Der Kirschgarten von Anton Tschechow

Kirschberg-Kreuzgarten

Seit der Übernahme der Intendanz durch Shermin Langhoff, werden im Maxim-Gorki-Theater bevorzugt Migrations-Themen behandelt. – Man beleuchtet unsere Gesellschaft als eine des “Übergangs“.

Eine andere “Gesellschaft im Übergang“ meinte Anton Tschechow, als er im Jahr 1900 seine Komödie Der Kirschgarten schrieb. Darin geht es um die Familie, der ein Gut, der „Kirschgarten“ gehört. – Nicht irgendein Garten, sondern ein ganz besonders schöner, bezaubernder, berühmter: Er habe sogar eine Eintragung ins Konversationslexikon erfahren. Dieser Kirschgarten nun soll versteigert werden, weil die Gutsbesitzerfamilie ihr Geld auf Reisen und im Rausch verprasst hat. Emporkömmling Lopachin (Taner Şahintürk), Enkel eines ehemaligen Sklaven des Gutes, kauft schließlich den Kirschgarten. Tschechow beschreibt damit metaphorisch das Ende der Feudalgesellschaft und lässt eine Vorahnung auf die Revolution laut werden. Ab sofort soll Reichtum durch Arbeitsleistung und nicht länger durch Herkunft erworben werden.

Am 11.12.2013 hatte am Maxim-Gorki-Theater eine Inszenierung des Kirschgarten Premiere, die mit dem ursprünglichen Stück nicht mehr viel zu tun hat. Regisseur Nurkan Erpulat und Dramaturg Daniel Richter haben eine moderne Lesart entwickelt, die auf die Situation der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland anspielt. Als Gastarbeiter in den sechziger Jahren nach Deutschland geholt, leben sie heute noch größtenteils getrennt von der deutschen Bevölkerung, obwohl sie eigentlich dazugehören. Diejenigen, die über gesellschaftlichen Einfluss verfügen, haben diesen durch harte Arbeit erworben. Auch der Kirschgarten stellt Arbeit als probates Mittel vor, sich in einer Gesellschaft nicht nur nach oben, sondern überhaupt erst in sie hinein zu arbeiten. So weit ist also der Ansatz Erpulats und Richters schlüssig.

Allerdings schießt die Inszenierung in ihrer Dramaturgie übers Ziel hinaus. Regisseur Erpulat lässt Jascha (Tamer Arslan) nicht nur im Jogging-Anzug auftreten, sondern auch noch Slang sprechen. Sofort flackert das Klischee vom markenbewussten jungen Türken aus Kreuzberg auf, der “seiner Kirsche“ eine Ansage macht, wie sie sich zu verhalten habe.

In der Rolle der Erzieherin Charlotta sehen wir Fatma Souad, einen transsexuellen und türkischstämmigen Mann. Fatma Souad bereichert die Berliner Szene als eine Figur, die die Grenzen von Geschlecht und Nationalität überschreitet. Sie ist nun auch im Kirschgarten mit einem Lamento über die gesellschaftlichen, geschlechtlichen und nationalen Zuschreibungen, die sie in ihrer Identitätsentfaltung beschränken, zu erleben. Ein Lamento, das vollkommen fehl am Platze ist, weil es Tschechow überinterpretiert. Mit diesem Ansatz könnte man auch Analphabeten, körperlich Behinderte, kranke Menschen und unendlich viele mehr zu Wort kommen lassen; all jene, die an den gesellschaftlichen Rand gedrängt werden. Das ist zu allgemein, zu willkürlich.

Eine nicht minder verwirrende Figur – allerdings auf andere Weise verwirrend – ist Firs, gespielt von Çetin İpekkaya. Er redet nämlich größtenteils alle möglichen Sprachen, nur nicht Deutsch. Untertitel gibt es keine. Der Großteil des Publikums wird also in die Situation versetzt, nichts zu verstehen, hilflos zu sein. Soll das die unmittelbare Erfahrung sein, die uns plötzlich verstehen lässt, wie sich Menschen fühlen, die in Deutschland leben, aber kein Deutsch verstehen?

Den Schluss der Inszenierung bildet eine türkische Party, bei der die Handlung für ca. 20 Minuten gen Null geht. Man ist als Zuschauer wiederum “außen vor“.

