Die schönen Tage von Aranjuez von Peter Handke

Sommerdialog

Am 9. März 2013 feierte das sehr junge Stück Die schönen Tage von Aranjuez von Peter Handke am Berliner Ensemble seine deutsche Erstaufführung. Dieser „Sommerdialog“ wurde erst 2012 veröffentlicht und im selben Jahr bereits zu den Wiener Festwochen uraufgeführt. Am Berliner Ensemble ist es nun in einer Inszenierung von Philip Tiedemann zu sehen.

Ein Mann und eine Frau sitzen einander an einem Holztisch in einem Garten gegenüber. Von dem Mann befragt erzählt die Frau die Geschichte ihrer Liebe(n), ihrer sexuellen Erfahrungen. Er hingegen fällt immer wieder ein mit Erinnerungen an „die schönen Tage von Aranjuez“. Doch diese sind nun vergangen. Es herrscht Melancholie. Mann und Frau suchen durch das Erzählen nach der längst vergangenen Leichtigkeit, Sorglosigkeit und Lebendigkeit. Für einen Sommernachmittag versuchen Sie ihrem Alltag, dem Jetzt zu entfliehen und sich in diese „schönen Tage“ zurückzuversetzen. Insofern ein sehr romantisches Stück. Bei Peter Handke gleitet Romantik jedoch nie in den Kitsch ab. Der Text ist berührend und fordernd zugleich. Immer schwingt etwas Düsteres mit und die Poesie des Textes erfordert ein gespitztes Ohr und einen wachen Geist. Es werden nicht einfach “die alten Geschichten von Früher“ wieder “aufgewärmt“, sondern Stimmungen verbreitet. Wie diese empfunden und gedeutet werden ist höchst subjektiv.

Philip Tiedemann hat die Bühne bewusst schlicht gehalten: zwei Stühle und ein Tisch aus Holz, ein Strauß Sonnenblumen und ein taubenblauer Horizont. Zuweilen wirft das imaginäre Blätterdach seinen Schatten auf die Bühne (Licht: Ulrich Eh) und das Rauschen der Baumkronen (Ton/ Geräusche: Joe Bauer) erhebt sich in der Stille des Saales. Viel Effekt mit angenehm wenigen Mitteln!

Rüdiger Vogler spielt einen vollkommen in sich ruhenden und dabei sehr scharfsinnigen Mann. Seine Spiel-Partnerin Sylvie Rohrer setzt dem viel Lebendigkeit, Emotionalität und Verträumtheit entgegen. Es ist eine wirklich große Leistung von ihr, diesen schwierigen Text mit solcher Leichtigkeit und Genauigkeit zu interpretieren.

Dieser stark intellektuelle und poetische Text ist sicher nicht das, was man sich von einem so leicht daherkommenden „Sommerdialog“ erwartet, doch er ist es – vielleicht umso mehr – wert, angehört zu werden. Handkes Text und mit ihm Regie und Schauspieler schaffen es, die dichte, schwere, dunstige, spannungsgeladene Atmosphäre dieser besonderen Sommertage, derer es im Jahr höchstens einige wenige gibt, zu verbreiten. Das ist nicht nur mitten im Berliner Winter eine Gedanken-Reise wert.

 

Magdalena Sporkmann

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Ein Kommentar zu “Die schönen Tage von Aranjuez von Peter Handke

  1. Gut getroffen die Kritik. ich fand an dem Stück und der Inszenierung insbesondere den Vergleich mit dem sprachlichen Fäkalzwang, der sonst vorherrscht, bei dem Thema und in der deutschen Literatur, von Axolotl roadkill bis Feichtgebiete, sehr sehr präzise und angenehm hochsprachlich. Mit so einem Text im Ohr geht man gescheiter aus dem Theater, als man hinein gegangen ist. Wenn die Schauspielrei dann noch so vortrefflich hinein verführt… Wunderbar. Tatsächlich eine Reise wert.

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