Die bitteren Tränen der Petra von Kant von Rainer Werner Fassbinder

Liebesleid

Im Jahr 1971 uraufgeführt, geht Rainer Werner Fassbinders Theaterstück Die bitteren Tränen der Petra von Kant dem heutigen Zuschauer in seiner Problematik noch (erschreckend) nahe. An der Schaubühne Berlin ist Patrick Wengenroth eine sehr mitreißende und berührende Inszenierung des Dramas gelungen, die am 7. September 2013 Premiere feierte.

Die erfolgreiche Modeschöpferin Petra von Kant (Jule Böwe) ist frisch von ihrem zweiten Ehemann geschieden und lebt allein mit ihrer Dienerin Marlene (Patrick Wengenroth) in einem opulenten Apartment. Obwohl sie sich einsam fühlt, behandelt Petra Marlene, die ihr zutiefst ergeben ist, wie eine Sklavin: grausam, gefühlskalt und gemein. Durch ihre Bekannte Sidonie (Lucy Wirth) lernt Petra eines Tages jedoch Karin Thimm (ebenfalls Lucy Wirth) kennen, eine junge Deutsche, die einige Zeit in Australien gelebt hat und nun durch eine Ehekrise nach Deutschland zurückgekehrt ist, ohne ihren Mann Freddy, der weiterhin in Australien lebt. Karin sucht eine Verdienstmöglichkeit und Petra einen Weg aus der Einsamkeit. So bietet die große Modeschöpferin Karin eine Karriere als Model an und spricht davon, sich Hals über Kopf in die junge Frau verliebt zu haben. Karin akzeptiert das Angebot und zieht bei als ihre Geliebte Petra ein.

Die Beziehung offenbart jedoch bald die tatsächlichen Motivationen der Frauen: Während Karin Petras Großzügigkeit und ihre Möglichkeit, Karin berühmt zu machen, ausgenutzt hat, erkennt Petra, dass sie Karin nicht liebte, sondern nur besitzen wollte. Sie versuchte, aus der jungen Frau, die eine tragische Kindheit durchlitten hatte, einen Menschen nach ihren Vorstellungen formen, und sich somit die Gesellschaft „heran züchten“, nach der sie sich so sehnte. Petra entwirft plötzlich nicht nur mehr Kleider, sondern gleich den ganzen Menschen. Es ist absehbar, dass ihr dies nicht gelingen wird und so empfindet Petra Karin bald als undankbar, hinterlistig und faul. Karin hingegen stäubt sich massiv gegen ihre Vereinnahmung durch Petra und versucht, sich ihre Selbständigkeit zu bewahren. Als dies nicht mehr gelingt, kehrt sie zu ihrem Mann zurück, sobald sich die Gelegenheit bietet. Petra versinkt in ihrem Liebeskummer.

Allerdings betrauert sie nicht den Verlust des geliebten Menschen, sondern vielmehr die Erkenntnis, nicht geliebt zu haben und auch nicht geliebt zu werden. Petras Mutter scheint sich immer nur bei ihr zu melden, wenn sie gerade Geld braucht. Auch zwischen Petra und ihrer adoleszenten Tochter Gabi (Iris Becher) scheint die emotionale Verbindung abgerissen zu sein, seit Gabi im Internat lebt. Zuguterletzt entpuppt sich auch Petras Freundin Sidonie als einzig selbstbezogen, oberflächlich und skandallüstern. Vor lauter Kummer über ihre Einsamkeit verstößt Petra Mutter, Tochter und Freundin und entschuldigt sich bei Marlene für ihre jahrelangen Demütigungen, in der Hoffnung, dass wenigstens diese treue Seele ihr erhalten bleibe. Doch Marlene kehrt ihrerseits Petra den Rücken und verlässt sie. Tröstlich lindert das letzte Musikstück dieses Abends den Schmerz mit der Botschaft, dass jeder Kummer einmal ein Ende haben wird.

Fassbinder hat sechs Frauenfiguren entworfen, die allesamt unterschiedliche Sichtweisen auf die Liebe repräsentieren. Petras höchste Maxime ist es, in den Gefühlen und der Kommunikation zum geliebten Menschen immer ehrlich zu sein, selbst, wenn dies schmerzhafte Entscheidungen erfordert. Auch, wenn sie sich anfangs täuscht, was ihre Gefühle für Karin anbelangt, bleibt Petra ihrem Dogma doch treu: Sie bricht mit all jenen, zu denen sie keine Liebe empfindet bzw. von denen sie nicht geliebt wird. Besonders eindrücklich ist Petras Schilderung der letzten, qualvollen Monate ihrer Ehe. Nachdem die Liebe zu ihrem Mann geschwunden war, lebte sie noch ein halbes Jahr unverändert mit ihm zusammen. Schonungslos ehrlich beschreibt Fassbinder hier, wie in Petra angesichts des unehrlichen Zusammenseins – gefühlskalter Sex, eisiges Schweigen, der innere Rückzug – Ekel heranwächst. Eigentlich ist Petra die einzige emanzipierte Frau dieses Dramas: Für sie ist die „wahre Liebe“ der einzige Grund, mit einem Menschen zusammenzuleben.

