Macbeth nach William Shakespeare

Macbeth, Heidegger & Co.

Robert Borgmann hat am Maxim Gorki Theater Berlin eine unvergleichliche Macbeth-Inszenierung auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung hatte am 8. Februar 2013 Premiere. Unvergleichlich ist sie, weil es bei Borgmann gar nicht um Shakespeares Geschichte von Macbeth geht. Stattdessen hat Borgmann die Tragödie als Muster gesellschaftlicher Prozesse benutzt und über eine höchst metaphorische Umsetzung versucht zu zeigen, dass das Zusammenleben „ohne eine gesellschaftliche Utopie […] nur Barbarei“ ist – so zumindest behauptet es die Ankündigung des Theaters selbst.

Dem in der Pause wohl recht irritierten Zuschauer mag das Programmheft ein wenig weiterhelfen. Hierin kann er sich zumindest den Inhalt des Shakespeareschen Stücks wieder in Erinnerung rufen, denn aus der Inszenierung allein ist ein Handlungsverlauf keinesfalls zu erkennen. Ohne unterstützende Lektüre kann die Geschichte nicht erschlossen werden. Immerhin wird deutlich, dass Macbeth, angestachelt von seiner ehrgeizigen und machtsüchtigen Ehefrau Lady Macbeth einer Hexen-Prophezeiung durch Mord an König Duncan zur Erfüllung verhilft. Doch schon bald nach der Tat weiß Macbeth: Diese Schuld wird ihn niemals wieder schlafen lassen. Aus Angst vor Entdeckung seiner Tat beginnt nun eine Reihe von Morden, mit denen Macbeth seine Mitwisser und Gegner beseitigt. Während er sich im Laufe dieser Handlung zu einem kaltblütigen, harten und siegessicheren Tyrannen entwickelt, quält Lady Macbeth zunehmend ihr eigenes Gewissen. Schließlich kann sie Angst und Schuld nicht mehr standhalten und richtet sich selbst. Auch Macbeth wird von der Realität eingeholt und die Erfüllung einer weiteren Prophezeiung beendet sein Leben im Macht- und Blutrausch. Die Hexen weissagten ihm, kein von einem Weibe geborener Mensch könne ihm schaden und er werde nicht besiegt, ehe der Wald von Birnam zu seinem Schloss Dunsinam hinaufsteige. Der Wald von Birnam aber steigt zum Schloss hinauf: Eine englisch-schottische Armee hat sich mit Zweigen getarnt und stellt Macbeth auf Dunsinam, um seiner tyrannischen Herrschaft ein Ende zu machen. Ermordet wird Macbeth schließlich von Macduff, der nicht von einem Weibe geboren, sondern vorzeitig aus dem Mutterleib geschnitten wurde.

Es besitzt Ironie, dass die Dramaturgie Auszüge aus dem Text „Der Erzähler“ von Walter Benjamin im Programmheft abgedruckt hat. Darin heißt es: „Immer seltener wird die Begegnung mit Leuten, welche rechtschaffen etwas erzählen können.“ Das Erzählen scheint Herrn Borgmanns Stärke nun nicht zu sein und so ist der Untertitel „nach William Shakespeare“ wohl bedacht gewählt. Der Zuschauer darf nicht erwarten, Shakespeares Macbeth auf der Bühne zu erleben, wenngleich Shakespeares Text in der Übersetzung von Dorothea Tieck weite Teile der Inszenierung bestimmt. Der anspruchsvolle Text könnte viel tragen, würde man nur mehr davon verstehen. Leider gelang es außer Anne Müller in der Rolle der Lady Macbeth keinem Schauspieler, den Text verständlich zu sprechen. Dadurch hat das Ensemble bereits viel verspielt.

