Antwort aus der Stille von Max Frisch

Am 5. Oktober 2012 hatte die Bühnenadaption der Erzählung Antwort aus der Stille von Max Frisch am Deutschen Theater in Berlin Premiere. Regisseur Frank Abt ist eine spannende, sprachgewaltige Inszenierung gelungen, die das Publikum mit existentiellen Fragen in den Bann zieht.

Protagonist Balz Leuthold (Markwart Müller-Elmau) hat schon früh gespürt, dass er anders als die anderen ist und dass er um keinen Preis das gewöhnliche Leben der “normalen“ Leute führen will. Mit knapp dreißig Jahren sieht er all seine hohen Jugendziele unerreicht und sich unaufhaltsam auf jenes gewöhnliche Leben zusteuern, vor welchem es ihn graust und ekelt. Seine Außergewöhnlichkeit ist bisher nicht durch Taten belegt. Das soll sich nun ändern. Er tritt die Besteigung des als unbezwingbar geltenden Nordgrats, einer Bergwand, die viele Bergsteiger ihr Leben kostete, an.

Auf Neudeutsch könnte man sagen, Balz Leutholt bricht zu einem Ego-Trip auf. Max Frisch stellt auf überzeichnete Weise die Frage, was ein erfülltes und (scheinbar) originelles bzw. außergewöhnliches Leben ausmacht. Sein Balz Leuthold trägt deutlich narzisstische Züge. Er ist der Vergrößerungsspiegel, den Frisch und Abt uns vorhalten. Immer auf dem Sprung zum nächsten “Event“, das auf keinen Fall verpasst werden darf, immer an der Arbeit an einem interessanten Image, stets darauf bedacht, sich mit den “richtigen“ Menschen, Dingen, Szenen zu umgeben, um auf keinen Fall als “langweilig“ zu gelten, ist der moderne Mensch vielleicht mehr frustriert und erschöpft als erfüllt. Ein erfülltes Leben, so mögen viele meinen, sei die Summe der Taten und Erlebnisse eines Menschen.

In der Interpretation des poetischen Textes brillierten die drei Schauspieler gleichermaßen. Gabriele Heinz und Katharina Matz sprachen als Erzählerinnen und Leutholts Verlobte Barbara sowie seine Geliebte. Markwart Müller-Elmau gab Leutholt als grimmigen, desillusionierten und doch auch immer noch auf seine “große Tat“ hoffenden Mann. Katharina Metz fiel durch ihr schelmenhaftes Spiel und die kokette Art, auf die sie dem ernsten und zutiefst unsicheren Leutholt begegnete, auf. Gabriele Heinz spielte sich nicht in den Vordergrund, gab aber dadurch dem wunderschönen Text von Frisch einen breiteren Wirkungsraum.

Der Text und die feinsinnige Wiedergabe der poetischen Sprache Max Frischs machen einen großen Teil des Zaubers dieser Inszenierung aus. Dabei fesselt auch die durchgängig gehaltene Spannung das Publikum merklich. Nach dem Applaus klingt die Geschichte weiter: Die Antwort, welche Leutholt in der Stille vernimmt, wird nicht preisgegeben. Jeder muss sie für sich allein finden. Das originelle Leben ist das individuelle Leben. So individuell auch die Antwort auf die Frage, was dieses Leben ausmacht.

Magdalena Sporkmann

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