Die Rassen von Ferdinand Bruckner

Im Jahr 1933, unmittelbar nach dem Wahlsieg der NSDAP, schrieb Ferdinand Bruckner im Exil sein erstaunlich hellsichtiges Stück Die Rassen über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die Deutschland damals drohten. Am Berliner Ensemble ist Die Rassen nun in einer Inszenierung von Manfred Karge zu erleben. Noch immer entfaltet das Stück seine erschreckende und mahnende Wirkung, allerdings bleibt es seiner Entstehungszeit verhaftet.

Karlanner (Nicolai Despot), Medizinstudent, lebt mit Helene (Marina Senckel), der Tochter eines jüdischen Industriellen (Martin Schneider) zusammen. Ihre Beziehung zerbricht an dem Wahlsieg der NSDAP im Jahr 1933. Angst vor Verfolgung und zugleich der Sog der Massenbegeisterung für das neue Deutschland und dem „arischen Menschen“ entfernen Karlanner von Helene. Er lässt sich eine weile von der aufbrausenden antisemitischen und pro-arisch-deutschen Welle mitreißen, bevor er erkennt, dass er damit seinem eigenen Wesen untreu wird. Er kehrt um, doch so einfach “desertiert“ man nicht von den Braunen.

Stück und Inszenierung zeigen insofern eine originelle Perspektive auf, als dass alle Figuren einem intellektuellen, zum größten Teil akademischen Hintergrund entstammen. Nicht nur wird damit die Behauptung laut, dass auch Geist nicht vor vollkommenen Verirrungen schützt, sondern, dass vielmehr die nationalsozialistische Ideologie völlig getrennt von dem geistigen Vermögen ihrer Träger verstanden werden muss.

Das Bühnenbild deutete durch Marmorbüste und Bücherstapel das akademische Milieu zwar an, hielt sich aber sonst mit einem farblosen, spartanischen Interieur sehr neutral. Es hätte sogar der “Accessoires“ gar nicht bedurft: Bett und Höckerchen, die schwere Türe im Hintergrund waren eindeutig genug: Die Wohnung als Schutzraum und Gefängnis zugleich. Auch die Kostüme – die Nazi-Schergen traten ganz getreu in Braun und mit der Hakenkreuz-Armbinde auf – hätten durchaus zurückhaltender sein können. Die auffällige Kostümierung verhüllte bisweilen die tollen Dialoge.

Mit Nicolai Despot ist die Hauptrolle hervorragend besetzt worden. Er stellte Karlanner als begeisterungsfähigen und am Ende zynischen jungen Mann dar, der innerhalb weniger Wochen um Jahrzehnte zu reifen schien. Marina Senckel gab Helene als bereits reife junge Frau mit einer starken eigenen Weltsicht. Ihr Bühnenvater Marx alias Martin Schneider war auf seine Art weise: Er durchschaute die politische Lage und wusste – als eiskalter Kapitalist – opportun seinen Vorteil daraus zu ziehen. Bemerkenswert schließlich ist auch die Figur des Siegelmann gewesen, in der Winfried Goos alle anti-jüdischen Klischees aufleben ließ und sie eben damit ad absurdum führte.

Die Inszenierung ist als Stück ihrer Zeit und unserer Geschichte, aus der Feder eines heute eher unbekannten, zu seinen Lebzeiten aber erfolgreichen Schriftstellers, durchaus einen Besuch wert. Sie vermag allerdings nicht tiefer in unsere Wirklichkeit hineinzuwirken.

 

Magdalena Sporkmann

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