina, Ben und Oscar, die einzig nach Wohlstand streben. Während den Brüdern der finanzielle wie gesellschaftliche Aufstieg gelungen ist, lebt Regina in Abhängigkeit von ihrem Gatten Horace, einem mittleren Bankangestellten, in der Provinz und sehnt sich nach Reichtum, Ansehen und luxuriösen Vergnügungen. Als der attraktive Investor Marshall ihren Brüdern Ben und Oscar eine Beteiligung an seinem neuen, gewinnversprechenden Unternehmen anbietet, wittert Regina ihre Chance: Die Brüder benötigen ihre finanzielle Beteiligung für das nötige Startkapital. Es entspinnt sich ein abgefeimtes Spiel zwischen den Familien der Geschwister, in dem jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist, und man bereit ist, über Leichen zu gehen.

Regina, von Nina Hoss konsequent als gefühlskalte und verbitterte Ehefrau gespielt, triumphiert “dank“ eines perfiden Plans und der nötigen Skrupellosigkeit, diesen zu erfüllen. Oscar und sein linkischer Sohn Leo geben das perfekte Paar ab: So gierig der Vater, so dumm und manipulierbar ist sein Sohn. David Ruland (als Oscar) und Moritz Gottwald (als Leo) geben das Vater-Sohn-Paar als eine Dick und Doof-Analogie. Ben, mit viel Coolness von Mark Waschke gespielt, versucht stets eine starke und unangreifbare Fassade zu wahren, während er innerlich doch vor der kaltblütigen und opressiven Schwester zittert. Den Geschwistern stehen drei Figuren gegenüber, die das ganze Gegenteil vertreten: Horace, Reginas Mann, hat sich seinen relativen Wohlstand erarbeitet, liebt Frau und Tochter und schätzt aufgrund einer schweren Krankheit, die ihm genügend Zeit zum Nachdenken gibt, die “echten“ Freuden des Lebens weit mehr als allen Reichtum. Schauspieler Thomas Bading verleiht Horace viel Warmherzigkeit, Authentizität und Weisheit. Gleichzeitig aber durchschaut Horace – ohne jede Spur von Entsetzen – die korrupte Geschwisterbande vollends und sinnt auf eine edle und lehrreiche Strafe. Seine Tochter Alexandra, von Iris Becher als naiver und idealistischer Teenager gegeben, lernt im Laufe der Geschichte ihre erste harte Lektion des Lebens. Die dritte im Bunde der “Bodenständigen“ ist Addie, das Hausmädchen. Jenny König spielt ihre Rolle mit der perfekten Diskretion und Höflichkeit, die eine Dienstbotin, welche alles weiß und “sich ihren Teil denkt“, stets zu wahren hat. Aus allen Figuren aber sticht Birdie, Oscars Frau, hervor. Sie gehört als einzige dem alteingesessenen Adel an, hat aber Stellung und Besitz an ihren Mann eingebüßt. Seit Oscar Birdie vor 22 Jahren unter Vortäuschung seiner Liebe geheiratet hat, interessiert er sich nicht mehr für sie und möchte ihr lebhaftes Wesen am liebsten ersticken. Birdie ist eine Art widerständiges Element, denn sie ist als einzige frei: Sie fühlt sich keiner Moral, keinem Besitz und keinem Menschen verpflichtet. Damit ist sie zugleich eine traurige Figur: Ohne finanzielle Eigenständigkeit, ohne Ziel und ohne einen Menschen, den sie lieben darf, stolpert sie verloren durch ihr Leben und spricht dem Alkohol zu. Schauspielerin Ursina Lardi versteht es, das ständige Schwanken Birdies zwischen der Einsicht in ihre trostlose Existenz und ihrem unermüdlichen Lebenshunger zu verkörpern.

Foto: Arno Declair

Foto: Arno Declair

Bühnenbild (Jan Pappelbaum) und Kostüme (Dagmar Fabisch) erinnern an ein Filmsetting: Im Vordergrund eine Drehbühne, auf der eine schwarze Leder-Sitzgruppe und ein Flügel die Einrichtung des Wohnzimmers andeuten. Von dort führt eine große Freitreppe ins unsichtbare Obergeschoss. Im Hintergrund öffnen sich die Schiebetüren zum Speisesaal und geben den Blick frei auf eine allzeit gedeckte Tafel. Das Bestechende dieses Bühnenbilds ist seine andeutungsvolle Kargheit, sowie der Clou, einige Figuren immer wieder im Obergeschoss oder dem Speisezimmer “verschwinden“ zu lassen, nur um dann ihre gedämpften Stimmen ab und zu von dort erschallen zu lassen. Ohne viele Mittel ist dieses Bühnenbild außergewöhnlich illusionistisch. Die Kostüme situieren die ursprünglich um 1900 angesetzte Handlung ungefähr in den 1940er Jahren: Die Damen erscheinen in eleganten und farbenfrohen Cocktailkleidern, die Herren tragen zumeist Anzüge.

Insgesamt ist Thomas Ostermeier eine sehr spannende und optisch überaus zufriedenstellende Inszenierung gelungen, deren große Stärke in der liebevollen Ausformulierung der einzelnen Charaktere liegt. Es ist auch eine Inszenierung, die in ihrer Ästhetik zwischen Theaterstück und Film angesiedelt ist. Insofern ist die Wahl von Nina Hoss als Hauptdarstellerin klug, denn ihr ist deutlich eine Spielweise anzusehen, die sich auch im Film bewährt: ohne große Übertreibungen und um Authentizität bemüht. Immerhin scheint das Filmische auch im Originaltext angelegt zu sein, denn bereits 1941 schrieb Lillian Hellman eine Spielfilmfassung des Stoffs.

Magdalena Sporkmann

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