Auch der Aufbau der Inszenierung vermag nicht zu überzeugen. Borgmann hat großen Wert auf Symbole, symbolische Handlungen und Figuren-Stellungen gelegt. Munter bevölkern auch eine Menge neuer Figuren seine Macbeth-Version. Der tiefere Sinn von Heidegger, Don Quixote und Batman’s Joker in dieser Inszenierung blieb allerdings verborgen. Freude an schillernden Figuren hat Borgmann wohl allemal und er lässt sie gern durch aufwändige Kostüme – überlebensgroße Krähen und Fledermäuse beispielsweise – in Szene setzen. So gewollt extravagant und schrill diese Macbeth-Inszenierung auch daher kommt, sie vermag nicht zu überraschen: „Ja, sie haben schon wild getanzt und geschrien, jetzt kommen die Nackten“, ist aus dem Publikum zu vernehmen gewesen. Alles nichts Neues, alles riecht gewaltig nach Überfrachtung und Anstrengung. Leider zu nichts als Frustration und Langeweile zielführend.

Zum Spiel: Es soll nicht den Schauspielern zur Last gelegt werden, dass alle Figuren neben den Hauptcharakteren zu einer Einheitsmasse verschmolzen. Dadurch, dass Regisseur Borgmann sie aus ihrer Geschichte gerissen hat, verkamen sie zu undeutlichen, nicht auseinander zu haltenden Charakteren. Wunderbar funktioniert hat hingegen die Auswahl und das Spiel der Hauptdarsteller: Anne Müller als Lady Macbeth und Albrecht Abraham Schuch als Macbeth. Anne Müller trat in High Heels, Stiftrock und hautengem Latex-Oberteil, alles in Hauttönen, auf und war als Karikatur einer Frau „in Führungsposition“ aufzufassen. Dem strengen Auftreten traute man ohne weiteres den verruchten Charakter, die zweckgerichtete Denkweise und den übergroßen Machthunger zu. Nicht nur Anne Müllers Sprech-, sondern auch ihre Spielweise waren messerscharf kalkuliert. Eine Lady Macbeth faszinierend zum Fürchten! Albrecht A. Schuch verkörperte – hierin mit Shakespeare übereinstimmend – Macbeth als Lady Macbeths leicht formbares Machtinstrument, welches sich später im Siegeswahn verselbständigt. Körperlich vor Kraft strotzend zeigt Schuch seinen Macbeth als charakterlich schwach. Dieser lässt sich leicht manipulieren, geht dann aber fast an seinem eigenen Handeln zugrunde. Wie quälend die Schuld für Macbeth ist, lässt Albrecht A. Schuch in extravaganten Posen, farbenreichen Lauten und ungewöhnlichen Gesten erkennen.

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Foto: Thomas Aurin

Ein wirkliches Erlebnis ist die Ästhetik der Bühnengestaltung. Borgmann hat einen riesigen schwarzen, halbtransparenten vieleckigen Raum auf einen sandigen Untergrund gestellt. Dieser Körper ist von Dürers Kupferstich Melancholia inspiriert und soll wohl einen düsteren Trübsinn über alle Figuren breiten. In diesem Raum steht der Thron, worauf Lady Macbeth lässig fläzend die einleitenden Worte, die Beschwörung ihres Gatten, spricht. Im Laufe des Stücks werden die dünnen Plastikwände des Raumes abgefetzt, Macbeth erklimmt das Gerüst, jemand wirbelt durch den Sand … Im Vordergrund spielt eine Pianistin, die das Stück musikalisch live begleitet. Neben ihr steht ein Schreibtisch, an dem eine Dame über Zeitungscollagen von protestierenden Massen, Diktatoren, militärischen Großereignissen näht. Ihre blutverschmierten Hände werden mittels Kamera und Beamer an eine Leinwand neben der Bühne projiziert. Weitere Projektionen, in denen unter Wasser getauchte Gesichter zu sehen sind, finden sich immer wieder an der Saaldecke. Zweifelsohne hat Borgmann damit eine hohe ästhetische Qualität geschaffen. Die ganze Inszenierung ist ein optisches Spektakel.

Allein, sinnentleert – oder überintelektualisiert –, dabei aber wunderschön, darf Theater nicht sein. Dass viele vorzeitig den Saal verlassende Zuschauer diesen Theaterbesuch als Zeitverschwendung empfanden, verwundert nicht.

Magdalena Sporkmann

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