Die schmutzigen Hände von Jean-Paul Sartre

Kompromiss versus -ismus

Jean Paul Sartres Theaterstück Die schmutzigen Hände wirft Fragen auf, denen – allein beim Gedanken an das revolutionäre Aufbegehren der Menschen in der arabischen Welt – ihre Aktualität nicht abzusprechen ist. Es geht um Ideologie-Treue, Macht, Verrat, Utopie und Realität. Dramaturgin Anika Steinhoff und Regisseurin Jette Steckel stellen in der seit dem 20. Januar 2012 am Deutschen Theater in Berlin laufenden Inszenierung deutlich den Grundkonflikt heraus, der so einfach, wie komplex ist.

Das Stück spielt im fiktiven Staat Illyrien im Jahr 1943, zur Zeit der deutschen Besatzung. Hugo (Ole Lagerpusch) ist ein junger Intellektueller aus bürgerlichem Elternhaus. Er distanziert sich aufgrund seiner politischen Überzeugung von der Bourgeoisie und tritt der kommunistischen Partei bei. Zunächst arbeitet er dort für die Zeitung der Partei. Wenngleich ihm das Schreiben liegt, vermag ihn diese Tätigkeit jedoch nicht zu erfüllen. Er möchte aktiver sein, seiner Existenz durch „echte Taten“ Berechtigung verschaffen. So nimmt er schließlich den Auftrag zur Ermordung des Parteiführers Hoederer (Ulrich Matthes) an. Dieser wird von vielen Mitgliedern der kommunistischen Partei als Verräter angesehen, weil er einen Pakt mit den reaktionären Kräften des Staates anstrebt, um den deutschen Besatzern entgegenzutreten. Hugo wird als Hoederers Privatsekretär eingesetzt und zieht mit seiner Frau Jessica (Katharina Marie Schubert) in dessen Haus ein. Je besser Hugo den Parteiführer kennenlernt, desto mehr fühlt er sich zu ihm hingezogen. Die Selbstsicherheit, Klarheit und Bestimmtheit Hoederers faszinieren den jungen, von Leidenschaft getriebenen und träumerischen Hugo. Er fühlt sich immer unfähiger, Hoederer zu ermorden. Erst als er ihn einer Affäre mit Jessica verdächtigt, gelingt es Hugo, auf Hoederer zu schießen. Nach Jahren aus der Haft entlassen, möchte Hugo den Mord unbedingt als politisch motiviert und nicht als Eifersuchtshandlung verstanden wissen, muss sich aber insgeheim eingestehen, dass er nicht dazu fähig war, der Revolutionär zu sein, von dem er immer geträumt hatte: einer, der bedingungslos und, wenn es sein muss, mit Gewalt für seine Überzeugung kämpft. Doch sogar diese Überzeugungen scheinen plötzlich fragwürdig. Hugo verzweifelt angesichts des Zusammenfalls seiner privaten Utopie, in der kommunistischen Partei eine Gemeinschaft gefunden zu haben, die geschlossen für die Durchsetzung ihrer Ideologie eintritt. Hugo erkennt, dass selbst seine engste Parteigenossin Olga (Anita Vulescia / Maren Eggert) einzig der Partei treu ist, nicht aber ihren eigenen Ideen, die sie durch die Partei vertreten sieht.

Hugo und Hoederer sind als Antagonisten angelegt. Hugo vertritt den jungen Revoluzzer, der an eine Ideologie glaubt, und diese um jeden Preis durchsetzen will. Hoederer hingegen versucht zunächst einmal, die junge Partei als Minderheitenpartei in der Regierung zu verankern. Dafür geht er durchaus Kompromisse ein, die von seinen Parteimitgliedern als Verrat (an der Ideologie) empfunden werden. Hoederer aber vertraut darauf, dass das Volk die Fehler der „großen“ Partei(en) erkennen wird und dann von selbst die junge, kommunistische Partei unterstützt, in der Hoffnung, dass diese den Wandel bringe. Dann erst möchte Hoederer das Volk auf den Weg führen, den er für richtig hält.

