Das Himbeerreich von Andreas Veiel

Jeder ist Teil des Systems

Am 16. Januar feierte Das Himbeerreich im Deutschen Theater in Berlin Premiere. Regisseur Andreas Veiel hat über 20 führende Banker interviewt und aus den Gesprächen in Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart ein Stück über die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 erarbeitet. Vier männliche, ein weibliches Vorstandsmitglied und ihr Chauffeur berichten aus ihrer Sicht über die Krise. In der Vorstandsetage, einem Raum aus Stahl und Glas, der, abgesehen von den Bewegungen der Rollbürosessel und der Fahrstühle völlig leblos wirkt, treffen sie sich und diskutieren, monologisieren, sinnieren über die Entwicklungen der Krise, die auch sie, die ganz oben stehen, mittlerweile betrifft. Während manche von ihnen sich an der Krise bereichert haben, verloren andere ihren Job. Der eine beginnt plötzlich, das System in Frage zu stellen, gar abzulehnen, der andere durchschaut zwar die nahezu kriminellen Strukturen des Bankenwesens, scheut sich aber nicht, diese für den eigenen Profit zu nutzen. Während die einen vermeintlich wissen, was zu tun wäre, sich aber nicht trauen, zur Zurückhaltung zu gemahnen, setzen andere aus Profitgier weiter auf Risiko. Sind sie alle zusammen verantwortlich für das Platzen der Finanzblase, oder war dies nur der Fehler einzelner?

Man erlebt diese Inszenierung ein wenig wie eine Talk-Runde: Ein paar Experten sprechen zu einem speziellen Thema. Der Zuhörer versteht bei weitem nicht den gesamten Umfang des Inhalts, geschweige denn jeden der Fachbegriffe. Jedoch sind die Argumente und Absichten jedes einzelnen bald deutlich. Das Stück ist insofern spannend, als dass es die Undurchsichtigkeit des globalen Finanzwesens widerspiegelt, ohne jedoch den Zuschauer vollkommen außen vor zu lassen. Dieser begreift sehr schnell, dass die Entscheidungen in den oberen Etagen der Banken geprägt sind von einem permanenten Wettbewerb und Leistungsdruck, von hohen Risiken und Spekulationen. Jeder dort kennt sich in genau den Geschäften aus, in denen er verhandelt, doch es gibt selten einen zweiten, der ihm beratend oder gar kontrollierend zur Seite steht. Eine gewisse Lust am Spiel scheint in diesem Metier ebenfalls nicht unbedeutend zu sein, da das Risiko eher verlockend und anspornend als abschreckend auf die Banker wirkt.

Die Schauspieler und das Bühnenbild (Julia Kaschlinski) bieten alle Mühe auf, die klischeehafte Kaltblütigkeit und Berechnung, die Sucht nach Höher-Weiter-Besser-Schneller und die Exklusivität der Bankenvorstände zu imitieren. Die Bühne ist mit poliertem Metall ausgekleidet und an den Wänden gleiten lautlos zwei gläserne Fahrstühle auf und ab. Zwei schwarzlederne Designersessel sind das einzige Interieur.

Die Schauspieler, allesamt im Business-Outfit (Kostüme: Michael Barth), verkörpern die stark männerlastige Berufsgruppe der seriösen, risikofreudigen, Geld-Glücks-Süchtigen Banker. Susanne-Marie Wrage, Ulrich Matthes, Joachim Bißmeier, Manfred Andrae, Sebastian Kowski tragen die fiktiven Namen Dr. Brigitte Manzinger, Gottfried W. Kastein, Dr. Dr. hc K. von Hirschstein, Bertram Ansberger und Niki Modersohn, doch jede ihrer Aussagen ist real. Der aufgrund des Fachvokabulars und der zuweilen schwindelerregenden Geschwindigkeit schwierige Text wurde von ihnen überzeugend und scheinbar routiniert gesprochen. Jürgen Huth setzte als Chauffeur Hans Helmut Hinz mit einem leichten Berliner Dialekt und seiner fast sensationslüsternen, doch sich abgeklärt gebenden Art einen amüsanten Kontrapunkt zur Ernsthaftigkeit und Großspurigkeit der Banker. Die Stimmung wandelte sich jedoch zusehends, erstaunlich offen wurden die Bekenntnisse der Anzugträger. Veiel berichtet, auch unter den Interviewpartnern aus Bankinstituten in Deutschland, Luxemburg und Großbritannien habe es ein frappierendes Redebedürfnis gegeben. Veiel gelingt es, im Laufe des Stücks die menschlichen Regungen hinter der kühlen, glatten Fassade der Banker durchschimmern zu lassen, ohne dabei sentimentale Entschuldigungen erteilen zu wollen. Ansatzweise geschieht dies in eingespielten Texten, die vermutlich auf die soziale Herkunft der Banker verweisen und diesen damit eine oft „schwierige“ Vergangenheit bescheinigen. Zugegebenermaßen ist dies nicht nur überaus kitschig, sondern auch vollkommen überflüssig, wenn nicht gar kontraproduktiv. Glücklicherweise sind diese Zwischenschaltungen jedoch nicht sehr einprägsam, sodass man sich schnell wieder den Erzählungen der Figuren hingibt.

Besondere Vorsicht ist allerdings ab dem Punkt geboten, an dem Ulrich Matthes als Gottfried W. Kastein ausschert und die Machenschaften seiner Kollegen hinterfragt und kritisiert. Ihm selbst wurde gekündigt. Damit befindet er sich ab sofort unter den (potentiellen) Opfern der Finanzkrise – unter den gemeinen Steuerzahlern. Das Publikum solidarisiert sich mit ihm, fühlt sich sowieso sehr stark in der Gemeinschaft der Betrogenen, was vermutlich auch einen Reiz dieses Stückes ausmacht. – Leider. Der Inhalt, die ausgewählten Aussagen haben die Kraft, auch ohne diese billige Schwarz-Weiß-Malerei zu überzeugen, doch Veiel lässt es sich nicht nehmen, zu betonen, wer die Bösen sind. Dabei ist dies überflüssig, denn sie entlarven sich durch ihre Aussagen bereits selbst als Mit-Schuldige an der Finanzkrise. Viel wichtiger aber ist – und diese Botschaft kommt zu kurz – „Wer auf und [die Banker] zeigt, meint sich selbst.“ Der Zuschauer, der die Entlarvung der Banker als vermeintliche Auslöser der Finanzkrise, selbstgerecht mit spontanem Applaus bekräftigt, sieht wohl nicht, dass auch er als Teil des kapitalistischen Systems zur Finanzkrise beigetragen hat. Es ist so wichtig, dass jeder Zuschauer versteht, dass seine eigene Lebensführung, seine eigenen Werte, sein Konsumverhalten Teil und Mit-Verursacher der Krise sind. Diese Botschaft verkündet die Inszenierung, doch viel zu leise.

Magdalena Sporkmann

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