Freundin Sidonie hingegen hält die Ehe für eine Art „Unterdrücker-Spiel“: Sie gibt ihrem Mann das Gefühl, er beherrsche sie, zieht aber insgeheim selbst alle Fäden dieser Komödie. Wiederum Petras Mutter baut die Beziehung zu ihrer Tochter auf ökonomische Überlegungen auf: Sie pflegt den Kontakt zu Petra, um stets von der reichen Tochter alimentiert zu werden. Petras Tochter Gabi, schließlich, ist zum ersten Mal verliebt. Sie lebt ein rein naives, noch kindliches Bild von der Liebe zu einem Mann. Gabi betet einen Jungen an, weil sie sich von seinem Äußeren extrem angezogen fühlt. Komplexer gestaltet sich Karins Motivation, sich an jemanden zu binden. Einerseits sieht sie in Petra ihre finanzielle Absicherung und ein Sprungbrett in die Welt der Reichen und Schönen. Andererseits, und das scheint ihr weniger bewusst zu sein, spricht sie Petras Kontrollsinn an. Sie mag diesen zunächst mit Fürsorge verwechseln; der Fürsorge, die sie von ihren Eltern nie bekommen hat.

Aus den Verflechtungen dieser widersprüchlichen Liebesvorstellung knüpfen sich schließlich die Seile, die Petra zu Fall bringen. Der Kampf gegen den allzumenschlichen Hang zur Illusion hat letztendlich diese starke Frau zerbrochen.

Das Bühnenbild (Mascha Mazur, Licht: Erich Schneider) – Kaskaden weißen Wollteppichs und rote Samtwände mit weißen Rüschen, erinnert an ein Boudoir. Passend dazu tragen alle Schauspielerinnen Dessous (Kostüme: Andy Besuch). Damit wird eine Sexualisierung ins Spiel gebracht, die nicht zuletzt auf die erotische Anziehung zwischen den „Liebenden“ verweist. Die Erotik erscheint aber auch als „Waffe“ der Frau, mittels derer sie sich Zuwendung zu erkaufen versucht.

Teils ironisch, teils durchaus stimmungsvoll begleitet Matze Kloppe die Schauspieler musikalisch.

Lucy Wirth zeigt sich in dieser Hinsicht nicht nur als sängerisch begabt, sondern ist durch ihre Schauspielkunst in der Rolle der Karin der unumstrittene Mittelpunkt dieses Abends. Sie spricht Fassbinders Text, als wäre er für sie, für ihre Aussprache geschrieben. Das emotionale Spektrum, welches sie ihrer Figur entlockt, versetzt in seinem schnellen Wechsel den Zuschauer in Erstaunen. Lucy Wirth gelingt es, den widersprüchlichen Charakter Karins als in seiner Uneinigkeit vollkommen stimmig darzustellen.

Die Hauptrolle der Petra von Kant ist mit Jule Böwe sicher richtig besetzt. Sie zeigt beide Facetten der Figur glaubwürdig: die selbstbewusste, unabhängige Geschäftsfrau, sowie die von ihren eigenen Emotionen hinweg gerissene Liebende.

Iris Becher spielt die kleine Rolle als Tochter Gabi souverän und verleiht dem Mädchen in seiner emotionalen Vernachlässigung durch die Mutter einen leicht unheimlichen Dreh.

Regisseur Patrick Wengenroth selbst spielt die Dienerin Marlene und gibt damit eine traurig-komische Figur ab, die so in sich gekehrt wirkt, dass sie fast gespenstisch erscheint.

Diese Inszenierung spricht den Zuschauer in erster Linie auf emotionaler Ebene an. Jedoch wirkt sie keineswegs flach, sondern transportiert drängende Fragen: Was ist Liebe? Wie groß ist unsere Angst vor dem Alleinsein? Um welchen Preis leben binden wir uns an andere Menschen? Wengenroth hat es geschafft, die Substanz unserer sozialen Beziehungen anzutasten, ohne dabei auch nur eine Minute belehrend zu sein. Der Abend ist, trotz der Schwere seiner Problematik(en) sehr unterhaltsam. Dieser gelungene Balanceakt verdient Beachtung.

 

Magdalena Sporkmann

Die bitteren Traenen der Petra von Kant

Foto: Gianmarco Bresadola

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