Hoederer spürt durchaus Verständnis und Sympathie für Hugo. Er fühlt eventuell sogar an sich selbst als jungen politischen Aktivisten erinnert. Im Laufe seiner politischen Karriere wurde Hoederer jedoch desillusioniert. Er hat den Absolutheitsanspruch, dem sich Hugo (noch) verpflichtet fühlt, ablegen müssen, um handlungsfähig zu sein. Ihm zufolge ist Fortschritt nur durch Kompromisse möglich. Hugo erkennt an der politischen Entwicklung nach Hoederers Tod, dass dieser Recht hatte. Als Intellektueller verkraftet Hugo nicht, „die Wahrheit getötet zu haben“ und richtet sich selbst.

Die Bühne (Florian Lösche), auf der dieses spannende und nervenaufreibende Drama spielt, besteht aus mehreren rotierenden Elementen. Immer wieder drehen sich Wände gegeneinander, einem Mahlwerk gleich; die Schauspieler taumeln zwischen ihnen, immer knapp an dem Moment vorbei, in dem sie zerquetscht würden. Alles ist in unwirklich kaltes Licht (Matthias Vogel) getaucht, man hat den Eindruck, in einen vom Tageslicht abgeschirmten Bunker zu blicken. Hugo bemerkt ebenfalls, im Haus Hoederers fühle sich nichts mehr echt an, alles gespielt. Plötzlich ist nicht mehr klar, was Wahrheit, Wirklichkeit, was Spiel und Lüge ist. Hugo entfremdet sich von seiner Frau Jessica, die zunächst mit scheinbar kindlicher Naivität dieses „Abenteuer“ mit ihm in Angriff nimmt, sich aber im Verlauf des Stücks als überraschend vielschichtige Figur entpuppt. Sie versucht einerseits, den von seiner Mission völlig besessenen Hugo wieder in menschliche Sphären zurückzuholen. Als dies nicht gelingt, führt sie ein Gespräch zwischen Hoederer und Hugo herbei, in dem sie ihre politischen Überzeugungen und Maßnahmen diskutieren. Hugo versteht in diesem Gespräch, dass Hoederer sehr bewusst handelt und durchaus die Kräftigung der kommunistischen Partei beabsichtigt. Hoederer wiederum wird klar, dass Hugo dazu abbestellt ist, ihn, den vermeintlichen Verräter zu töten. Letztendlich erkennt Jessica, dass Hugo dieses Mordes nicht fähig ist und sich deshalb für einen Totalversager hält. Sie verführt also Hoederer und macht Hugo damit so eifersüchtig, dass er endlich handeln kann. Jessicas unterstützt Hugo auf die unbedingte Weise, die auch Hugo in seinem Kampf für die kommunistische Partei anstrebt.

Katharina Marie Schubert gelingt es, Jessica als eine größtenteils komische, lustige Figur darzustellen, ohne sie dabei lächerlich zu machen. Gerade die Klarheit und Konsequenz, mit der Jessica – in teils kindlicher Logik – handelt, lassen sie als eine starke Frau erscheinen. Schlussendlich ist ihre Naivität vielleicht auch nur „gespielt“ und manipulativ. So deutlich ihr alles scheint, so verworren nimmt Hugo, den Ole Lagerpusch als rastlosen, ewigen Zweifler und von dem Strohfeuer seiner politischen Leidenschaft entzündeten Intellektuellen gibt, die Ereignisse wahr. Hoederes nostalgisches Belächeln des jungen Hugo nimmt man Ulrich Matthes ohne weiteres ab. Er macht den Parteiführer zu einer nicht unsympathischen Figur, die auch den Zuschauer durch ihr Charisma besticht.

Die Schauspieler genossen sichtlich den – wohlverdienten – begeisterten Applaus. Der Text des Stückes ist stellenweise sowohl schwierig zu sprechen, als auch – intellektuell – schwierig zu verstehen. Dennoch gelang es Regisseurin und Schauspielern den Konflikt des Werks deutlich zu vermitteln. Die Inszenierung legt dem Zuschauer eindeutig eine Distanzierung von jeglichen Ideologien nahe. Hugo scheitert in seiner Rolle als radikaler und ideologiebesessener Intellektueller. Sein Potential ist eigentlich somit vergeudet. Vielmehr, so ist dem Programmheft zu entnehmen, soll die Rolle des Intellektuellen die eines „Weggefährten“ der Politiker sein. Der Intellektuelle soll also eine Idee und den Kampf für ihre Umsetzung durchaus bejahen, dabei aber die Art und Weise der Umsetzung, sowie die Auslegung der Idee kritisch hinterfragen.

Magdalena Sporkmann

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