For the Disconnected Child von Falk Richter

Disharmonie

Im Rahmen des Festivals für neues Musiktheater, INFEKTION! führt die Schaubühne eine Koproduktion mit der Staatsoper im Schiller Theater auf. Das Musiktheaterstück namens For the Disconnected Child, für dessen Text, Regie und Choreografie Falk Richter verantwortlich zeichnet, kam am 14. Juni 2013 zur Uraufführung. Das Stück über die inflationäre Kommunikation stark emotionaler Worthülsen und der gleichzeitigen Vereinsamung der Menschen und ihrer Sehnsucht nach Nähe, nach seelischer Berührung, ist ein optisches Spektakel und so aufwändig wie effektvoll gestaltet. Leider ist der akustische Teil, auf den es immerhin maßgeblich ankommt, dem Regisseur aus dem Ruder gelaufen.

Sieben Komponisten zeitgenössischer Musik (Malte Beckenbach, Achim Bornhoeft, Oliver Frick, HHelgi Hrafn Jónsson, Jan Kopp, Jörg Mainka, Oliver Prechtl) haben die Stücke für Richters Inszenierung geschrieben. Diese Heterogenität vermochte Falk Richter jedoch nicht zu einer homogenen Gestaltung zu verflechten. Dem Regisseur gelang es weder, die Stücke in sinnvollen Bezug zueinander zu setzen, noch ein „rundes“ großes Ganzes zu schaffen. Statt die Zerrissenheit der Figuren widerzuspiegeln, wirkte die Musik nur unmotiviert zusammengewürfelt. Dabei stellt sich auch die Frage, warum mit der Prämisse des neuen Musiktheaters so inkonsequent umgegangen wurde: Warum griff Richter auf klassische Musikstücke von beispielsweise Schubert zurück? Viel spannender erschien der Versuch, eine Opernstimme “modernen“, umgangssprachlichen Text singen zu lassen. Während es Geschmackssache ist, welche Kompositionen am meisten gefallen, wurde doch ein Qualitätssprung hörbar: Die Musiker der Staatsoper, der Staatskapelle und deren Orchesterakademie  (Dirigent: Wolfram-Maria Märtig) haben sich deutlich positiv abgehoben.

Wie bereits erwähnt, ist das Stück ansonsten ein “Augenschmaus“. Das Bühnenbild (Bühne: Katrin Hoffmann, Video:  Chris Kondek) hat zwei Etagen, in deren oberer sich mehrere Schlafzimmer befinden. Dies ist der “private“ Raum. Die Öffentlichkeit ist unten: Die Bühne als Bühne, als Straße, als Sichtbares, das Publikum als Publikum. In den Schlafzimmern aber fühlen sich die Figuren unbeobachtet. Dort leben sie ihre Gefühle aus, zeigen ihre Ängste, Sorgen, Träume. Dort sind sie allein. Einsam aber sind sie auch zusammen, auch in der Öffentlichkeit. Skype, SMS, e-Mai, Telefonanrufe – die modernen Kommunikationsmittel werden häufig zitiert. In ihrer “Überbenutzung“ und dem inflationären Gebrauch starker emotionaler Botschaften liegt die Abnutzung der emotionalen Ausdrücke und die nur noch als Worthülse übrig gebliebene „Nähe“ begründet. Die Figuren fühlen sich inmitten der Kommunikation und der vorgespiegelten Beziehungen sogar im vis-à-vis-Kontakt einsam. Tänzerisch findet diese Gespaltenheit zwischen emotionaler Kommunikation und gefühlter Vereinsamung in schmerzhaft anzusehender Weise Ausdruck. Die Tänzer (Steven Michel, Franz Rogowski, Jorijn Vriesendorp) scheinen sich durch die eigene Bewegung Verletzungen zuzufügen; sie tanzen immer allein und immer gegen sich selbst an.

For the Disconnected Child hinterlässt stark den Eindruck, dass die geteilte musikalische Verantwortung von jedem nur noch für sich selbst und nicht mehr für das gemeinsame Werk übernommen wird. Der Regisseur hat den roten Faden aus der Hand gegeben.

Magdalena Sporkmann

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Foto: Arno Declair

 

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