Elektra von Sophokles

Gegen das Vergessen

Elektra: unbestechlich, beharrlich, mutig, die Rächerin ihres Vaters. Die Tragödie Elektra von Sophokles entfaltet in der am 22. November 2013 angelaufenen Inszenierung von Stefan Pucher die ganze widerständige Kraft dieser sagenhaften antiken Frauengestalt.

Der sophokleische Text ist in einer fantastischen Übersetzung von Peter Krumme zu vernehmen. Krumme hat den klaren, einfachen und konzentrierten Charakter des Originaltextes aufrechterhalten. Seine Sprache ist direkt und präzise, dabei höchst poetisch. Sie wirkt den Zeiten entrückt, ohne veraltet zu klingen. Diese Elektra-Übersetzung ist ein sprachliches Erlebnis, auch insofern, als dass sie immer noch an Gesang erinnert. Der Musikwissenschaftler Thrasybulos antwortete auf die Frage, ob der Text bei den Griechen stets gesungen worden sei: „So formuliert, wäre die Frage nicht ganz korrekt, weil der griechische Vers in sich schon Musik enthält. Er braucht nicht erst in Musik gesetzt zu werden … Der Rhythmus wird schon auf der Sprachebene restlos, d.h. auch musikalisch festgelegt, und deswegen kann man durch eine besondere musikalische Rhythmik nichts mehr ausrichten. Der griechische Vers enthält die musikalische Komponente, weil die griechische Sprache sie schon enthält.“1 Diese Sprachmelodie in die Übersetzung zu transportieren, ist eine große Leistung.

Stefan Pucher fördert dieses klangliche Ereignis durch seine Inszenierung. Deutlich geht es dabei um den auf der Bühne gesprochenen Text. Insofern steht er dem antiken Theater nahe. Puchers “Chor“ besteht zwar nur noch aus ein bis zwei Frauenfiguren (Anita Vulesica, Tabea Bettin), die auch nicht singen, jedoch deklamieren alle Schauspieler den Text langsam und deutlich. Man möchte sagen, sie kosten die Sprache aus.

Eine Stärke der Inszenierung ist auch, dass die unter Umständen leicht verwirrenden Zusammenhänge der griechischen Mythologie verständlich und klar dargestellt werden. Immer noch haben die Götter die Gewalt über alle Geschicke der Menschen, doch die Geschichte des Individuums wird auch psychologisch deutbar. Pucher gelingt es, in dem antiken Mythos jene Züge dramaturgisch hervorzuheben, die Identifikationspotential für das Publikum bieten.

Es geht um Elektra (Katharina Marie Schubert), Schwester des Orestes (Felix Goeser) und der Chrysothemis (Tabea Bettin), Tochter der Klytaimnestra (Susanne Wolff) und des Agamemnon. Mit ihrem Geliebten Aigisthos (Andreas Döhler) ermordete Klytaimnestra vor Jahren ihren Mann Agamemnon, um an der Seite Aigisthos‘ über Mykene zu herrschen. Elektra schützte Orestes, der als rechtmäßiger Erbe bald ebenfalls der Machtgier der Mutter zum Opfer gefallen wäre, indem sie den Jungen einem Erzieher übergab, der das Kind in Sicherheit aufziehen sollte. Während Elektras Schwester Chrysothemis sich den neuen Machtverhältnissen anpasst und mittels reicher Gaben mundtot gemacht wird, beklagt Elektra unablässig den Tod ihres Vaters. Sie will den Toten ehren und mit aller Kraft die Erinnerung wach halten. Sie wirkt als eine Art permanentes schlechtes Gewissen auf die Mutter und deren Liebhaber ein. Besonders intensiv und mitreißend ist die Streit-Szene zwischen Klytaimnestra und Elektra gelungen: Klytaimnestra droht Elektra an, sie lebendig in ein Felsengrab zu sperren, wenn diese nicht endlich die Klagen unterlasse. Elektra aber beharrt auf ihrem Recht, die Wahrheit aussprechen zu dürfen. Schamlos bekennt sich Klytaimnestra vor ihrer Tochter zum Gattenmord und sieht diesen als durchaus gerechtfertigt an, da Agamemnon einst Iphigenie, eine weitere Schwester Elektras, opferte. Die Mutter meint also, den Mord an ihrer Tochter gerecht bestraft zu haben. Elektras Argumentation, diese Vergeltungsstrategie fordere geradezu, dass nun Klytaimnestra für den Gattenmord gerichtet werde, ist unschlagbar. Elektra zermürbt die Mutter durch ihre Weigerung zu Vergessen und zu Schweigen. Doch Angst hat Klytaimnestra vor der kühnen Tochter nicht. Diese ist immerhin nur eine (schwache) Frau. Vor der Rache Orestes‘ allerdings bangt Klytaimnestra. Als ein Alter (Michael Schweighöfer) eines Tages die (täuschende!!!) Botschaft bringt, Orestes sei tot, fühlt sich Klytaimnestra endlich sicher. Voller Freude lädt sie den Fremden in ihr Haus ein. Dieser aber kundschaftet es nur aus, um dann Orestes, der dem Rat des Orakels folgend die Mörder seines Vaters erschlagen will, den Weg zu weisen. Orestes begeht die blutige Tat an gleicher Stelle, wo Aigisthos einst Agamemnon erschlug.

