Die Jungfrau von Orleans von Friedrich Schiller

Jungfrau siegt, Frau erliegt

Um 1430, gegen Ende des Hundertjährigen Krieges. Die „Franken“ scheinen von den „Engeländern“ vernichtend geschlagen zu werden, als sich überraschend das Blatt wendet und ausgerechnet eine Jungfrau das französische Heer zum Sieg führt. Die Rede ist von Jeanne d’Arc, deren Legende Friedrich Schiller fast vierhundert Jahre später in seiner Tragödie Die Jungfrau von Orleans verarbeitete. Er sah in der Geschichte ein Gleichnis für das Aufeinanderprallen eines vorgeblich göttlichen Auftrages mit der realen Welt. Johanna soll, durch die heilige Jungfrau befohlen, die Ordnung der Welt wiederherstellen. Talbot, Feldherr der Engländer, steht als Nihilist und Unterdrücker Johanna radikal entgegen. Sie möchte, geleitet durch eine klare, reine und göttliche Idee die Franzosen von den Engländern befreien und Karl, Dauphin von Frankreich zum König machen, denn der König ist das Symbol der von Gott gesetzten Ordnung.

Fraglich ist, inwieweit sich das Theaterpublikum diese Auffassung ohne jegliches Vorwissen erschließen kann. Die jüngste Inszenierung des Schillerschen Dramas setzt eventuell aus eben diesem Grund auf eine leichter zugängliche Dramaturgie: Die aus einer Koproduktion mit den Salzburger Festspielen entstandene Inszenierung am Deutschen Theater Berlin unter Regie von Michael Thalheimer (Premiere: 27. September 2013) konzentriert sich auf den Konflikt Johannas zwischen ihrem Menschsein und dem göttlichen Auftrag, dem sie sich opfert.

Johanna wird als erstaunlich passive Figur gezeigt. Sie erinnert an eine Puppe, die erst der göttliche Wille bewegt. Wie angewurzelt steht sie die meiste Zeit des Stücks über an einer Stelle auf der Bühne. Ihre Rede trägt sie ohne Gestik vor. Dieses durchaus “Schillersche Verfahren“ ist bisweilen sehr anstrengend für den Zuschauer: Der Schauspieler scheint einzig dazu da zu sein, den Text des Dichters richtig herüberzubringen. Zugegebenermaßen ist die Bühnendichtung bisweilen sehr anspruchsvoll. So mag es zwar irritieren, dass die Aktion auf der Bühne, gemessen an den Kampfhandlungen, die sie darstellt, sehr gering erscheint, jedoch dem Textgenuss ist dies zuträglich. Der Theaterabend lebt von der sprachlichen und intellektuellen Herausforderung. – Die Bühnenästhetik (Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nelhe Balkhausen, Musik: Bert Wrede) hält sich dabei gekonnt zurück.

Man erhält also das Bild einer Johanna, die wie ein Medium funktioniert und den Willen Gottes realisiert – solange sie ihre menschliche Natur zu bezähmen weiß. Nur als reine Jungfrau, als den Menschen fernes, geschlechtsloses Wesen, begeht sie die großen Taten Gottes auf dem Schlachtfeld. Sobald sich aber in ihrer weiblichen Brust die Liebe für einen Mann – den Feldherren Lionel – regt, ist sie ihrer Kräfte und des Schutzes der heiligen Jungfrau Maria beraubt und muss sterben.

Thalheimers Inszenierung scheint darauf hinauszulaufen, das Frauenbild, welches durch diese Johanna vermittelt wird, infrage zu stellen. Getreulich bleibt Thalheimer bei der Schillerschen Version und führt vor, dass die Frau Johanna nur stark und erfolgreich sein kann, wenn sie ihre Emotionen – die offenbar exemplarisch für ihr weibliches Geschlecht stehen – verleugnet. Diese Sichtweise anzuklagen, indem man sie ausstellt, scheint doch ein wenig zu einfach. Eine zukunftsweisende Perspektive wäre hier, wenn man sich schon auf diesen Ansatz verlegt, notwendig gewesen.

Wenngleich ihre Aussage fraglich ist – die Figur der Johanna überstrahlt in dieser Inszenierung dank der schauspielerischen Leistung von Kathleen Morgeneyer alles. Die Schauspielerin wird tatsächlich zum Gefäß der verschiedenen Seelen und Stimmen. Sie ist das Kind Johanna, welches nicht ganz versteht, wie es aus dem friedlichen Leben als Schafhirtin herausgerissen werden konnte und sich nach Ruhe und Geborgenheit zurücksehnt, und im nächsten Augenblick spricht aus ihr der göttliche Zorn auf die Geschicke der Menschheit. Fast schmerzhaft dringen ihre Kampfparolen in den Zuschauer ein. Morgeneyer vermag eine Suggestivkraft zu entwickeln, die die volle Aufmerksamkeit des Publikums gefangen nimmt.

In Erinnerung bleiben jedoch auch Christoph Franken als verweichlichter, unpolitischer und sich in die schönen Künste flüchtender Dauphin Karl, sowie seine Mutter, Königin Isabeau, die von Almut Zilcher erschreckend hart und gespenstisch gegeben wird.

Sonja Anders scheint – dem Ankündigungstext nach – eine ähnliche Lesart wie Schiller vorgeschlagen zu haben. Allein, in der Umsetzung überwiegt die feministische Sichtweise. In Betracht auf die gesellschaftliche Wirksamkeit dieser Inszenierung ist Thalheimer also kein großer Wurf gelungen. Allerdings hat er es verstanden, die sprachliche Kraft des Schillerschen Textes zum Strahlen zu bringen. Es ist denkbar, dass diese Kraft komplexere Problematiken zu tragen vermag als das Lamento über das “schwache Geschlecht“.

Magdalena Sporkmann

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