Das Publikum klatscht nach Ende der Aufführung artig. Manche machen einen begeisterten Eindruck. Wahrscheinlich rührt die Begeisterung eher von einem berechtigten Einverständnis mit dem neuen Konzept des Gorki-Theaters zusammen. Direkt mit der Inszenierung kann es nicht zu tun haben: Der Spannungsbogen ist ganz flach und reißt schließlich gegen Ende des Stücks vollkommen ab. Die Komik lässt zu wünschen übrig. Tschechows Stück ist nicht ernst genommen worden. Dafür hat man eine Farce daraus gemacht. – „Es ist kein Drama geworden, sondern eine Komödie, stellenweise sogar eine Farce“, sagte zwar Tschechow über sein Stück. Es steht aber zu befürchten, dass er dies nicht so meinte, wie Erpulat es nun inszeniert hat. Das eigentlich Komische an Tschechows Stück ist die grandiose Lebensuntüchtigkeit der Gutsbesitzerfamilie. Es scheint überhaupt, als gäbe es keinen Sinn im Leben, das spüren sogar Lopachin (Taner Şahintürk) und der ewige Student Trofimov (Aram Tafreshian). Jeder aber begegnet diesem Lebens-Unsinn anders: Die einen mit Leichtsinn und Sorglosigkeit, die anderen mit harter Arbeit oder dem verzweifelten Versuch, durch Philosophieren die schreckliche Leere zu füllen. Der absurde Entschluss ein Fest zu feiern, so lange man auf den Ausgang der Auktion wartet, die einem mit großer Wahrscheinlichkeit den Kirschgarten und damit den Lebensmittelpunkt rauben wird, ist die Krönung von Tschechows Komik. – Es gibt nichts mehr zu verlieren (weil man gemerkt hat, dass man sowieso nichts hat) und das Fest ist ein Tanz auf dem Vulkan. Eine Gesellschaft geht auf gloriose Weise unter.

Wenn man etwas Wichtiges nicht verstanden hat, ist eine gängige Reaktion, dass man sich darüber lustig macht. Das nun möchte man Regisseur und Dramaturgie doch nicht unterstellen. Aber die Komik die Erpulat einflicht, weil ihm Tschechows Komödie anscheinend nicht lustig genug ist, wirkt oberflächlich, platt und langweilig. Das Stück verliert vollkommen seine Poesie und driftet ab in die Niederungen der schlechten Karikatur.

Schauspielerisch sticht Çetin İpekkaya in der Rolle des Alten Firs hervor. Mit Ruhe und Bedacht entlockt er seiner Figur eine sehr feine Ironie und etwas Schelmenhaftes. Überzeugen kann auch Sesede Terziyan in der Rolle der Warja. Sie nimmt ihre Figur ernst und schafft es so als einzige ein Gefühl der Verlorenheit und des Zerfalls zu erwecken.

Bühnenbild und Kostüm haben sich nicht gerade ins Gedächtnis einzubrennen vermocht: Eine Wand, voller alter Bilder, die sich als Tapete Schicht für Schicht entblättern, dazu ein Klavier, an dem die übrigens erholsam gute Sinem Altan musiziert. Dazu zwei Stühle, nicht viel mehr. Die Kleider eine Mischung zwischen spätem 18. Jahrhundert und fiktiven Trachten; dazwischen auch die ultra- moderne Tracht des Jogging-Anzugs, wie gesagt.

Die Plumpheit der Inszenierung mag bei Ästheten und Kunstliebhabern Fluchtreflexe auslösen. Die Bühne ist rein zum Verhandlungsort aktuell-sozialer Probleme geworden. Tschechow hat man suspendiert zugunsten einer “echteren“ Bühnensprache. Mit Sicherheit ist das Theater ein Ort, an dem soziale Probleme behandelt werden müssen, jedoch immer unter der Forderung eine künstlerische Brechung zu erzeugen. Das Theater wird überflüssig, wenn es zeigt, was wir sowieso jeden Tag auf der Straße sehen. Bei dieser Kirschgarten-Inszenierung hat man das Gefühl, dass die Mittel des Theaters irgendwie “untergebracht“ werden mussten, aber den Regisseur eigentlich eher störten. Überdies wurde mit dem Migrations-Thema auf sehr aggressive Weise umgegangen, was eher abschreckend als öffnend wirkt. Warum arbeitet man immer noch mit Klischees, wenn man eigentlich zeigen möchte, dass sie nicht stimmen? Warum verneint man nur, statt etwas Neues – immerhin wird von der “Vision“ gesprochen – zu zeigen?

 

Magdalena Sporkmann

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