Obwohl der Orakelspruch, der Orestes die blutige Rache an den Mördern seines Vaters prophezeit, ganz zu Anfang des Stücks dem Publikum bekannt gegeben wird, baut Pucher einen Spannungsbogen auf und hält ihn bis zum erlösenden Schluss. Dies gelingt ihm nicht zuletzt durch die Vehemenz, mit der die zwischenmenschlichen Probleme in den Dialogen ausgehandelt werden. Obwohl Orestes am Ende die Rache vollzieht, ist Elektra die eigentliche Heldin des Stücks. Sie setzt der Unterwürfigkeit und dem Gehorsam ihrer Schwester, der Machtgier und Skrupellosigkeit ihrer Mutter sowie dem “weisen“ Rat des Chors ihren starken Gerechtigkeitswillen entgegen. Sie ist nicht furchtlos, doch ihr hehres Ziel ist stärker als die Angst, die sie vor der Bestrafung durch die Stärkeren empfindet. Als ihre Hoffnung auf Orestes Hilfe verblasst, möchte sie sogar selbst zur Tat schreiten.

Katharina Marie Schubert gibt der Elektra viel psychologische Tiefe. Sie lässt deutlich Angst und einen starken Willen in der Figur miteinander ringen. Ihre brüchige Stimme zeugt von der Widerständigkeit Elektras und dem täglichen Kampf, an dem diese sich aufreibt. Tabea Bettin spielt Chrysothemis als Elektras mädchenhaft-ängstliches Pendant. Mit großer Zuneigung und Sorge hängt sie an ihrer starken Schwester, doch Furcht und Bestechlichkeit lassen sie zu einer Barbie-artigen Karikatur verkommen. In ihrer Mutter Klytaimnestra, gespielt von Susanne Wolff, sind beide Extreme zu einer unheilvollen Mischung verschmolzen: Mit dem Durchsetzungswillen Elektras frönt sie dem Mammon, der auch Chrysothemis fügsam macht. Mit ihrer Reibeisenstimme gewinnt Wolff die Sympathie des Publikums. Als männliche Rolle sticht Michael Schweighöfer im Monolog des “Alten“ heraus. Mit viel Erzählfreude lässt er die Lüge über Orestes tödlichen Unfall bildlich in der Vorstellung auferstehen. Wie er dabei mit einem Augenzwinkern sein Bewusstsein über das Spiel im Spiel deutlich macht, ist hoch amüsant.

Einzig die Staffage, die Pucher für diese Inszenierung gewählt hat, ist nicht überzeugend: Die Bühne (Babara Ehnes), eine glitzernde Kaskade, auf der die Damen in pastellfarbenen Cocktailkleidern mit Federsaum (Kostüme: Annabelle Witt) und Elektra im Frack – als allzu plattes Zeichen ihres “männlichen“ Mutes – stolzieren, ist gekrönt durch ein Musikpodest. Von dort werden Popsongs (Musik: Christopher Uhe) angestimmt, in denen teilweise der sophokleische Text vertont wurde. Puchers Pop-Ästhetik wirkt zu weich, zu harmonisch und peppig, um der Archaik, Klarheit und schlichten Schönheit der Sprache gerecht zu werden.

 

Magdalena Sporkmann

1Hensel, Georg: Spielplan, Bd. 1. Darmstadt 1966, S. 25 f.

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